Landtagswahlen im Fernsehen

Es gab Gewinner, Verlierer, aber keinen Sieger

Von M. Hanfeld, M. Hannemann, O. Jungen, P. Schader und J. Thomann

Um 23.23 Uhr war es dann soweit: Wahlleiter Wolfgang Hannappel trägt das vorläufige amtliche Endergebnis vor

Um 23.23 Uhr war es dann soweit: Wahlleiter Wolfgang Hannappel trägt das vorläufige amtliche Endergebnis vor

28. Januar 2008 Im Fernsehen hat das ZDF den Wahlabend vom Sonntag gewonnen. Hier stand von 18 Uhr an mehr oder weniger fest, dass es in Hessen zu einem Patt kommt. Die ARD glaubte eine Zeitlang an den Sieg von Rot-Grün. Beim Hessischen Fernsehen waren die Tumulte um Andrea Ypsilanti und Roland Koch am schönsten.

17.45 Uhr, ZDF.
Im Wahlstudio begrüßt uns Bettina Schausten, die Innenpolitik-Chefin, aus dem Wahlstudio in Hannover. Warum aus Hannover, wo doch die niedersächsische Landtagswahl eine sichere, also langweiligere Sache zu werden verspricht als die hessische? Zumal Wiesbaden ja deutlich näher an Mainz liegt. Will man beim ZDF den Verdacht vermeiden, nur ein besserer Lokalsender zu sein? Oder dachte man sich, dass es sich in Hannover an diesem Abend einfach ruhiger arbeiten lässt?

17.51 Uhr, ARD.
Jörg Thadeusz führt mit etwas Schabernack, der wohl Satire sein soll, in den Wahlabend im Ersten ein. Ein paar Kinder auf dem Spielplatz lässt er namens der CDU versichern: Ihr müsst nicht ins Gefängnis. Wolfgang Clement und anderen wird ein „Ihr könnt mich alle mal“-Schild zum Umhängen empfohlen.

17.54 Uhr. HR-Fernsehen.
Der Hessische Rundfunk hat herausgefunden, dass Andrea Ypsilanti und Roland Koch beide im Sternzeichen des Widder geboren sind. Sie kochen angeblich auch beide gerne.

17.55 Uhr, ZDF.
Aus zwei Chefredakteuren ist einer geworden, oder auch anderthalb. Der eigentlich angekündigte Giovanni di Lorenzo hat seinen Platz am Pult Bernd Ulrich überlassen, seinem Stellvertreter bei der „Zeit“. Ihm gegenüber steht Helmut Markwort vom „Focus“, der in einem ersten Kommentar zur Prognose, die er ja noch gar nicht kennen darf, über die Leistung Andrea Ypsilantis sinniert und wie es ihr gelungen sei, Roland Koch zu „demontieren“.

17.59 Uhr und 56 Sekunden, ARD.
Die ARD sieht in ihrer Prognose Ypsilanti und Rot-Grüne als Wahlsieger. Das wird sich bis kurz vor sieben Uhr auch nicht mehr ändern. Die CDU befinde sich in einer „Schockstarre“.

18.00 Uhr, ZDF.
In der Prognose für Hessen liegt die SPD bei 37 Prozent, die CDU bei 36,5, FDP bei 9, die Grünen bei 8 und die Linken bei 4,8. Das wäre ein Patt. In Niedersachsen hingegen herrschen klare Verhältnisse. „Es reicht also für Roland Koch und die FDP“, ruft Steffen Seibert seiner Kollegin Bettina Schausten zu, die ihn korrigiert. Bei zwei parallel laufenden Wahlen musste das ja jemandem passieren.

18.05 Uhr, ARD.
Eine Wahl kann aus zwei Gründen medienuntauglich sein: Wenn das Ergebnis völlig unklar bleibt (Hessen) oder wenn es viel zu klar ist (Niedersachsen). Beides vermag die ARD nicht aus der Fassung zu bringen. Als ebenso aussagekräftig wie Zahlen gelten ihr schließlich Verhaltensauffälligkeiten. Um fünf Minuten nach sechs, so erfahren wir, verlassen die ersten hessischen CDU-Anhänger bereits den Saal.

18.10 Uhr, ZDF.
Schaltungen zu den Fraktionen von CDU und SPD in Wiesbaden. Bei der SPD hört man nur „Koch ist weg“-Sprechchöre. Bei der CDU wäre mehr zu hören, wenn jemand etwas sagen würde. Die Reporterin konstatiert eine „negative Stimmung“.

18.12 Uhr. ARD.
Claudia Roth von den Grünen verkündet die Losung ihrer Partei, die wir an diesem Abend noch viele Male hören werden: Koch hat verloren, die politische Kultur in diesem Land hat gewonnen.

18.15 Uhr, n-tv.
Nanu? Ein schöner Rücken kann auch entzücken, das ist bekannt. Aber in den ersten Minuten der Wahlübertragung wäre es schon nicht verkehrt, zumindest ansatzweise zu verraten, warum und wo unzählige Rücken auf dem Bildschirm so unruhig hin- und herwackeln, während eine dumpfe Lautsprecherstimme Prognosen verliest, die kein Mensch versteht. Rätsel über Rätsel: Welche heimliche Botschaft zum Beispiel ist mit dem Monitor verbunden, der am Rand der Wahlparty der CDU in Niedersachen die aktuelle „Simpsons“-Folge zeigt? Warum bewegt der Lebensgefährte von Andrea Ypsilanti, ernst und staatstragend an ihrer Seite stehend, seine Lippen absolut synchron zu jedem einzelnen Wort, das sie von sich gab - wie ein Souffleur im Staatstheater? Und wer wählt bei n-tv eigentlich die Beiträge aus der Zuschauerpost aus, so dass der Leserbriefschreiber mit dem hübschen Tarnnamen „m.nichtwähler“ zu bedenken geben darft: „Unsere Staatsform ist überholt.“ Naja, irgendwie muss man bei n-tv die Zeit bis zur großen Reportage des Abends füllen: In Norwegen, weiß sie zu berichten, steht einer der größten Kräne der Welt. Endlich Nachrichten, die bewegen.

18.15 Uhr, ZDF.
Als erste prominente Bundespolitikerin im ZDF meldet sich Claudia Roth, die Koch eine „krachende Niederlage“ bescheinigt und sagt: „Unser Hauptziel ist erreicht - Koch muss weg.“

18.22 Uhr, ARD.
In Hannover erklingt Popmusik. „Komm mit uns ins Zukunftsland“, der Wahlsieger Wulff kündigt sich an.

18.30 Uhr, ZDF.
Helmut Markwort zeigt sich weiterhin fasziniert von Andrea Ypsilanti, er spricht von ihrem „Magnetismus“. Bettina Schausten weist auch dem SPD-Vorsitzenden einen Anteil am Erfolg zu und fragt Bernd Ulrich: „Kommt Kurt Beck überhaupt noch drum herum, Kanzlerkandidat zu werden?“ Ulrich gibt zu bedenken, dass die linke Linie in Niedersachsen nicht zum Erfolg führte und meint, dass die große Koalition nach den beiden Wahlergebnissen eher stabilisiert sei. „Wieder mal zeigt sich: Der Wähler kann weise sein“, sagt Bettina Schausten.

18.31 Uhr, ARD.
Den Ausgang der Landtagswahl in Niedersachsen hat der NDR-Chefredakteur Andreas Cichowisz schon abgehakt. Ihn interessiert von nun an nur noch die Frage: Wann wird das Bundesland zu klein für Wulff? Als ob alle niedersächsischen Ministerpräsidenten beizeiten in Berlin das Weite suchen müssten.

18.35 Uhr, ZDF.
Jetzt wird's menschlich. Neben dem obligatorischen „Woran hat's gelegen?“ wagen sich die ZDF-Reporter auch auf eine persönlichere Ebene. „Was fühlt man so?“, wird die hessische Grüne Kordula Schulz-Asche gefragt. An ihren Fraktionskollegen Tarek Al-Wazir geht gleich darauf die Frage: „Wie geht's Ihnen?“

18.37 Uhr, ARD.
Im Ersten wird der niedersächsische SPD-Spitzenkandidat Wolfgang Jüttner physiognomisch dechiffriert: „Er lächelt zwar, aber sieht nicht besonders glücklich aus.“

18.40 Uhr, ZDF.
Immer diese dummen Zahlen aus Niedersachsen, die an diesem Abend doch niemanden interessieren. „Es gibt eine neue Hochrechnung, die hat natürlich hier immer Priorität“, entschuldigt sich Bettina Schausten für die Unterbrechung.

18.42 Uhr, ARD.
Der strahlende Sieger des Abends, Christian Wulff, muss dann doch erklären, warum ihm mancher Prozentpunkt davongeschwommen ist: Das Wetter war schuld. In seiner ersten Stellungnahme zwar bedankt sich der Ministerpräsident noch dafür, dass seine Wähler „trotz Regen“ den Weg ins Wahllokal gefunden hätten. Aber damit gilt es indirekt doch als bewiesen und wird oft repetiert: Weil ein haushoher Sieg Wulffs ohnehin als sicher galt, konnte, wer damit einverstanden war, gemütlich zu Hause bleiben und das „Sauwetter“ aussitzen. Ob es aber tatsächlich so eine große Sache gewesen wäre, einmal in fünf Jahren zum Schirm zu greifen und zur Urne zu gehen?

18.44 Uhr, HR-Fernsehen.
Tarek al Wazir hat die Sprachregelung der Grünen mitbekommen: „Ein gutes Ergebnis für die politische Kultur in Deutschland.“

18.46 Uhr, ARD.
Jetzt schwant auch den Wahldeutern der ARD, was man beim ZDF von Beginn an wusste: Dieser Wahlabend wird in Hessen mit einem Patt enden.

18.50 Uhr, HR-Fernsehen.
Der HR zeigt den tumultösen Einzug von Andrea Ypsilanti. „Wie eine Heldin“ werde sie gefeiert, ihre Fans wollten „sie küssen, sie umarmen“, sie schreien: „Hier fallen fast die Tische um.“ Die Kandidatin ruft aus: „Die Sozialdemokratie ist wieder da. Wir haben für eine andere politische Kultur in diesem Land gekämpft und wir haben gewonnen.“

18.51 Uhr, ARD.
Das Erste meldet die entscheidende Beobachtung aus der hessischen SPD-Zentrale: „Die Leute springen auf, hüpfen rum“, wollen sämtlich Andrea Ypsilanti „anfassen“. Damit ist eigentlich alles gesagt.

18.55 Uhr, ZDF.
Vielleicht hätte man doch besser aus Wiesbaden senden sollen. Während Bettina Schausten mit Steffen Seibert die hessischen Zahlen analysiert, sieht man im Hintergrund Christian Wulff die Mitarbeiter im Studio begrüßen, was nicht nur Schausten etwas ablenkt: „Christian Wulff, der Wahlsieger ist bereits versammelt“, sagt sie. Gleich mit den „heute“-Nachrichten soll die Runde der Spitzenkandidaten befragt werden. Bis dahin bleiben nur noch zwei Minuten, die Schausten mit einer Frage an Wulff füllt, welche sich im Grunde wieder nur um Koch dreht: „Haben Sie den richtigen Wahlkampf geführt?“ Wulff sagt, dass er den hessischen Wahlkampf nicht verfolgt habe.

18.57 Uhr. ARD.
Im Ersten werden die Gewinne der Lotterie „Ein Platz an der Sonne“ vorgestellt, Frank Elstner steht da und es sieht aus wie ein Werbespot aus den ersten Tagen des Farbfernsehens.

19.00 Uhr, ZDF.
„heute“ beginnt mit einer neuen Hochrechnung, nach der die Linkspartei im hessischen Landtag wäre. Eine rot-grüne Mehrheit, wie sie „auf anderen Sendern schon verkündet wurde“, sagt Seibert nicht ohne Stolz, sei kaum mehr möglich.

19.05 Uhr, ZDF.
Wahlabende sind Festivals der unbeantworteten Fragen. Ob er nun in der CDU die „Kronprinzenrolle“ einnehme, will Bettina Schausten von Christian Wulff wissen, der sich stattdessen ausführlich über die starke Linkspartei und die Schwäche der SPD äußert.

19.08 Uhr, ZDF.
Wenn das ZDF seinen Zuschauern noch Roland Koch zeigen möchte, so wird es allmählich knapp: Um 19.30 Uhr beginnt „Faszination Erde“ mit Joachim Bublath. In der Runde der hessischen Spitzenkandidaten steht nicht Koch, sondern Verteidigungsminister Jung. Andrea Ypsilanti wird von der Landesstudioleiterin Anne Reidt gefragt, ob angesichts dieses Ergebnisses eine Koalition mit der Linkspartei für sie „tabu“ bleibe. „Ich hoffe bis zum Schluss auf eine rot-grüne Mehrheit“, sagt Ypsilanti. Eine Antwort auf die Frage ist das nicht. Seltsam, dass Anne Reidt das anschließend so wertet, als habe Ypsilanti „die Gretchenfrage ablehnend beantwortet“.

19.23 Uhr, HR-Fernsehen.
Die Kollegen aus Mainz sollten mal zum HR rüberlinsen. Dort bahnt sich der erste Auftritt von Roland Koch an diesem Abend an. Die Reporterin kann sich gar nicht darüber einkriegen, dass über der Tür, durch die Koch den Saal betreten soll, ein Kreuz hängt. Ein Kreuz, ein Kreuz! Ein Menetekel? Was soll es uns sagen? Minister Volker Hoff sagt der Reporterin, was sie wissen will: Der Ministerpräsident kommt von da hinten durch den Aufzug. Oder nimmt er die Treppe? Ist ja schließlich ganz schön weit bis in die fünfte Etage. Dann heißt es plötzlich: „Koch ist schon da.“ Doch wo? Die Kamera sucht ihn und kann ihn nicht finden. „Er scheint noch irgendwo im Raum festzustecken.“

19.25 Uhr, ZDF.
Auch Kurt Beck mag sich im Interview mit Bettina Schausten nicht klar äußern zu einer Koalition der hessischen SPD mit Linken und Grünen oder mit der CDU in Hessen. Und wieder glaubt das ZDF, eine klare Antwort bekommen zu haben, nämlich, so Bettina Schausten, die „Bestätigung, dass es nicht zu einem Bündnis mit der Linken kommen wird.“

19.28 Uhr, HR-Fernsehen.
Im Ersten ist die „Lindenstraße“ gerade angelaufen, im Zweiten redet Beck, beim HR sitzen wir in der ersten Reihe: Roland Koch spricht. Er übernehme die Verantwortung für das Wahlergebnis. Was das genau bedeutet, verrät er nicht. Das Erste geht mitten aus seiner Rede hinaus.

19.28 Uhr, ZDF.
Die letzte Chance ist vorbei: Die ZDF-Sendezeit ist vorüber, und Roland Koch ist dem Zweiten entwischt. Die schillerndste Hauptfigur des Abends, sei es als Bösewicht, tragischer Held oder unverwüstlicher Kämpfer, hat der Sender seinen Zuschauern vorenthalten müssen: ein unbefriedigender Abschluss. Besser wird es auch nicht dadurch, dass Bettina Schausten auf den digitalen „ZDF-Infokanal“ und auf „online“ verweist. Wer will jetzt schon die „Faszination Erde“ sehen?

20.07 Uhr, N24.
Zur vollen Stunde gibt's Nachrichten für N24. Basta. Die sind für gewöhnlich fünf Minuten lang, und wahrscheinlich muss man schon dankbar sein, dass danach nicht automatisch auf „Kronzuckers Kosmos“ umgeschaltet wird, sondern erst noch die Hochrechnungen zu Ende aufgelistet werden dürfen. Der N24-Korrespondent in Hannover steuert sogar eine wichtige Information zu, die bei den anderen Sendern glatt vergessen wurde: Vor der Wahl hat Christian Wulff versprochen, sich einen Bart wachsen zu lassen, wenn die Wahlbeteiligung unter 67 Prozent fällt! Nun, das ist sie dann tatsächlich, und N24 hat gleich mal investigativ nachgefragt, woraufhin Wulff zugeben muss: „Die Wette wird eingelöst. Ich werde mir über Ostern zwei Wochen einen Bart wachsen lassen.“ Im Anschluss kommt die Doku „Vulkanausbruch in der Karibik“.

20.15 Uhr, Eins Extra.
Was läuft eigentlich beim „Informationssender“ Eins Extra, den ARD-Chef Fritz Raff so gerne über die private Konkurrenz stellt, weil die ja statt aktueller Nachrichten so viele Dokukonserven zeigt? Na, wenigstens keine Dokukonserve. Aber auch keine eigene Analyse des ARD-Teams, das wahrscheinlich lieber „Tatort“ schaut. Stattdessen stellt Eins Extra einfach die Programme der Landessender durch, erst das des HR, später das des NDR, was im digitalen Fernsehen nun wirklich überhaupt keinen Sinn macht, weil man dann ja auch gleich die Dritten direkt einschalten kann.

20.17 Uhr, ARD.
Nichts als Wahlberichterstattung in der „Tagesschau“. Und direkt danach - die Wetterkarte. „Das Wetter sollte eigentlich noch nicht kommen“, sagt der Sprecher Torsten Schröder. Es werden schnell noch ein paar internationale Nachrichten nachgeschoben. In Soth Carolina hat Barak Obama die Vorwahlen bei den Demokraten gewonnen.

20.25 Uhr, HR-Fernsehen.
Beim HR macht heute so schnell keiner das Licht aus. Beim NDR haben sie wohl mit dem Wahlausgang gerechnet, um neun Uhr gibt es Unterhaltung. Nicht so beim HR. Ein Wahlkreis nach dem anderen kommt dran. Besondere Langmut brauchen die beiden Kandidaten von CDU und SPD aus Kassel. Kaum machen sie den Mund auf, wird schon wieder nach Wiesbaden geschaltet, weil da die Großkopferten auftauchen. Im Studio entschuldigt sich der Moderator Jörg Rheinländer ein ums andere mal. Und schaltet ein ums andere mal um.

20.30 Uhr, n-tv.
Es sieht ein bisschen nach schlechtem Gewissen aus, so, als sei doch noch jemandem nachträglich aufgefallen, dass es keinen so tollen Eindruck macht, wenn man sich als Nachrichtensender auch an einem Wahltag um viertel nach acht von aktuellen Analysen und Interviews verabschiedet, um eine Dokumentation über Riesenkräne zu zeigen. Also unterbricht n-tv dann sein Programm und schickt neue Hochrechnungen über den Sender. Danach laufen bis 21 Uhr wieder die Riesenkräne.

22.00 Uhr, ARD.
Anne Will fragt nach dem wundersamen Aufstieg der „frischgebackenen Instinktpolitikerin Andrea Ypsilanti“. Gregor Gysi zahlt in noch größerer Münze als Grüne und SPD aus: Die CDU habe ein rassistisches Wahlprogramm verfolgt und einen rassistischen Wahlkampf geführt, dass sie damit keinen Erfolg habe, sei ein Zeichen für ganz Europa und darüber hinaus. Klaus Wowereit wertet die Hessen-Wahl als „Aufstand der Anständigen“. Wolfgang Bosbach bleibt die Spucke weg, der Medienberater Hans-Hermann Tiedje sieht einen beinharten, keinen rassistischen Wahlkampf und „Kampagne gegen Kampagne“ am Werk. Der türkischstämmige CDU-Mann Zafer Mese hat den Wahlkampf seiner Partei „mit gemischten Gefühlen“ verfolgt, er konnte seine Frau nicht davon abhalten, nicht die CDU zu wählen. Beim nächsten Mal werde das aber wieder anders sein. Die Schauspielerin Renan Demirkan hat einen ganz großen Auftritt. Der Humanismus müsse siegen, der Rassismus sei abgewählt worden. „Völkisch“ und „spekulativ“ sei der Wahlkampf von Roland Koch gewesen. Wir wissen inzwischen allerdings nicht mehr, welchen Wahlkampf Frau Demirkan verfolgt haben will. Vielleicht fand er nur in ihrem Kopf statt.

23.09 Uhr, ARD.
Am Ende des Abends fasst auch der WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn im Ersten in Worten und Zahlen, was das Zweite gegen 18 Uhr beschwor: alles pari in Hessen, bis auf das Zehntel hinter dem Komma. Tom Buhrow stolpert bei dem Satz, dass jetzt plötzlich „falles ast anders“ aussehe. Also fast alles anders. Dabei ist es nur die Autosuggestion, welche die Hochrechnungen des eigenen Senders für ein paar Stunden beschworen hat.

23.23 Uhr, HR-Fernsehen.
Wolfgang Hannappel, der Wahlleiter, trägt das vorläufige amtliche Endergebnis der Landtagswahl in Hessen vor. Rund 60.263 ungültige Stimmen (2,3 Prozent), das sei im Rahmen des Üblichen. Und ist mehr, als die Freien Wähler (0,9 Prozent) und die NPD (0,9 Prozent) zusammen bekommen haben.

23.44 Uhr, HR-Fernsehen.
Der Landeswahlleiter erklärt, was passiert, wenn es am 5. April im Wiesbadener Landtag keine Mehrheit für einen neuen Ministerpräsidenten gibt: Roland Koch regiert weiter. Die Kommentatorin des HR meint im pluralis majestatis, „wir Hessen“ könnten uns eine große Koalition in Wiesbaden nicht wünschen.

23.54 Uhr, HR-Fernsehen.
Der Regionalreporter in Eschwege sieht ziemlich müde aus. Was für Ringe unter den Augen. Die Lippenbewegungen der Zugeschalteten werden immer asynchroner. Die SPD habe die Wahlkreise in Eschwege zurückgewonnen, es war wohl nur ein „schwarzes Intermezzo“, heißt es. Später rauschen die Ergebnisse aus den einzelnen Wahlkreisen in graphischer Darstellung in die Nacht. Der HR spielt dazu leichte Jazzmusik.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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