Von Martin Lejeune, Moskau
29. Mai 2008Einen Moment, bitte, entschuldigt sich Michail Efimovich Schwydkoj. Wieder klingelt das Telefon. Fünf Apparate stehen auf dem Schreibtisch des Leiters der Russischen Bundesagentur für Kultur und Kinematographie. Eines davon läutet immer. Schwydkoj ist gefragt. Kurz und entschieden führt er seine Gespräche. Doch das ist nur die eine Seite dieses Mannes, die des Staatssekretärs, auf dessen Schreibtisch sich die Akten türmen. Der andere Michail Schwydkoj, ein vergeistigter Kulturkritiker, philosophiert donnerstagabends im Fernsehen ausgiebig über die Welt der Kunst. Dann läuft sein Feuilleton Die kulturelle Revolution im öffentlichen Kanal Kultur.
Der Theaterwissenschaftler moderiert noch zwei weitere Sendungen. Der Kanal STS sowie der auch in Deutschland ausstrahlende Privatsender RTVI präsentieren Schwydkojs Gesprächskreis Das Leben ist schön, benannt nach dem Film von Roberto Benigni. Die Gastfreundschaft für Komödianten, eine aufwendig produzierte Schau, in der allerhand Filmgrößen auftreten, läuft einmal monatlich im staatlichen Kanal Nummer Eins.
Russland erlebt derzeit nicht nur in der Schwerindustrie eine Phase steigender Produktivität. Allem voran wächst der Markt für audiovisuelle Medien. Laut einer Untersuchung der Welthandelsorganisation ist der Dienstleistungssektor, und hier insbesondere die Film-, Fernseh- und Internetbranche, das weltweit am schnellsten wachsende Industriesegment mit einem erwarteten Umsatz in Höhe von zwei Billionen Dollar im Jahre 2011.
Die Wirtschaftsberatungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers hat gerade eine Studie über das Mediengeschäft in Russland vorgelegt. Allein 2006 ist die Unterhaltungsbranche um 7,1 Prozent gewachsen, 2007 hat sie 21,1 Milliarden Dollar umgesetzt. Russen gaben 2006 für Filmunterhaltung 703 Millionen Dollar aus, 412 Millionen Dollar davon an den Kinokassen. Die Wirtschaftsberater erwarten, dass die Ausgaben für Kinokarten in den nächsten fünf Jahren auf 941 Millionen Dollar steigen. Der Markt der Filmunterhaltung soll von 703 Millionen auf jährlich 1,4 Milliarden Dollar wachsen.
Ein Antreiber des Medienbooms ist zweifelsohne Michail Schwydkoj. Wie wurde aus dem Theaterwissenschafter, der 1973 bei der kleinen Fachzeitschrift Theater als Kritiker begann, der Chef der größten russischen Filmbehörde? Schwydkoj war 1997 einer der Gründer des Senders Kultur und dessen erster Chefredakteur, bevor er zum Intendanten der Nationalen Rundfunkgesellschaft VGTRK aufstieg, die neben drei landesweit empfangbaren Fernsehstationen 88 regionale Fernsehprogramme produziert. Von 2000 bis 2004 war er Kulturminister der Russischen Föderation. Seither leitet er die Agentur.
Schwydkoj ist froh über den Wechsel: Der Minister für Kultur muss die Haushaltsdebatten führen mit dem Parlament. Er ist verantwortlich für die Gesetze. Er macht die Spielregeln, ohne selber mitzuspielen. Ich hingegen mache das Spiel. Und ich spiele lieber. Den Reiz des Spiels dürfte der Etat ausmachen. Während das Kulturministerium über ein Budget von zwanzig Millionen Euro verfügt, darf Schwydkoj jedes Jahr 1,5 Milliarden Euro ausgeben. Für die Filmförderung stehen ihm jährlich hundert Millionen Euro zur Verfügung, und zwar nicht nur für russische Filme, sondern auch für Koproduktionen. Die Fiktion wird mit 75 Millionen Euro unterstützt, die restliche Summe teilen sich Animation und Dokumentarfilm.
Sechzig Millionen Euro vergibt die Technische Jury, bestehend aus Filmkritikern, Regisseuren und anderen Filmschaffenden. Über rund vierzig Millionen verfügt eine Wirtschaftliche Jury, die die Erträge der Produktionen einschätzt. Weitere 3,5 Millionen Euro kommen der Kategorie Mein erster Film zugute. Dieser Bereich soll künstlerische Experimente ermöglichen. Fernsehprojekte werden in Ausnahmefällen gefördert. Ein solcher ist die Anna Karenina-Produktion des Filmemachers Sergei Solowyow.
Zufällig betritt nun gerade Solowyow das Büro von Schwydkoj. Nach einer herzlichen Begrüßung sagt der ihm gleich: Ich glaube, du willst Geld von mir. Doch Solowyow erzählt lieber von Anna Karenina: Im Oktober kommt der Film in die Kinos, wenig später laufen im Fernsehen fünf Episoden. Diese Parallelauswertung ermöglicht es, auch historische Stoffe aufwendig zu produzieren.
Ein weitere aktuelle Produktion ist der Science-Fiction-Film Obitaemyy ostrov von Fjodor Bondartschuk, der über ein Budget von dreißig Millionen Dollar verfügen darf. Es ist die Verfilmung des 1971 erschienen Romans Die bewohnte Insel der Gebrüder Arkadi und Boris Strugatsky. Der Produzent Alexander Rodnyansky will optisch und technisch an Produktionen wie Matrix oder Children of Men anknüpfen. Der Regisseur Nikita Michalkow dreht derweil Utomlonnye solntsem 2, die Fortsetzung von Utomlonnye solntsem (1994), die einen Oscar bekam. Der Film spielt in den dreißger Jahren, der Zeit der stalinistischen Säuberungen. Michalkow dreht zum Teil in Deutschland mit deutschen Schauspielern, für Sequenzen, in denen der KGB auf deutschem Boden operiert. Jede Familie hat eine Erinnerung an diese Zeit der großen Unterdrückung, erzählt Michalkow. Deshalb wird der Film sehr erfolgreich werden.
Die CTB Film Company, ein weiterer großer Produzent, beendete als letztes Mongol Movie von Sergei Bodrow sr. Das im Sommer 1170 angesiedelte Epos handelt vom Aufstieg des jungen Temudzhin zum größten Stammesführer der Geschichte, dem Dschingis Khan. Mongol Movie ist auch die Geschichte einer erfolgreichen deutsch-russischen Koproduktion, die CTV mit X Filme Creative Pool in Berlin durchführte. Ebenfalls eine deutsch-russische Koproduktion ist The Rainbowmaker von Nana Dzhordzhadze, der dieses Jahr anlaufen soll.
Auch im Fernsehen sind Deutsche in Russland gerngesehene Partner. Anton A. Nazarow, der Direktor des Senders Ren TV, ist offen für internationale Koproduktionen. Hat Ren TV bis 2002 erst 96 Stunden Fiktion und Dokumentation produziert, waren es 2004 100 und 2007 schon 360 Stunden. Dreißig Prozent des Senders gehören der RTL-Gruppe.
RTL ist mit dem Gemeinschaftsunternehmen Continental Finance Group auch in den Kabel- und Satellitenmarkt der Russischen Föderation eingestiegen und produziert Spartenkanäle, das Investionsvolumen beläuft sich auf neun Millionen Euro. Mit neun Milliarden Dollar hingegen will die Nationale Rundfunkgesellschaft RTRS bis 2015 eine komplette Umstellung der Rundfunkübertragung auf digitale Technik ermöglichen. Die Hausantenne wird dann Vergangenheit sein. Es wäre der Höhepunkt in der Modernisierung einer Branche, die 1918 mit Lenfilm in Sankt Petersburg, dem ältesten Filmstudio Russlands, begann.
Lenfilm bietet heute vier große Ateliers, in denen auch Außenaufnahmen für Der Untergang (2004) gedreht wurden. An eigenen Spielfilmen produziert Lenfilm vier pro Jahr. Die Geschichte des Moskauer Studios Mosfilm begann etwas später, im November 1923 mit den Arbeiten am Film Mit den Flügeln nach oben von Boris Michin, herausgekommen 1924. 1927 wurde eine Kinostadt errichtet, die seit 1936 den Namen Mosfilm trägt.
Heute ist das Studio im Süden der russischen Hauptstadt mit seinen vierzehn Pavillons das größte Europas und nicht nur deshalb, sondern auch der technischen Ausstattung wegen führend. Im für Orchester mit bis zu 150 Musikern ausgelegten Konzertsaal nahm schon Ennio Morricone auf. Mit elf Hektar zweitgrößtes Studio Moskaus sind die Russian World Studios, die ihren Sitz in einer ehemaligen Lastwagen-Fabrik haben. In den Studios werden pro Jahr dreihundert Projekte verfilmt, vom Reklamespot bis zum Spielfilm.
Wie viele Filme und Fernsehstücke in Russland gedreht werden, weiß niemand genau zu sagen. Es wird geschätzt, dass fürs Fernsehen jährlich hundert Filme und 2500 Stunden Seifenoper entstehen. Der Staatssekretär Schwydkoj jedenfalls gab letztes Jahr Fördergelder für hundertfünfzig fiktionale Filme, fünfhundert Dokumentationen und 850 Animationsfilme aus. Und die einheimischen Produktionen kommen an - im Fernsehen und im Kino, wo sie zuletzt mehr als ein Viertel der gezeigten Filme stellten.
Auf diese Entwicklung sei er stolz, sagt Schwydkoj. Und blickt nach Deutschland. Die Türen seien offen, doch wolle man die gleiche Situation für uns in Deutschland vorfinden. Obwohl der russische Film erfolgreich in ganz Europa sei, zeige etwa die Berlinale kaum russische Stücke. Er verstehe nicht, wieso der Berlinale-Chef Dieter Kosslick keine russischen Filme mag, sagt Schwydkoj. Ein Koproduktionsabkommen zwischen Deutschland und Russland gibt es nicht. Unlängst habe er dies bei einem Treffen mit dem deutschen Kulturstaatssekretär Bernd Neumann angesprochen. Doch wollten Filmemacher oder Produzenten schon jetzt in Russland drehen, so Schwydkoj, werden sie auf keine Grenzen oder Hindernisse stoßen. Ich sorge dafür, einen Weg für sie zu finden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Martin Lejeune
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