
Welten treffen aufeinander: „Bild”-Chefredakteur (l.) und ehemaliger „Zeit”-Herausgeber mit dem Buch des Anstoßes
23. Oktober 2007 Rache, sagt das Sprichwort, ist ein Menü, das man kalt genießt. Daran, so darf man sagen, wollte Michael Naumann, der ehemalige Herausgeber der Zeit, sich nicht halten. Nach Berlin geladen von Kai Diekmann, dem Chefredakteur der Bild-Zeitung, dessen neues Buch Der große Selbstbetrug vorzustellen, nahm Naumann Rache, nicht nur im übertragenen Sinn und nicht kalten Herzens. Hart, aber herzlos, und das sagte er auch.
Kai Diekmann hat ein Buch geschrieben, in dem er genauso hart, aber herzlos und auch nicht kühl mit den Achtundsechzigern abrechnet. Er lastet ihnen so ziemlich alle Unbill an, die einem in unserem Land auffallen kann. Im Privaten genauso wie im Politischen, schreibt Diekmann, hätten die Achtundsechziger nur Unheil gestiftet und nichts geleistet, das zu bewahren sich lohne.
Dürfen Politiker Urlaub machen?
Zu seinem Buch, das sich als Polemik versteht, wollte der Auftritt von Naumann also passen. Wenn man über Selbstbetrug schreibe, sagte Diekmann, solle man sich keinen Laudator, sondern einen Kritiker einladen, ins Restaurant Sale e Tabacchi nach Berlin, über dem die Redaktion der taz residiert. Ein Toskana-Abend war ausgerufen, doch dem entsprachen nur das Ambiente und die Getränke.
In Diekmanns Buch kommt Naumann vor. Auf Seite 101, um genau zu sein, und wird dort als bigott bezeichnet. Weil er, nach seinem vormaligen persönlichen Rückzug aus der Politik als Kulturstaatsminister bei Gerhard Schröder, im Sommer 2003 in der Zeit dazu aufrief, den Politikern den Urlaub zu streichen. Ihre Leistung, meinte Naumann, stehe nicht für lange Pausen. Den Chefredakteur der Bild-Zeitung wollte er seinerzeit - darüber gehen die Darstellungen zwischen den beiden allerdings ein wenig auseinander - für seine Idee begeistern. Doch Diekmann lehnte dankend ab; er fand, wie er schreibt, dass Parlament und Regierung Ferien verdient hätten. Also keine Bild-Kampagne.
Naumann: Das Buch ist ein geistiger Skandal
Ferienstimmung verbreitete nun, vier Jahre später, keiner von beiden. Diekmann trug aus dem letzten Kapitel seines Buches vor, in dem er ein vergiftetes Lob der Achtundsechziger singt. Nichts sei durch sie besser geworden, sie seien politisch gescheitert und hätten die Verhältnisse mitnichten zum Tanzen gebracht, die antikapitalistische Sehnsucht so wenig gestillt wie die Lebenschancen der weniger Begüterten gesteigert, stattdessen sei das Gewaltmonopol des Staates bedrohlich gewachsen.
Bedrohlich jedoch fand Naumann die, wie er sagte, Verachtung des Staates, die der durchaus begabte Autor verrate. Die Verantwortungsdiffusion, von der Diekmann schreibe, habe diesen offenbar selbst erfasst, da er die imaginären Gutmenschen für alles erdenklich Schlechte verantwortlich mache: Irgend jemand muss schuld sein. Wobei hinter der Staatsfeindlichkeit eine populistische Sehnsucht nach Führung, wenn nicht nach einem Führer aufscheine. Nicht nur das Lebensgefühl von Achtundsechzig lasse sich nicht im Springer-Bildarchiv rekonstruieren. Vor allem das Denken in Feindbildern, das er hier vorfinde, sei inakzeptabel. Das Buch, meinte Naumann schließlich, sei in sich selbst ein geistiger Skandal.
Wie beim Fototermin zwischen Nord- und Südkorea
Ein Skandal blieb an diesem Abend aus. Franz-Josef Wagner, der Bild-Kolumnenveteran, rief zwar von hinten, Naumann möge aufhören, doch der kam auch so zum Schluss. Der von ihm fürwahr nicht gelobte Diekmann ertrug es mit demselben säuerlichen Lächeln, mit dem Naumann zuvor Diekmanns Einführung gelauscht hatte. Die zunächst bedrückten Mienen des SPD-Plakatkünstlers Klaus Staeck und des ehemaligen Bild-Redakteurs und hernach Regierungssprechers Bela Anda hatten sich zwischenzeitlich aufgehellt, die der Springer-Journalisten verdüstert.
Die Welt von Kai Diekmann ist voller Rätsel, sagte Naumann, der sich als SPD-Kandidat in Hamburg von Bild totgeschwiegen fühlt. Höflich stellten sich die beiden Kontrahenten dann gemeinsam den Fotografen. So stellt man sich einen diplomatischen Termin zwischen Nord- und Südkorea vor. Hernach gab es toskanische Häppchen. Sie waren nicht kalt.
Text: F.A.Z., 24.10.2007, Nr. 247 / Seite 46
Bildmaterial: dpa