Anrufsender in der Kritik

Wer warnt die Öffentlichkeit?

Von Stefan Niggemeier

Der Sender 9Live verkauft vor allen Dingen seine Zuschauer für dumm

Der Sender 9Live verkauft vor allen Dingen seine Zuschauer für dumm

29. Mai 2007 Max Buskohl, die Älteren werden sich erinnern, war ein Kandidat bei „Deutschland sucht den Superstar“, der kurz vor Schluss mehr oder weniger freiwillig ausschied. Hinterher behauptete er in mehreren Interviews, dass RTL ihn überredet habe, nicht sofort zu gehen, sondern erst am Tag nach der nächsten Entscheidungsshow. Der Sender bestreitet diese Verzögerungstaktik, und das aus gutem Grund: Sie bedeutete nämlich, dass RTL seine Zuschauer dutzendfach aufgefordert hätte, teure Telefonnummern zu wählen, um zu bestimmen, wer die Show verlassen muss, obwohl es da nichts zu bestimmen gab. Es geht um Millionen Anrufe zu jeweils fünfzig Cent.

Nun könnte man meinen, das sei ein Fall für die Medienaufsicht, also für eine der 14 deutschen Landesmedienanstalten. Für den Kölner Sender ist die Niedersächsische Landesmedienanstalt NLM zuständig (fragen Sie nicht warum). Die Nachfrage dort, ob die Behörde in diesem Fall in irgendeiner Weise tätig geworden sei, löst großes Erstaunen aus. Nein, sagt eine möglicherweise irgendwie zuständige Mitarbeiterin, ihres Wissens hätte die NLM da nichts unternommen. Ihr sei auch nicht klar, gegen welche Vorschriften RTL damit überhaupt verstoßen hätte. Und überhaupt sei so etwas ja sehr schwer zu beweisen.

„Besser, wir lassen das mit den Ermittlungen“

Zweifelsohne. Und so kann man sich leicht ausmalen, wie sich das anhören würde, wenn Landesmedienanstalten zuständig wären für Ermittlungen in einem, sagen wir, Mordfall: „Och Gott, ja“, würden sie noch am Tatort erklären, „das kann aber auch ein Unfall gewesen sein, so was ist ja schwer zu beweisen, und wer weiß, ob wir den Täter überhaupt finden ... Besser, wir lassen das mit den Ermittlungen oder gründen stattdessen einen Ausschuss, der sich mit ein paar Grundsatzfragen befasst.“

Der Gedanke, von RTL und Buskohl wenigstens eine Stellungnahme zu erbitten, und zu veröffentlichen, wie die NLM den Fall einschätzt, schon um für die Zukunft klarzumachen, wo die Grenze in solchen Fällen verläuft, dieser Gedanke ist der NLM fremd. Überhaupt scheint die Öffentlichkeit, in deren Dienst sie eigentlich tätig sein sollten, im Alltag der Medienanstalten nicht sehr präsent zu sein. Der Präsident der Bayerischen Landesmedienanstalt BLM, Wolf-Dieter Ring, beklagte gerade die mangelnden Befugnisse seiner Behörde, wenn es um zweifelhafte Praktiken von Anrufsendern wie 9Live geht.

„Systematische Nicht-Befolgung“ der Spielregeln

Sein Pressesprecher Flieger erklärte, man könne derzeit nur eine folgenlose „Beanstandung“ aussprechen: „Das stört uns selbst am meisten.“ Fragt man ihn, warum die BLM diese Beanstandungen nicht wenigstens publik macht, um öffentlichen Druck auf die Sender auszuüben, sagt er, erstens würden die Beanstandungen im jährlichen Geschäftsbericht veröffentlicht, und zweitens hielten es die anderen Landesmedienanstalten auch nicht anders. Immerhin räumt er dann noch ein, dass sich das vielleicht ändern müsse.

Wie eine halbwegs funktionierende Fernsehaufsicht funktioniert, kann man in Großbritannien sehen. Berichte über Unregelmäßigkeiten bei Call-TV-Shows führten dort nicht nur zu einer öffentlichen Debatte. Die Aufsichtsbehörde Ofcom griff spät, aber massiv ein, begann über zwanzig einzelne Untersuchungen und spricht von einer „systematischen Nicht-Befolgung“ der Gewinnspielregeln. Neue Regeln zwingen die Sender, wiederholte Anrufer vor den Kosten zu warnen und Angaben über die Gewinnchancen einzublenden. Die Sender haben die Zahl der Call-TV-Kanäle und -Shows drastisch gesenkt.

„Größtmöglichen Grad an Verbraucherschutz“

Ein Parlamentsausschuss empfahl, die Sendungen wie Glücksspiele zu behandeln und entsprechend zu regulieren. Er betonte, dass jegliche Irreführung der Zuschauer über die Zahl der Anrufer als Straftat behandelt werden sollte. Solch drastische Maßnahmen sind nicht übertrieben angesichts des Ausmaßes an betrügerischen Praktiken und der Tatsache, dass es um das Geld der Zuschauer geht. Ziel ihrer Aktivitäten sei es, erklären die britischen Aufsichtsbehörden, den „größtmöglichen Grad an Verbraucherschutz“ zu gewährleisten.

Das Wort „Verbraucherschutz“ taucht im Wortschatz deutscher Medienanstalten verdächtig selten auf. Vielleicht ist das kein Wunder. Als sei die zersplitterte Struktur in Form von 14 Länderanstalten nicht schlimm genug, spielen sie auch eine bizarre Doppelrolle: Sie verstehen sich gleichzeitig als Kontrolleur und Interessenvertreter der Privatsender. Das entspringt teilweise der unseligen Tradition deutscher Landesregierungen, Medienpolitik als Standortpolitik zu begreifen und zu versuchen, Fernsehsendern in ihrem Land möglichst kuschelige Rahmenbedingungen zu verschaffen. Es hat aber darüber hinaus Bestand.

Wer moderiert? Heidi Klum oder eine Riesenananas?

Der Europäische Gerichtshof entscheidet zum Beispiel gerade darüber, ob die teuren Gewinnspiele nicht eigentlich als Teleshopping behandelt werden müssen, was eine erhebliche Einschränkung zur Folge hätte. Prompt meldet sich Wolfgang Thaenert, Europa-Beauftragter der Medienanstalten, zu Wort und warnt, dass die Sender dadurch „eine wichtige Möglichkeit zur Zuschauerbindung“ verlören.

Abgesehen davon, dass das vielleicht seine Sorge nicht sein müsste, ist es entlarvend, dass Thaenert die Einnahmequelle ganz im Sinne der Sender-PR als „Zuschauerbindung“ verbrämt - als würde der Zuschauer seinen Sender weniger lieben, wenn er in der Werbepause nicht schnell noch gegen teures Geld die Gewinnspielfrage beantworten könnte, ob die gerade laufende Sendung von Heidi Klum oder einer Riesenananas moderiert wird.

Bei der Medienaufsicht ticken die Uhren langsamer

Insbesondere die Bayerische Landesmedienanstalt scheint sich im Zweifel mehr um das Geld der im Großraum München angesiedelten Sender als um das Geld der Zuschauer zu sorgen. Jahrelang sah sie trotz regelmäßiger Berichte über systematische Regelverstöße im Programm von 9Live und dem DSF keinen Handlungsbedarf. (Allerdings wird Zeit im Medienanstalten-Kosmos auch in anderen Dimensionen gemessen: Im vergangenen Dezember beanstandete die Hamburger Anstalt zwei Sendungen, die zwei Jahre zuvor auf einem Sender gelaufen waren, der ein Jahr zuvor eingestellt worden war.)

In dieser Woche sah sich BLM-Chef Wolf-Dieter Ring immerhin genötigt, mehr Kompetenzen vom Gesetzgeber zu fordern, weil „mit dem wachsenden Umfang der Gewinnspiele im Fernsehen auch die Problemlagen zunehmen“. Welche der Tricks, mit denen die Sender die Zuschauer systematisch über Gewinnchancen und -abläufe täuschen, er konkret mit den „Problemlagen“ meinte, ließ er offen. Derselbe Wolf-Dieter Ring ist übrigens für den „wachsenden Umfang der Gewinnspiele“ insofern mitverantwortlich, als er Sendern seit Jahren Call-TV als neue Einnahmequelle empfiehlt.

Eskalation in Großbritannien spielt eine große Rolle

Dass Sender wie 9Live und Firmen wie CallActive, die ähnliche Shows für Viva und den Kindersender Nick produziert, dennoch gerade ein wenig um ihr einträgliches Geschäftsmodell auf Kosten der Zuschauer fürchten müssen, ist nicht das Verdienst der Landesmedienanstalten. Eine größere Rolle dürfte die Eskalation in Großbritannien gespielt haben - und die Tatsache, dass engagierte Zuschauer übernommen haben, was Aufgabe der Medienwächter wäre: In einem Forum unter call-in-tv.de dokumentieren sie kontinuierlich die Regelverstöße in den Sendungen - unbeirrt von diversen Versuchen von CallActive, sie durch Abmahnungen mundtot zu machen.

Dank des Forums sorgten jetzt zwei Videos für Aufsehen, die zu beweisen scheinen, dass der Zeitpunkt, zu dem der nächste Anrufer vom sogenannten „Hot Button“ ins Studio durchgestellt wird, durch einen 9Live-Mitarbeiter bestimmt wird. Die Sender und Moderatoren erwecken dagegen konsequent den Eindruck, dieser Zeitpunkt sei zufällig. Sie suggerieren den Zuschauern, sie müssten schnell anrufen, warten in Wahrheit aber gelegentlich stundenlang, bevor sie jemanden auswählen.

Die BLM stellt sich bei 9Live die falsche Frage

In einem der Mitschnitte empfiehlt Moderatorin Alida Lauenstein (offenbar in der Annahme, die Zuschauer könnten sie nicht hören) der Redaktion, sie solle bei der hohen Zahl der Anrufe „doch später zuschlagen“, also jemanden ins Studio durchstellen. Die BLM entwickelte daraufhin einen gewissen Aktionismus, gab 9Live eine Frist von 48 Stunden, dies zu erklären - und demonstrierte spektakulär ihre eigene Inkompetenz. 9Live habe den Eindruck „plausibel widerlegt“, erklärte Ring, dass die Moderatorin „direkt Einfluss nimmt auf das Auslösen des sogenannten ,Hot Buttons'“.

Die BLM müsse davon ausgehen, dass der Redakteur die Entscheidung darüber „eigenverantwortlich getroffen hat“. Erst im Nachhinein merkte die BLM, dass die entscheidende Frage gar nicht ist, ob Moderator oder Redakteur den „Hot Button“ zuschlagen lassen, sondern ob der Zeitpunkt zufällig gewählt ist oder nicht. Sie will nun erneut das gerade Geprüfte noch einmal prüfen und die gerade überarbeiteten Gewinnspielregeln noch einmal überarbeiten. Die späte Erkenntnis: Es müsse sichergestellt werden, dass jeder Anrufer zu jedem Zeitpunkt eine Chance habe zu gewinnen.

„Auf den ,Hot Button' hat niemand Einfluss“

Immerhin sollen unzulässige Call-TV-Praktiken in Zukunft als Ordnungswidrigkeit geahndet werden können. Aber auch die Politik scheint es mit der dafür notwendigen Aufnahme in den Rundfunkstaatsvertrag nicht eilig zu haben.

Wie wenig die Sender ihre Aufseher fürchten, demonstrieren sie fast jeden Tag im Programm. Vergangene Woche rief 9Live-Moderator Robin Bade die Zuschauer auf, sich von den aktuellen Enthüllungen nicht beeinflussen zu lassen und den „Heiligen Gral“ zu ergreifen. „Auf den ,Hot Button' hat niemand Einfluss“, rief er, bezichtigte Kritiker der Lüge und nannte sie „Vollidioten“. Auf Nachfrage erklärte 9Live kurz: „Wir haben unsere Moderatoren angewiesen, solche emotionalen Äußerungen on air zukünftig zu unterlassen.“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.05.2007, Nr. 21 / Seite 38
Bildmaterial: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

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