Fernseh-Übertragungen bei der Tour

„Noch steigen wir nicht aus dem Sattel“

17. Juli 2008 Er ist der Teamchef von ARD und ZDF für die Fernsehübertragung von der Frankreich-Rundfahrt: Roman Bonnaire spricht über die neuesten Dopingfälle, die Moral und die Einschaltquoten in diesem Jahr - und warum die Öffentlich-Rechtlichen weiter übertragen.

Herr Bonnaire, mit dem Italiener Riccardo Ricco haben die Kontrolleure den dritten Doping-Sünder der Tour de France 2008 entlarvt. Wird es jetzt Zeit, sich bei ARD und ZDF Gedanken über einen Ausstieg wie im Vorjahr zu machen?

Unsere Vorgabe lautet, dass wir bei Einzelfällen nicht aussteigen. Anders sieht es aus, wenn wir den Eindruck haben, dass ein ganzes System dahinter steckt und der Veranstalter ein Teil davon ist. Derzeit ist der Ausstieg kein Thema. Es mag vielleicht paradox klingen, aber wenn der eine oder andere Fahrer erwischt wird, tut das sogar ganz gut. Gäbe es nach drei Wochen Tour de France keinen einzigen Dopingfall, ginge die Glaubwürdigkeit der Kontrollen doch gegen Null.

Die Tour fing für ARD und ZDF mit schwachen Einschaltquoten an, jetzt gab es eine Steigerung – trotz der ersten Dopingfälle. Wie lautet Ihre Zwischenbilanz?

Nach all dem was in den Jahren zuvor geschehen ist, hat für uns die Tour sogar stärker begonnen als gedacht. Ich brauche Ihnen ja nicht zu erklären, dass der Radsport viel von seiner Glaubwürdigkeit verloren hat. Am Montag bei der zweiten Pyrenäen-Etappe bewegten wir uns aber in der Spitze bei einem Marktanteil von neunzehn Prozent, was über drei Millionen Zuschauern entspricht. Das ist schon sehr ordentlich.

Viele Radsportfans vor dem Fernseher können das Thema Doping nicht mehr hören. Klammern Sie und Ihre Kollegen es aus, wird von anderer Seite der Vorwurf kritikloser Event-Berichterstattung nach dem Muster früherer Jahre laut. Sie stecken in einem Dilemma.

Die Situation ist sicher nicht einfach. Im vergangenen Jahr haben wir mehr Dopingberichterstattung gesendet, als so manchem Radsportinteressierten lieb war. Aber mit Blick auf die Vorfälle war diese Reaktion richtig. Vor der diesjährigen Tour verständigten wir uns auf eine grobe Linie, wonach wir über Doping berichten, wenn es aktuell ein Thema ist, wie im Falle von Beltrán und Duenas Nevado, jetzt von Ricco. Was in der Vergangenheit im Radsport alles falsch lief, ist bekannt. Wir setzen bei der Tour 2008 deshalb auch auf Beiträge über Doping-Prävention und stellten etwa ein Anti-Doping-Jugendcamp oder das Neusser Modell als ganzheitliche Antidoping-Kampagne vor.

Die Akzeptanz des Radsports in Deutschland ist längst nicht mit der von vor ein paar Jahren zu vergleichen. Damals war die ARD Co-Sponsor von Team Telekom. Ihre Arbeitsgrundlage sieht heute anders aus.

Die Bedingungen haben sich drastisch gewandelt. Wir dürfen und werden nicht in alte Zeiten zurückfallen, wo die Nähe zum Radsport sicherlich zu groß war. Die Jubelkommentare von damals wird es nicht mehr geben. Man kann vielleicht sagen, wir seien in der Vergangenheit zu nah dran gewesen. Daraus haben wir gelernt und mehr Distanz in unserer Berichterstattung, trotz der großen Begeisterung, die hier in Frankreich selber herrscht. Wenn ein Fahrer bei einer Bergetappe an den anderen vorbeifliegt, muss man mögliche Zweifel im Blickwinkel haben und auch thematisieren. Unsere Kommentatoren müssen den Spagat schaffen, einerseits den sportlichen Wettbewerb zu bewerten und andererseits nicht wie in früheren Zeiten in große Euphorie zu verfallen.

Wie steht es um das Verhältnis zwischen den Fahrern und dem ARD/ZDF-Team?

Im vergangenen Jahr war es nach unserem Ausstieg richtig schlecht. Da ist ein Erik Zabel ohne Worte einfach an unseren Kameras vorbeigegangen. Inzwischen hat sich die Lage wieder entspannt. Aber eine größere Distanz ist auf beiden Seiten sicher vorhanden.

Mit Marcel Wüst hat die ARD einen Experten engagiert, der in seiner aktiven Zeit für das Skandalteam Festina fuhr. Wie passt das mit dem von Ihnen angedeuteten Neuanfang zusammen?

Natürlich gab es im Vorfeld Diskussionen. Wir haben uns die Zusammenarbeit mit Marcel Wüst sehr genau überlegt und mehrfach mit ihm Gespräche geführt. Er machte uns glaubhaft, dass er nicht gedopt hat, auch wenn er es letztendlich nicht beweisen kann. Und wir umgekehrt auch nicht.

In den veröffentlichten Notizbüchern von Willy Voet, dem damaligen Festina-Masseur, dessen Verhaftung den Festina-Skandal ins Rollen gebracht hatte, taucht allerdings auch an zwei Stellen der Name Wüst im Zusammenhang mit EPO auf.

Marcel Wüst kann sich nicht erklären, warum sein Name darin steht. Er hat versucht, uns gegenüber alles offen zu legen und ist dabei wirklich sehr weit gegangen. Unter anderem zeigte er uns Blutwerte von damals. In der Zeit, um die es bei den Voet-Eintragungen geht, hatte Marcel Wüst Hämatokrit-Werte von 42 und 44. Jeder, der sich auch nur ein bisschen mit der Materie beschäftigt, weiß, dass das nicht gerade für die Einnahme von EPO spricht.

Richard Virenque, Wüsts ehemaliger Teamkollege, ist als Lügner und Dopingsünder entlarvt worden und wird aber nach wie vor von den Franzosen verehrt. In Deutschland wäre das undenkbar.

Die Deutschen scheinen da wesentlich weniger nachsichtig zu sein. Ullrich, Zabel oder Aldag wurden in Deutschland gefeiert und jetzt sind viele Leute von ihnen bitter enttäuscht. Wir gehen mit solchen Dingen offensichtlich anders um als die Franzosen, Italiener oder Spanier. Als Stefan Schumacher am vergangenen Dienstag ins Gelbe Trikot fuhr und wir trotzdem am selben Tag ein Stück über den Festina-Skandal vor zehn Jahren brachten, konnte Tour-Direktor Christian Prudhomme nur den Kopf schütteln. Nach dem Motto: Wie kann man an einem solchen Tag für den deutschen Radsport so etwas senden.

Werden ARD und ZDF auch im nächsten Jahr von der Tour de France berichten?

Darüber entscheiden die Intendanten im September.

Die Fragen stellte Roland Wiedemann.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, BeckerBredel

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