Internet

Kampf um YouTube

Von Heiko Behr

Youtube-Comedystars: Barats and Bereta

Youtube-Comedystars: Barats and Bereta

12. März 2007 YouTube sorgt dieser Tage weltweit für Schlagzeilen. Zuerst hat die britische BBC mit dem Internetportal einen Vertrag geschlossen, den man getrost als sensationell bezeichnen kann: Die britische Rundfunkinstitution und der New-Media-Darling sitzen nämlich künftig in einem Boot. Von sofort an stellt die BBC bei YouTube als erster internationaler Sender ausgewählte Programme zur Verfügung. Das Angebot fächert sich in drei sogenannte „Channels“ auf. „BBC Worldwide“ zeigt Clips aus dem aktuellen Fernsehprogramm, „BBC“ präsentiert kurze Trailer oder Blogs internationaler Reporter, der dritte Kanal „BBC News“ enthält Nachrichtenschnipsel. Wie bei YouTube üblich, gibt es keine kompletten Sendungen zu sehen, man konzentriert sich auf appetitliche Häppchen. Was damit erreicht werden soll, ist offensichtlich: Die BBC hofft auf ein neues Publikum, und YouTube verankert sich in der Welt der „alten Medien“. Und da hinter YouTube der Suchmaschinenkonzern Google steht, entsteht gerade ein richtiges Medienimperium.

Welche Machtkämpfe das - auch ohne das Zutun von Medienkonzernen - entfacht, hat sich vor ein paar Tagen in der Türkei gezeigt. Ein Gericht in Istanbul hat den Zugang zu YouTube von der Türkei aus gesperrt. Den Anlass dazu gab ein angeblich aus Griechenland eingespielter Videoclip, in dem der türkische Staatsgründer Kemal Atatürk als schwul bezeichnet wurde. „Ich bin der Vater der schwulen Türken“, heißt es in dem Video, das eine veritable Internetschlacht entfacht hat. Denn die Beleidigung Atatürks hat sich die türkische YouTube-Gemeinde natürlich nicht bieten lassen. Die bei YouTube eingestellten Videos von hüben und drüben, die sich in Beleidigungen überbieten, zählen inzwischen nach Hunderten. Von der Türkei aus sind sie vorläufig nicht zu erreichen, doch wissen die User natürlich, auf welchen Server-Umwegen sie zur Plattform gelangen. Wirksam ist das gerichtliche Verbot also nicht, es macht es lediglich denjenigen in der Türkei schwerer, die Atatürk verteidigen wollen.

Die BBC ist drin, die Türkei draußen

Fernsehvertrag als “LisaNova“: Lisa Donovan

Fernsehvertrag als "LisaNova": Lisa Donovan

Was YouTube anbelangt, ist die BBC also drin und die Türkei vorläufig draußen. Wobei das Hin und Her um Atatürk für YouTube weniger sensationell ist - weil typisch anarchisch, wenngleich ganz und gar nicht ungefährlich - als der Schritt der BBC. Denn eine erstaunlichere Volte als diesen Ritterschlag durch die britische Rundfunkinstitution ist in der Geschichte von YouTube kaum denkbar. Kürzlich schien das junge Internetportal noch am Boden. Nach einem kometenhaften Aufstieg seit dem Februar 2005 wurden im Sommer letzten Jahres die Zweifel an der Zukunft YouTubes immer lauter: Mit einer Million Dollar Kosten monatlich allein für die Pflege der Server galt die Seite als zu teuer. Dabei verzichtet man bewusst auf die lukrative Einnahmequelle der Internetpornographie.

Auch innerhalb des Internets, in den meinungsstarken Blogs, schien die Liebe zum Web2.0-Liebling zu bröckeln. Konkurrenten wie Revver.com tauchten auf, die Nutzer an ihren Werbeeinnahmen teilhaben lassen. Ungelöste Urheberrechtsprobleme kamen hinzu. Doch seit dem 13. November 2006 sind die Karten bei YouTube bekanntermaßen neu gemischt: Damals kaufte der Suchmaschinenriese Google das Portal für 1,65 Milliarden Dollar, die YouTube-Gründer Chad Hurley und Steven Chen feixten mit Gewinnerlächeln in selbstproduzierten Videos. Der Kameramann dieses Videos stellte den verdutzten Jungmilliardären jedoch die entscheidende Frage: „Was bedeutet das für die User Community?“

Der Kanal für alle

Das Bündnis mit der BBC gibt dazu einen entscheidenden Hinweis: YouTube ist künftig der Kanal für alle - für Amateure und für Profis aus dem Journalismus wie aus dem Showgeschäft. Die Profis holen sich Anregungen, die Amateure zeigen, was sie können - was nicht selten dazu führt, dass sie in null Komma nichts von namhaften Firmen verpflichtet werden. Es gibt einen Promotion-Effekt für alle, der Jahrmarkt der Eitelkeiten dreht sich fortan hier - außerhalb des YouTube-Universums zu sehen und gesehen zu werden, dürfte schwieriger werden. Die vom amerikanischen Fernsehsender CBS bei YouTube eingestellten Clips aus der Talkshow von David Lettermann sollen - dies nur als Beispiel - zu einem Zuwachs von gut 200.000 Zuschauern geführt haben - das Internet hilft dem Fernsehen.

Das größte Pfund von YouTube bleibt zugleich ein Problem: die ungemein zahlreiche, meinungsstarke Community versieht die Filme nach wie vor ungehindert mit ihren Kommentaren. Da kann es passieren, dass lukrative Geschäfte - wie mit Burger King und dem Rapper P. Diddy - von den Usern lächerlich gemacht und parodiert werden: ein Albtraum für die Firmen. Die filmischen Satiren haben jedoch eine neue Entwicklung in Gang gesetzt: Die größten Talente aus der Community wandern ab. Videoregisseuren wie Lisa Donovan, Bereta und Barats oder David Lehre winken plötzlich Karrieren im „alten“ Medium Fernsehen.

Eine Million Mal angeklickt

Die amerikanische Schauspielerin und Regisseurin Lisa Donovan hat sich innerhalb der YouTube-Gemeinde als „LisaNova“ mit ihrer selbstproduzierten Comedy-Show schnell einen Namen gemacht - vor allem mit ihrer gelungenen P. Diddy-Parodie. In ihren simpel aufgezogenen Clips gibt sie praktische Tipps zum Valentinstag, plaudert über die Vorteile von Bussen oder macht sich ausgiebig über ihre selbstkonstruierte Internetpersönlichkeit lustig. In einer internen Rangliste der weltweit meistabonnierten Kanäle liegt die Sechsundzwanzigjährige auf Platz zwölf, ihre Filme wurden über eine Million Mal angeklickt, obwohl sie erst im Juni des vergangenen Jahres bei YouTube aufgetaucht sind. Schon nach ersten Gehversuchen kümmerte sich Donovan mit ein paar Freunden intensiv um ihren Channel und gründete eine Produktionsfirma. Das zahlt sich jetzt aus: Sie hat bei „MadTV“ einen Fernsehvertrag unterschrieben.

Zuvor ist zwei männlichen Comedians der Sprung von der Internetplattform ins Fernsehen geglückt. Die dreiundzwanzig Jahre alten Studenten Joe Bereta und Luka Barats aus Washington arbeiten bereits seit 2003 als Komiker-Duo, weltweite Beachtung fanden sie jedoch erst mit ihrem „Barats and Bereta-Channel“. Einen Sketch namens „Completely Uncalled For“ hatten innerhalb von fünf Tagen eine Million Menschen gesehen. In anderen Clips verstricken sich die Comedians in subversive Diskussionen über eine angeblich dringende Neugestaltung der amerikanischen Flagge. Darauf wurden Fernsehsender schnell aufmerksam, NBC verpflichtete die beiden, MTV und HBO waren auch interessiert. Momentan arbeiten Bereta und Barats an neuen Comedy-Formaten. Vivi Zigler von NBC gab in einem Interview zu, sich von YouTube inspirieren zu lassen: „Es hilft einfach, eine Idee davon zu bekommen, worum es bei Popkultur eigentlich geht. Und dabei dreht es sich nicht nur um Talente vor der Kamera, es geht auch um gute Autoren.“

Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen

Dass diese Talente auch komplette Amateure sein können, zeigt David Lehre, der mit „MySpace: The Movie“ eine Satire auf ebenjene Plattform schrieb. Obwohl der Kurzfilm erst Ende Januar online stand, haben ihn schon sechs Millionen Menschen gesehen. Schon hat der einundzwanzigjährige Collegeabbrecher eine eigene halbstündige Comedyshow bei Fox. „Ich denke, das Ärgerlichste sind jetzt die Produzenten auf dem Set, die mir sagen, was sie denken. Wenn ihre Meinungen so wichtig sind, dann hätten sie doch wohl ihre eigene Show“, sagte er im Gespräch mit der „New York Times“.

Die Amerikaner sind ihrer Zeit also auch bei YouTube wieder mal voraus. Dort setzt der Kommerz die Akzente und verbindet das Fernsehen mit dem Internet. Dabei haben Ende Januar bei einer Umfrage zweiunddreißig Prozent der ständigen YouTube-Nutzer angegeben, sie sähen immer weniger fern. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis die ersten Fernsehstars ganz ins Internet abwandern. Der YouTube-Krieg um Atatürk hingegen wirkt archaisch (das Istanbuler Gericht wird bald merken, dass sich YouTube nicht ausschalten lässt), unterstreicht aber, dass die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen auch in der virtuellen Welt herrscht. Die Zukunft von YouTube jedenfalls scheint auf unabsehbare Zeit gesichert.

Text: F.A.Z., 12.03.2007, Nr. 60 / Seite 38
Bildmaterial: Youtube

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