„Humanglobaler Zufall“

Geschichten, die das Leben diktiert

Von Philip Vetter

19. April 2008 „Humanglobaler Zufall“ hat einen roten Faden. Oben auf der letzten Seite des Magazins ist er festgeklebt und dient als Lesezeichen. Zehntausend Euro hat es gekostet, in jedes der hunderttausend Hefte einen solchen Faden zu kleben - von Hand. Eine der wenigen Aufgaben, die Dennis Buchmann nicht selbst erledigt hat. Buchmann hat fast alles selbst gemacht bei der Entwicklung dieser neuen Zeitschrift. Er hat das Magazin mit dem sperrigen Titel konzipiert, das Papier ausgesucht, Autoren beauftragt, an der Werbekampagne mitgearbeitet und ist um die halbe Welt geflogen, um zu recherchieren. „Global Editor“ steht nun an seiner Bürotür im sechsten Stock des Berliner Axel-Springer-Hauses.

Man kann sagen, dass Buchmann diesen Job einem glücklichen Zufall verdankt. Ihm würde das gefallen, Buchmann mag Zufälle. Zufällig war er im vergangenen Sommer in der Zeitung auf eine Anzeige gestoßen. Der Springer-Verlag suchte nach einer neuen Idee für ein „Medienprojekt“. „Scoop“ hieß der Wettbewerb, zu dem man nur eine Idee auf ein Din-A4-Blatt schreiben und es einschicken musste. Der Preis klang verlockend: Der Verlag würde die Gewinneridee verwirklichen und bis zu einer halben Million Euro investieren. Buchmann, dreißig Jahre alt und kurz vor dem Abschluss an der Deutschen Journalistenschule, machte mit - und wurde vom Praktikanten zum Chefredakteur. „Wäre das nicht so einfach gewesen, ich hätte nie mitgemacht“, sagt Buchmann.

Der Zufall übernimmt das Kommando

Seine Idee entstand schon drei Jahre vor dem Wettbewerb, als er mit dem Rucksack durch Mittelamerika reiste. „Irgendwann ist mir aufgefallen, dass man in den Hostels und Bussen immer wieder zufällig dieselben Menschen wiedertrifft“, erzählt Buchmann. Deshalb schlug er ein Magazin über die weltweite Vernetzung, über Menschen und ihre Beziehungen rund um den Globus vor. Das sollte der inhaltliche rote Faden von „Humanglobaler Zufall“ sein. Das Prinzip: Buchmann sucht nur das Thema der ersten Reportage aus, danach übernimmt der Zufall das Kommando. Die folgenden Geschichten handeln dann stets von einem Freund oder Familienmitglied des Protagonisten des vorangegangenen Textes.

Jetzt, ein halbes Jahr nachdem Buchmann in das Büro des „Global Editors“ eingezogen ist, liegt das erste Heft vor ihm auf dem Schreibtisch. Es sieht edel aus. In goldenen Lettern steht der Titel auf dem schwarzen Cover. Doch wer ein Hochglanzmagazin erwartet, wird überrascht. „Hochglanz war uns irgendwie zu glamourös, deshalb haben wir uns für mattes Papier entschieden“, sagt Buchmann. Die Rubriken am Anfang und Ende des Heftes sind klar optisch von den Reportagen abgegrenzt, indem sie auf lachsrosa Papier gedruckt wurden. Das Layout von „Humanglobaler Zufall“ hat der Artdirector Mirko Borsche entwickelt, der auch „Neon“ und das „SZ-Magazin“ mitgestaltet hat. Beim ersten Durchblättern fällt sofort auf, dass den Bildern von Armin Smailovic, Gerald von Foris, Jörg Koopmann und Peter Langer viel Platz eingeräumt wird. Zu jedem Text gibt es eine mehrseitige Fotostrecke.

Ein lesenswertes Experiment

Doch das Herzstück von „Humanglobaler Zufall“ sind die sechs Reportagen in der Heftmitte. In der ersten Ausgabe beginnt die Reise im Dorf Mindo in Ecuador, wo der deutsche Entwicklungshelfer Malte Fähnders lebt und arbeitet. Fähnders wiederum hat früher mit dem indischstämmigen Fotografen Pramod Mondhe Fußball gespielt, der in Berlin wohnt und auf der ganzen Welt Bilder von lachenden Menschen gemacht hat. Ein Bekannter von Mondhe lebt in New Orleans und hat durch den Hurrikan „Katrina“ seine heutige Frau kennengelernt. So entspinnt sich ein Beziehungsgeflecht, das am Ende der ersten Ausgabe zu einer Kanadierin und einem Paraguayer führt, die in Baden-Baden leben und so schnell wie möglich wegwollen.

Leider geht der rote Faden in einigen Texten verloren. Dann hat man das Gefühl, der Zufall hat den Autor zu einer Geschichte gezwungen, obwohl der lieber von einem anderen, interessanteren Menschen erzählt hätte. So erfährt man zum Beispiel wenig über Sven Oertel, der seine Frau durch den Hurrikan kennengelernt hat. Stattdessen erzählt Buchmann immer wieder von Robert Green, der Mutter und Enkelin im Sturm verloren und die spannendere Geschichte zu erzählen hat. Trotzdem ist „Humanglobaler Zufall“ ein lesenswertes Experiment. Denn als erste deutsche Zeitschrift behandelt „Humanglobaler Zufall“ die Globalisierung nicht als abstraktes Phänomen, sondern macht sie durch die Menschen und ihre weltweiten Beziehungen begreifbar.

„Das Gute am Zufall ist ja, dass er nie langweilig wird“

Wie lange das Experiment dauert, entscheidet sich von Montag an. Dann liegt „Humanglobaler Zufall“ am Kiosk. Zunächst werden vier Ausgaben im Abstand von drei Monaten erscheinen. Dann ist die halbe Million Euro des Verlages verbraucht, und das Magazin müsste sich selbst finanzieren.

Angst vor dem Scheitern hat Dennis Buchmann nicht. „Es wäre schade, wenn es nicht weitergeht, aber die Welt würde nicht untergehen.“ Er habe sich den Traum jedes Journalisten erfüllt, ein eigenes Magazin auf die Beine zu stellen. „Dabei steht für mich nicht an erster Stelle, möglichst viele Hefte zu verkaufen.“ Und wenn er mit dem Heft Erfolg hat? „Dann mache ich weiter“, sagt Buchmann. „Das Gute am Zufall ist ja, dass er nie langweilig wird.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Springer Akademie

 
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