Spionageaffäre in England

Mal hören, was der Minister auf seiner Mailbox hat

Von Gina Thomas, London

Murdochs Albtraum: Was geschieht, wenn die Geschädigten klagen?

Murdochs Albtraum: Was geschieht, wenn die Geschädigten klagen?

09. Juli 2009 Großbritannien hat nach den Enthüllungen über die Selbstbedienungsmentalität der Parlamentsabgeordneten jetzt einen neuen Skandal, dessen Dimension in der Mediengeschichte des Landes ohne Beispiel sein könnte.

Begonnen hatte es im Januar 2007. Damals wurde der Journalist Clive Goodman zu vier Monaten Haft verurteilt. Der für die Berichterstattung über das Königshaus zuständige Redakteur der Sonntagszeitung „News of the World“ hatte sich mit Hilfe des Privatermittlers Glenn Mulcaire Zugang zur Mailbox von Angestellten der königlichen Familie verschafft. Das Gericht verhängte gegen Mulcaire, der zudem die private Nachrichten von Prominenten wie dem Supermodel Elle Macpherson, dem PR-Agenten Max Clifford und von Gordon Taylor, dem Geschäftsführer des Verbandes der Profifußballer, abgehört hatte, eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten.

Tief verwurzelte Hackerkultur

Andy Coulson, der Chefredakteur des Sensationsblattes, behauptete, von nichts gewusst zu haben, übernahm jedoch nach dem Gerichtsurteil Kraft die Verantwortung und trat zurück. Er fand alsbald eine neue und hochbezahlte Stelle als Kommunikationsdirektor des Oppositionsführers David Cameron. Les Hinton, der inzwischen nach New York beförderte Geschäftsführer von Rupert Murdochs britischen Zeitungen, bejahte vor dem Medienausschuss des Parlamentes die Frage, ob er „vollkommen überzeugt“ sei, dass nur Goodman von den Vorgängen gewusst habe. Hinton versicherte, es habe intern eine „volle und rigorose Untersuchung“ stattgefunden.

Und Coulsons Nachfolger in der Chefredaktion teilte der Pressebeschwerdekommission mit, Goodmans Eindringen in fremde Netzwerke sei ein „außergewöhnliches und unglückliches Ereignis in der 163 Jahre währenden Geschichte der ,News of the World', das von einem Journalisten ausgelöst“ worden sei. Diesen Journalisten bezeichnete er als die „abtrünnige Ausnahme“, seine Vergehen als „Abweichungen“. Neuen Informationen des „Guardian“ zufolge scheint die Hackerkultur bei der Boulevardzeitung jedoch tief verwurzelt gewesen zu sein. Sie soll Privatermittler beschäftigt haben, um Zugriff auf die Telefone von Tausenden von Politikern und Prominenten zu bekommen, darunter der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, die ehemaligen Kabinettsmitglieder John Prescott und Tessa Jowell sowie die Schauspielerin Gwyneth Paltrow.

Der „Guardian“ behauptet ferner, News Group, die britische Zeitungsverlagsgruppe des Medienunternehmers Rupert Murdoch, habe mehr als eine Million Pfund bezahlt, um drei Klagen in dieser Angelegenheit außergerichtlich zu vergleichen. Auf diesem Wege habe der Verlag versucht, die kriminelle Beschaffung von persönlichen Daten, darunter auch Steuerunterlagen und Informationen über Bankkonten, unter den Tisch zu kehren.

„Systemische Missbräuche“

Die Enthüllungen betreffen, so der „Guardian“, auch die Polizei, die den „umstrittenen Entschluss fasste, die öffentlichen Personen, deren Telefone ins Visier genommen wurden, nicht zu informieren, sowie die Staatsanwaltschaft, die beschloss, Führungskräfte von News Group nicht vor Gericht zu bringen.“ Der Bericht des „Guardian“ schlug am Donnerstag hohe Wellen. Die Polizei kündigte zunächst eine „dringende Untersuchung“ an, gab aber am späten Nachmittag gleich wieder Entwarnung: Sie werde keine weiteren Untersuchungen anstrengen, weil es an neuen Beweisen fehle.

Der Medienausschuss des Unterhauses wird die im Jahr 2007 abgeschlossene Untersuchung aufs Neue aufrollen. Bereits am kommenden Dienstag sollen Les Hinton und der „Guardian“-Journalist Nick Davies, der die Vorgänge enthüllt hat, von dem Gremium zur Rede gestellt werden. Auch die Pressebeschwerdekommission will die neuen Beschuldigungen unverzüglich prüfen. Mitglieder der Labour-Regierung, die sichtlich erleichtert sind, dass dieses Mal die Opposition in Bedrängnis gerät, forderten David Cameron auf, Andy Coulson zu entlassen. Dieser beteuert weiterhin seine Unkenntnis, der Oppositionsführer stand am Donnerstag zu seinem Kommunikationsdirektor.

Andrew Neil, ehemaliger Chefredakteur der ebenfalls zur Murdoch-Gruppe gehörenden „Sunday Times“, sprach „von systemischen Bräuchen“ bei der „News of the World“. Die Zeitung sei in einer mit dem öffentlichen Interesse nicht zu rechtfertigenden Weise auf Fischfang gegangen, die Nachrichtenredaktion völlig außer Kontrolle geraten. Neil nannte die Enthüllungen „die bedeutendste Mediengeschichte“ unserer Zeit.

Ein Albtraum für Murdoch

Dabei geht es nicht zuletzt um die Klage, die Gordon Taylor vom Verband der Fußballprofis wegen vermeintlicher Beteiligung am Abhören seines Telefons gegen die „News of the World“ anstrengte. Zwei weitere Betroffene sollen ebenfalls Klage eingereicht haben. Der „Guardian“ will wissen, dass News Group die öffentliche Verhandlung des Falles Taylor verhinderte, indem man ein Schweigegeld in Höhe von vierhunderttausend Pfund zahlte und zudem alle Anwaltskosten übernahm. Der Gesamtbetrag belaufe sich auf siebenhunderttausend Pfund. Taylors Anwälte sollen im Zuge ihrer Prozessvorbereitung eine Fülle von Informationen gesammelt haben, aus denen hervorgeht, dass Goodman keineswegs ein Einzelfall sei, wie News Corp ständig behauptet. Unter Berufung auf ungenannte Quellen meldet der „Guardian“, dass Journalisten der „News of the World“ systematisch Privatermittler benutzten, um auf unrechtmäßigem Wege an Informationen über Prominente zu gelangen.

In einer knappen Erklärung teilte Andy Coulson mit, er habe nichts von dem Schweigegeld gewusst, weil er zum fraglichen Zeitpunkt nicht mehr bei News Group beschäftigt gewesen sei. Dass er als Chefredakteur nicht über die Usancen seiner Redaktion informiert gewesen sein will, zeugt entweder von Inkompetenz oder von Unglaubwürdigkeit, zumal der Ermittler Mulcaire seinerseits einen Jahresvertrag von rund hundertfünftausend Pfund bei der „News of the World“ besaß. Rupert Murdoch soll gegenüber dem Privatsender Bloomberg geäußert haben, wenn eine Zahlung wie jene an Taylor erfolgt sei, wäre er davon unterrichtet gewesen. News Group wollte keine Erklärung abgeben. Andrew Neil stellte für Murdoch ein Albtraumszenario in Aussicht: Eine Sammelklage der angeblich zwei- bis dreitausend Betroffenen nach amerikanischem Vorbild, die News Group unvorstellbar hohe Beträge kosten könne.

Text: dpa
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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