Am Set von „Navy CIS“

Bei denen muss man höllisch aufpassen

Von Nina Rehfeld, Valencia

Die Serie “Navy CIS“ ist weltweit sehr beliebt bei den Zuschauern

Die Serie "Navy CIS" ist weltweit sehr beliebt bei den Zuschauern

30. August 2008 Eines der großen Hallentore, durch die man von einem sonnigen Vormittag im kalifornischen Valencia in die Welt der amerikanischen Fernsehserie „Navy CIS“ gelangt, ist innen von ein paar humorbeseelten Filmleuten zu einer Posterwand umfunktioniert worden. Neben dem Bild eines halbnackten David Hasselhoff klebt dort ein altes, schwarzweiß kopiertes Foto des Hauptdarstellers Mark Harmon mit Schmachtblick, Lockenfrisur und dem handgeschriebenen Zusatz „Hey Kids! It's Mark Harmon!“

Irgendjemand hat das Bild bei der Party zu Harmons fünfundfünfzigstem Geburtstag angebracht. Es stammt aus dem Jahr 1986, als ihn das Magazin „People“ mit einem ähnlichen Titelbild zum „Sexiest Man Alive“ kürte. Heute gibt Harmon den Chefermittler in der Ermittlerserie „Navy CIS“, die 2003 als Ableger von „JAG - Im Namen der Ehre“ gestartet ist. Damals stöhnte mancher Fernsehkritiker über die x-te Serie dieser Art im amerikanischen Fernsehen, wo sich drei Versionen von „CSI“ und drei Varianten von „Law and Order“ finden, nicht zu vergessen die Serien „The Shield“ und „The Wire“. Doch der saloppe Tonfall der Marinepolizisten und der Wortwitz, mit dem sie sich beharken, ließ die Fangemeinde von anfänglich elf auf fünfzehn Millionen ansteigen - ein Sonderfall im amerikanischen Fernsehen.

Wegen üblen Geruchs gesucht

Die Stimmung am Set stimmt - und das merkt man

Die Stimmung am Set stimmt - und das merkt man

Stur bietet „Navy CIS“ der zuschauerstärksten Show im amerikanischen Fernsehen, „American Idol“, Donnerstag abends die Stirn: Nicht bierernster Polizeialltag steht hier im Vordergrund, es geht um die Macken und das sarkastische Geflachse der Figuren: Da ist Abby (Pauley Perette), die Chemikerin und sensible Punklady, die gern mit ihren Chromatografen und Massenspektrometern spricht. Da ist der jungenhafte Frauenheld Tony (Michael Weatherly), dem seine nicht endende Pubertät im Weg steht und der dafür ab und zu eine Kopfnuss vom Chef einsteckt. Da ist Ziva (Cote de Pablo), die einstige Mossad-Agentin, die zwar ein halbes Dutzend Sprachen beherrscht, aber Kommunikationsschwierigkeiten hat. Und da ist der Computerexperte McGee (Sean Murray), dessen soziale Ungelenkigkeit Tony zu Hänseleien inspiriert. Mark Harmons wortkarger Chefermittler Jethro Gibbs, der seinen Hochbegabten-Kindergarten geduldig lenkt, ist das Richtlot der Truppe.

Es mag nicht zuletzt der ungezwungene Umgangston am Set sein, der sich in die Arbeit vor der Kamera übersetzt und der Serie zum Erfolg verhilft. An einem schwarzen Brett mit den Steckbriefen der vom „NCIS“ (so heißt die Serie im Original) meistgesuchten Schurken, das vor Abbys Labor hängt, sind neben Bildern von Usama Bin Ladin und Zacarias Moussaoui auch die zweier Studiomitarbeiter zu finden. Ihre Verbrechen lauten auf „üblen Geruch“ und andere Nachlässigkeiten. Wie man hört, sind Streiche ein beliebter Zeitvertreib am Set - besonders die von Mark Harmon sind gefürchtet.

Eine graumelierte Gentleman-Erscheinung

Lenkt seinen Hochbegabten-Kindergarten mit einem Augenzwinkern: Mark Harman als Chefermittler

Lenkt seinen Hochbegabten-Kindergarten mit einem Augenzwinkern: Mark Harman als Chefermittler

Als er Cote de Pablo eine Schale mit Guacamole anbietet, lehnt sie dankend ab. „Neulich hat er mir eine Küchenschabe in die Wasserflasche gesetzt“, erklärt sie mit dramatisch aufgerissenen Augen, „bei dem muss man höllisch aufpassen!“ Harmon wirkt ganz aufgeräumt. „Wir mögen uns hier wirklich“, sagt er, als er sich zum Interview niederlässt. „Diese Serie ist das Resultat kollektiver Anstrengung, nicht irgendwelcher Einzelleistungen.“

Harmon hat sich bestens gehalten. Seine fesche Jungenhaftigkeit - „Pretty boy“ nannte ihn der „NCIS“-Schöpfer Donald Bellisario einst abschätzig, bevor er Harmons Auftritt als Agent Simon Donovan in „The West Wing“ sah und ihm die Hauptrolle seiner Serie gab - ist einer graumelierten Gentleman-Erscheinung gewichen. Und anders als Harmon es darstellt, ist seine Einzelleistung in „NCIS“ keine Nebensache. Als der Schauspieler im April mit dem Produzenten wegen der langen Drehtage und Bellisarios kleinlichem Führungsstil aneinandergeriet, ging einer von beiden vom Platz. Es war nicht Harmon, der Schauspieler, sondern Bellisario, der Produzent, der Serien wie „Magnum“ und „Airwolf“ erfunden hat.

Vom Footballspieler über den Chirurg zum Elitesoldaten

Natürlich kommen auch knifflige Fälle nicht zu kurz - und Verbrecher hinter Gitter

Natürlich kommen auch knifflige Fälle nicht zu kurz - und Verbrecher hinter Gitter

Der Dreiundsiebzigjährige bereitet gerade eine Kinoversion von „Magnum“ vor. Er hat „NCIS“ vom Start an als Familienunternehmen betrieben. Sean Murray alias McGee ist sein Stiefsohn, Bellisarios Sohn David ist Koproduzent, zwei weitere Sprösslinge haben kleinere Rollen gespielt. Es mögen nicht die besten Voraussetzungen für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit gewesen sein. Doch Sean Murray sagt, Bellisarios Abgang habe kein Familiendrama ausgelöst. „Ich arbeite seit sechzehn Jahren mal mit ihm und mal ohne ihn, und wir kommen mit beidem hervorragend klar.“ Auch Harmon hat seinen Frieden gemacht. „Diese Serie“, sagt er, ohne direkt auf Bellisario anzuspielen, „wurde lange mehr oder weniger aus der Hüfte produziert. Und zu vieles war unverrückbar festgelegt. Inzwischen haben wir uns von den alten Handlungssträngen befreit, die Autoren öffnen uns neue Türen.“

Harmon, Sohn eines Footballstars und einer Schauspielerin, hatte eine erfolgreiche Footballkarriere eingeschlagen, als er sich für die Schauspielerei entschied. „Keiner meiner Mitspieler fand das klug, zumal sie damals schon mehr Geld verdienten als ich in den nächsten zehn Jahren“, sagt Harmon und lacht. „Aber ich wollte mich weiterentwickeln.“ Also wurde er 1983 als Chirurg in der Serie „St. Elsewhere“ zum Frauenschwarm. Im selben Jahr ernannte ihn „People“ zum aufregendsten Mann des Planeten, „Playgirl“ titelte: „Mr. Perfect“. Wenig später spielte Harmon den Serienmörder Ted Bundy, doch sein Image als Herzensbrecher war besiegelt, in „Chicago Hope“ tauchte er Ende der neunziger Jahre abermals als Mediziner auf. Als er die Rolle des Jethro Gibbs in „NCIS“ annahm, sagt Harmon, habe er zunächst Mühe gehabt, sich in einen Elitesoldaten der Marines einzufühlen. „Das ist eine Lebenseinstellung“, sagt er und denkt kurz nach. „Diese Leute sind weniger von ihrer eigenen Meinung als vom Gedanken an den Mann neben sich bestimmt. Gibbs ist ein Krieger, der sich seiner selbst im Job weit sicherer ist als im Privatleben.“

Der ewige Collegejunge

Am besten gefällt ihm an Gibbs, dass er sich nicht als Helden begreift. Ebenso wenig sieht Harmon sich selbst als Star von „Navy CIS“. „Ich bin ja nicht der Erste, der für diese Serie gecastet wurde“, sagt er. „David McCallum war lange an Bord, und auch Pauley Perrette war Teil der Besetzung, als man mich holte. Und bei meinem ersten Treffen mit den Produzenten sprachen alle von diesem Michael Weatherly, den man kürzlich entdeckt hatte.“

Als Weatherly kurz darauf um die Ecke biegt, steht uns Tony DiNozzo gegenüber: ein charmanter großer Junge, der uns in seinen Trailer einlädt, wo ein Film mit Jean-Louis Trintignant auf dem DVD-Spieler läuft und eine Geburtstagskarte am Spiegel zu seiner „sprühenden Persönlichkeit“ gratuliert. Vor ein paar Wochen ist Weatherly, der vorübergehend mit Jessica Alba verlobt war und den sein wohlhabender Vater auf die Ankündigung hin, Schauspieler zu werden, enterbte, vierzig geworden. „Ein guter Freund sagte an meinem Geburtstag zu mir“, so Weatherly grinsend, „wenn du heute stirbst, wird dich niemand mehr als jungen Mann bezeichnen.“ Seine Schwester habe ihm mal gesagt, dass Frauen mit achtundzwanzig zu sich selbst finden, Männer bräuchten zehn Jahre länger: „Also, mit vierzig werden die Kopfnüsse von Gibbs schwerer zu ertragen sein.“ Donald Bellisario riet ihm einst, sich selbst in seine Figur einzubringen. „Nicht, dass ich den ewigen Collegejungen spielen möchte“, sagt Weatherly. „Aber unsere Serie nimmt sich nicht allzu ernst. Aus meiner Sicht machen wir klassisches amerikanisches Entertainment: ein gutes Garn, mit einem Augenzwinkern gesponnen.“

Warten auf die Sterbeszene

Doch manchmal gibt es harte Kontrapunkte. Die fünfte Staffel entsetzte die Zuschauer, als eine weitere zentrale Figur den Tod fand - Kate Todd (Sasha Alexander) starb in Staffel zwei -, zudem wird das Team auseinandergerissen. Harmon fürchtet den Tag nicht, an dem er womöglich seine eigene Sterbeszene im Drehbuch findet. „Wissen Sie, auf dem Set von ,The West Wing' kam eines Tages meine Kollegin Allison Janney auf mich zu und sagte: ,Sie werden dich umbringen, Mark. Wir führen eine allzu gesunde Beziehung.' Figuren sterben, und manchmal ist es eben die eigene.“

Noch ist Gibbs freilich am Leben, und Tony DiNozzo wird ihm dasselbe weiter schwermachen. „Hey, Harmon, guck mal“, ruft Michael Weatherly, als er mit einem Plastikterrarium in den „Squad Room“ kommt, in dem Techniker die nächste Szene vorbereiten. Als Weatherly Cote de Pablo erblickt, pirscht er sich an sie heran und hält ihr strahlend eine handtellergroße Tarantel hin. „Hab' ich dir mitgebracht!“ Zu seiner Enttäuschung ist Cote De Pablo mitnichten entsetzt von der Spinne, die der Kamera-Assistent in der Dusche gefunden hat. „Wow. Ist die echt?“ Rings umher weichen die Filmleute mit angeekelten Mienen zurück, Weatherly rollt mit den Augen. Es könnte eine Szene aus der Serie sein. Cote de Pablo stammt aus Chile, da gibt es größere Spinnen. Der Aufnahmeleiter klatscht in die Hände und ruft zur Arbeit. Mark Harmon streift das Jackett über und sagt mit einem Grinsen. „Dieser Raum lädt irgendwie zur Komödie ein.“

Neue Folgen der fünften Staffel von „Navy CIS“ laufen von Sonntag an, um 20.15 Uhr, bei Sat.1.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv

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