Von Thomas Scholz
04. Januar 2008 Die Verlockung der schnellen Antwort aus dem Internet ist groß. Nur drei Tage nach der Wahl des neunzehnjährigen Bilawal Bhutto Zardari zum Vorsitzenden der Pakistanischen Volkspartei (PPP) und somit zum Nachfolger seiner ermordeten Mutter, der ehemaligen Präsidentin Benazir Bhutto, warteten Zeitungen, Internetportale und Fernsehsender detailliert mit den politischen und persönlichen Ansichten des jungen Mannes auf. Eine erschreckend naive Definition des extremistischen Islamismus und eine ebensolche Kritik daran wurden ihm ebenso zugeschrieben wie Vorlieben für Fernsehserien und Erfolgsautoren. Sogar in einem Teufelskostüm war er zu sehen. Das Dumme ist nur: Die Bilderlage ist unklar und die zitierten Einschätzungen stammen definitiv nicht von Bilawal Bhutto Zardari. Sie wurden ihm in den Mund gelegt, in dem weltweit verbreiteten Internetportal Facebook.
Bei Facebook stellen sich Studenten mit Steckbriefen vor, sie lassen alle Welt, vor allem aber Altersgenossen wissen, was sie denken, mögen und verschmähen. Dort fand sich zum Jahreswechsel das angebliche Profil des jungen Parteiführers Bilawal Bhutto Zardari mit all den brisanten Informationen, die umgehend veröffentlicht wurden. Urheber des Profils ist jedoch nicht der vermeintlich Zitierte, sondern ein Autor, der sich hinter dem Pseudonym Tonay verbirgt. Er hatte sich kurzerhand die virtuelle Identität des bislang recht unbekannten Bhutto-Sohnes zugelegt.
Journalisten gingen der Fälschung auf dem Leim
Dies ist mit wenigen Handgriffen getan, da Plattformen wie Facebook es dem Benutzer leicht machen, ein beliebiges Profil zu generieren. Benötigt werden nur ein minimales Maß an Kenntnissen des Internet, ein Hauch Kreativität und ein Schuss böser Wille. Dieser im Netz nicht selten anzutreffenden Mischung gingen Journalisten vor allem englischsprachiger Medien auf den Leim.
Die britischen Zeitungen Daily Telegraph und The Guradian zitierten die Internetlügen über Bilawal Bhutto Zardari ebenso wie die kanadische The Globe and Mail und Australiens ABC News, das amerikanische Radar Magazine und MTV News. So ist das Leben des Bilawal Bhutto Zardari zur Legende geworden, bevor ihn die Weltöffentlichkeit richtig kennengelernt hat. Überprüft haben die betroffenen Medien die fragwürdigen Angaben bei Facebook offenbar nicht.
Die Internetplattform Facebook hat mittlerweile reagiert und das betrügerische Profil gesperrt. Man habe durch eine eigene Untersuchung die Fälschung ans Licht gebracht. Eine Sprecherin der Pakistanischen Volkspartei bezeichnete die Eintragungen unter Bilawal Bhutto Zardaris Namen als definitiv falsch. Einige Nachrichtenportale haben ebenfalls schnell reagiert und die betreffenden Artikel aus ihren Onlineauftritten entfernt. Doch der Schaden ist angerichtet.
Es ist lustig, dass die Leute es mir tatsächlich abkaufen
Bhutto Zardaris Vater, der stellvertretende Vorsitzende der Pakistanischen Volkspartei, vermutet hinter dem gefälschten Internet-Porträt seines Sohnes ein Komplott der pakistanischen Regierung, die diesen frühzeitig zu diskreditieren suche. In einem Internetforum demonstriert der Autor Tonay Gleichgesinnten allerdings, dass es ihm weniger um Politik geht. Ihn treibt die pure Schadenfreude darüber, dass man ihm seine Bhutto-Story abgenommen hat.
Er bekam als vermeintlicher Sohn der ermordeten Benazir Bhutto auf elektronischem Weg gleich hundertfach Mitleidsbekundungen, und auch auf eindeutige Angebote junger pakistanischer Frauen, die den vermeintlichen politischen Aufsteiger sehr attraktiv finden, musste er nicht lange warten. Jetzt stellt er sie mit Fotos der jungen Frauen aus. Es ist nicht lustig ihn zu verkörpern, es ist lustig, dass die Leute es mir tatsächlich abkaufen, verkündet Tonay. Der Tragweite seiner Fälschung, mit der er etliche Journalisten auf dem falschen Fuß erwischt hat, scheint er sich ebensowenig bewusst zu sein wie der politischen Auswirkungen, die sein Fake in Pakistan hat, nicht nur für Bilawal Bhutto Zardari.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP