Kabarett im ZDF

Kommando Zornige Alte

Von Jörg Thomann

Rededuell: Schramm (l.) und Priol

Rededuell: Schramm (l.) und Priol

23. Januar 2007 Genau in dem Moment, als es wirklich spannend wurde vor einer Woche in „Menschen bei Maischberger“, war die Sendung schon zu Ende. In der Runde hatte die ARD ihre Hauskabarettisten versammelt: die „Scheibenwischer“-Stammbesetzung mit Bruno Jonas, Mathias Richling und Richard Rogler sowie Uwe Steimle, der als NDR-„Polizeiruf“-Kommissar in Diensten der ARD steht. Neben Hildebrandts „Scheibenwischer“-Erben, drei in sich selbst ruhenden, graumelierten Herren in feinem schwarzen Zwirn, wirkte Steimle in knallbuntem Hemd und Jeans wie der Grundschüler, der sich auf den Abi-Ball verirrt hat. Die anderen drei behandelten ihn auch so: Mit milder Herablassung und Kopfschütteln wurden Steimles naiv anmutende, leicht verschwörungstheoretische Ausführungen kommentiert.

Am Ende aber war es mit der Gelassenheit vorbei, als nämlich Steimle den „Scheibenwischer“-Kollegen vorhielt, manchmal auch „Staatskabarett“ zu sein. Für einen Moment sah es aus, als werde sich Richling seines edlen Jacketts entledigen und über den Tisch springen. Stattdessen höhnte er: „Du willst zu uns kommen!“ Auch wenn die Tatsache, dass Steimle das gar nicht abstritt, dem Vorwurf etwas von seiner Schärfe nahm, ging es bei diesem Scharmützel nicht nur um gekränkte Eitelkeiten großgewordener Kleinkünstler; Richlings Reaktion zeigte, dass hier ein wunder Punkt berührt worden war.

Der bessere Provokateur

Das kabarettistische Selbstverständnis, als subversives Element die vermeintlich Mächtigen zur Weißglut zu treiben, leidet schwer in Zeiten, in denen Politiker nichts stärker fürchten als den Verdacht, humorlos zu sein. Der Adelsschlag, dass eine ihrer Sendungen verboten wird, ist für Kabarettisten ferner denn je, und die selbsternannten Sittenwächter aus Medien und Politik zu provozieren, gelingt einem Dieter Bohlen heute wesentlich besser. Als älteste und bekannteste Kabarettsendung ist der „Scheibenwischer“ der natürliche Adressat für alle Vorwürfe, harmlos, zahnlos und einfallslos zu sein. Eines ist er auf jeden Fall: konkurrenzlos. Wer sich in der Szene einen Namen machen möchte, der muss irgendwann von einer der zahlreichen Satiresendungen in den Dritten Programmen oder bei 3sat den Sprung auf die „Scheibenwischer“-Bühne schaffen.

Mit diesem Alleinstellungsmerkmal aber ist es von heute an vorbei. Das ZDF hebt, sechsundzwanzig Jahre nach dem Ende von Dieter Hildebrandts „Notizen aus der Provinz“, wieder eine regelmäßige Kabarettsendung ins Programm. Der Titel „Neues aus der Anstalt“ beschreibt den Schauplatz, eine fiktive Nervenklinik, darf aber auch als ironische Selbstreferenz des ZDF verstanden werden (auch wenn die Irrenhaus-Metapher nach dem jüngsten Jauch-Theater besser zur ARD passt). Gastgeber sind zwei Routiniers: Den Chefarzt spielt Urban Priol, der dreieinhalb Jahre bei 3sat die Sendung „Alles muss raus“ präsentierte und in seiner Heimatstadt Aschaffenburg Weltruhm genießt, der Patientensprecher wird Lothar Dombrowski heißen. Der knorrige alte Preuße mit der Kunsthand ist das bekannteste Alter Ego Georg Schramms, der im vergangenen Jahr im Streit den „Scheibenwischer“ verließ. Dem Konkurrenzkampf mit der ARD verleiht die Konstellation eine pikante Note, hatte Schramm doch seinen Ausstieg damit begründet, es leid zu sein, stets allein den „Krawallbruder“ zu geben - und seinen Partnern Richling und Jonas damit indirekt mangelnden Biss vorgeworfen. Beim ZDF steht er nun unter dem Druck, es besser zu machen.

Hildebrandts Rückkehr

Zu Schramms Dombrowski, bei dessen unversöhnlichen Tiraden dem Zuschauer das Lachen oft nicht im Hals, sondern noch tiefer steckenbleibt, bietet Urban Priol den denkbar größten Kontrast. Optisch mit gesträubtem Haarkranz über der Halbglatze als Clown getarnt, bettet er seine Spitzen in einen Wortschwall aus weichem Südhessisch. In der von Mitt- und Endfünfzigern dominierten deutschen Kabarettszene geht Priol mit seinen fünfundvierzig Jahren fast als Nachwuchstalent durch; erfreulich wäre es, wenn neben Schramm und Priol regelmäßig junge Talente den Beweis antreten dürften, dass es im Kabarett tatsächlich etwas Neues gibt.

Ein ganz Alter indes wird heute dabei sein, dessen Zorn nicht verraucht ist: Dieter Hildebrandt, dem vom ZDF kurz vor dem Wahlkampf 1980 eine „Denkpause“ verordnet worden war - worauf er zum SFB wechselte und den „Scheibenwischer“ startete. Der frühere ZDF-Intendant Karl Holzamer, erinnert sich Hildebrandt in seinem Buch „Was bleibt mir übrig“, habe ihm in einem Abschiedsgruß bescheinigt, ein „einäugiger, angestaubter Eulenspiegel“ zu sein. Doch mit dem Zweiten soll man ja besser sehen - und als Gast in „Neues aus der Anstalt“ darf Hildebrandt beweisen, dass er mit neunundsiebzig noch den Durchblick hat. Ob Holzamer, der im vergangenen Jahr hundert geworden ist, zuschaut?

An diesem Dienstagabend um 22.15 Uhr im ZDF.



Text: F.A.Z., 23.01.2007, Nr. 19 / Seite 40
Bildmaterial: ZDF/Kerstin Bänsch

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