Von Peer Schader
09. Mai 2007 Ich suche schon seit einem Jahr nach einer guten Serienrolle, hat der Schauspieler Kai Wiesinger vor einiger Zeit in einem Interview gesagt. Und dass er es wunderbar finde, dass die deutschen Sender und Produzenten endlich die Liebe zur Serie entdeckt hätten. Früher seien Serien für Schauspieler ein ziemlich frustrierendes Arbeitsumfeld gewesen. Inzwischen lässt sich hinzufügen: Die Frustration ist nicht verschwunden, sondern bloß auf die Sender übergegangen. Vor wenigen Wochen hat RTL entschieden, die neue Serie Die Anwälte, in der Wiesinger eine der Hauptrollen spielt, nicht wie geplant in diesem Frühjahr zu starten - sondern erst einmal gar nicht. Auf dem geplanten Sendeplatz am Montag hatte Ende Februar Die Familienanwältin versagt. Knapp neun Prozent Marktanteil in der jungen Zielgruppe - ein Albtraum für RTL. In Köln zog man die Notbremse.
Ich halte ,Die Anwälte' nach wie vor für ein sehr spannendes Format, nur haben wir derzeit keinen geeigneten Platz im Programm, um die Serie tatsächlich auch zu starten, sagt die RTL-Fiction-Chefin Barbara Thielen. Am Dienstag, ursprünglich der RTL-Platz für deutsche Produktionen, reüssieren die amerikanischen Serien CSI: Miami, Dr. House und Monk derart, dass RTL seit dem Ende der zweiten House-Staffel die erste einfach wiederholt. Mittwochs ist Dokusoap-Tag, donnerstags läuft CSI, der Freitag ist für Comedy reserviert. RTL hat schlicht und einfach keinen Platz für seine eigenen Prestigeprogramme. Wir wollen wieder versuchen, konsequent Tage zu etablieren, an denen deutsche Produktionen laufen. Das ist sicher in der Vergangenheit zu wenig versucht worden, erklärt Barbara Thielen. Dafür brauche es allerdings Formate, die zueinander passen. Einzelne Serien auf Plätze zu setzen und darauf zu hoffen, dass der Erfolg von alleine kommt, das reicht nicht aus.
Ernüchternde Zwischenbilanz
Die Zwischenbilanz der RTL-Serienoffensive ist ernüchternd: Der Abschnitt Fiction im RTL Seasonguide 2006/07, mit dem im vergangenen Jahr die Programme für die laufende Saison vorgestellt wurden, liest sich im Nachhinein wie die Vorlage für ein Kondolenzbuch. Die Polizeiserie Abschnitt 40? Schon im Herbst vorzeitig beendet. Arme Millionäre mit Sky DuMont? In der ersten Staffel ein Überraschungserfolg - aber wann lief noch mal die zweite? Im Namen des Gesetzes? Versenkt am Montag. Der Dauerbrenner Hinter Gittern? Erst ins Nachtprogramm verschoben, im Februar für immer beendet. Die einzige deutsche Serie, die RTL derzeit noch im Programm hat, ist der Action-Ulk Alarm für Cobra 11.
Dass die Zuschauer keine Lust auf deutsche Serien haben, ist nicht ausschließlich ein Problem von RTL - der Konkurrent Sat.1 leidet genauso darunter. Allerdings hatte man dort die verhaltene Hoffnung, dass es nach der Quotenkatastrophe mit der Miniserie Blackout im vergangenen Jahr nicht mehr viel schlimmer kommen könnte. Doch gerade versagte am Mittwoch Allein unter Bauern. Bei der spannenden Polizeireihe GSG 9 zeichnet sich nach schwierigen Wochen immerhin ein kleiner Aufwärtstrend ab. Am Sonntag kommt die große Hoffnung R.I.S. aber immer noch nicht so recht aus den Startlöchern.
Deutlicher hätte das Publikum nicht werden können
Anfang des Jahres hatte es noch so ausgesehen, als sei die Pechsträhne beendet: Bei RTL startete Hannes Jaenicke als Obduktionsprofi mit Wackelkamera in Post Mortem und holte fast sechs Millionen Menschen vor den Fernseher. Doch mit jeder weiteren Folge sanken die Quoten, erst zum Schluss schalteten wieder mehr Zuschauer ein. Deutlicher hätte das Publikum dem Sender nicht signalisieren können: Das wollen wir so nicht sehen. RTL hat sich dennoch für eine zweite Staffel entschieden. Seit Ende April werden in Köln acht neue Folgen produziert, die dann im Frühjahr 2008 ausgestrahlt werden könnten. RTL-Serienchefin Thielen: Wir haben an den Figuren gearbeitet, und die Kameraführung wird ruhiger sein als in der ersten Staffel. Das immerhin ist eine gute Nachricht: Auch der nervöse Marktführer nimmt sich mal Zeit, Serien weiterzuentwickeln. Barbara Thielen glaubt: Wir müssen uns bloß stärker daran orientieren, was das Publikum sehen will.
Das hat Konsequenzen: Die Teamworx-Produktion Die Patin, eine ungewöhnlich erzählte Mafiareihe, die mit durchgehender Handlung ursprünglich auf acht Folgen angelegt war, soll nun als abendfüllender Dreiteiler mit obligatorischer Starbesetzung laufen: mal wieder Veronica Ferres. Eine Serie mit fortlaufender Erzählung sei den Zuschauern derzeit schwer zu vermitteln, sagt Barbara Thielen. Wir haben gemeinsam beraten, welches Format für die Geschichte besser ist, sagt Teamworx-Chef Nico Hofmann, der gleichwohl einräumt, dass es für die Produzenten genauso schwierig sei, abzuschätzen, was denn funktionieren könnte.
Inzwischen ist man auch bei RTL bescheiden geworden
Als Nächstes werden wir versuchen, Serien mit absoluten Topstars zu besetzen und wegzugehen von den kalten ,CSI'-Erzählungen, sagt Hofmann über seine neuen Projekte. Statt Edelstahlkrimis will der Teamworx-Chef auf komödiantischere Stoffe setzen, die zugleich Realität abbilden. In der Entwicklung ist eine Serie über eine übergewichtige Mutter mit vier Kindern, die im Supermarkt an der Kasse anfängt und sich zur Filialleiterin hocharbeitet - Arbeitstitel: Die Schlampe. Wenn deutsche Wirklichkeit authentisch und frech erzählt wird, berührt das die Zuschauer und wird funktionieren, ist sich Hofmann sicher. Einen Sender für die Serie gibt es noch nicht.
Immerhin: Fernsehspiele und Events wie zuletzt die Teamworx-Produktion Die Flucht in der ARD kommen an. Es gebe also keine Absage der Zuschauer an deutsche Produktionen, aber offenbar an die deutsche Serie, meint der Produzent Hofmann. Mit Fernsehfilmen tut sich womöglich auch RTL zunächst einmal leichter. Im Herbst startet am Sonntagabend eine Reihe von Filmen, darunter Die Prager Botschaft, Tarragona und die Verfilmung eines Frank-Schätzing-Romans. Dazu sind weitere Serienprojekte in Vorbereitung. Doctor's Diary, eine junge Arztserie mit Diana Amft, klingt vielversprechend. Die 25. Stunde, eine Drama-Mysteryserie, bei der die Protagonistin eine Stunde in der Zeit zurückreisen kann, ist vorerst verschoben, die Notarztserie Exitus mit Nina Bott in der Marktforschung. Für Barbara Thielen steht fest: RTL braucht eine Knallerserie. Wenn unter den acht Piloten, die wir derzeit im Plan haben, nur eine dabei ist, wäre das schon gut. Inzwischen ist man auch bei RTL bescheiden geworden.
Text: F.A.Z., 09.05.2007, Nr. 107 / Seite 46
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/CP, Cinetext/Haeselich, Cinetext/OZ, Cinetext/TE, Cinetext/VE
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