„Le Monde“

Sturz vom Schuldenberg

Von Jürg Altwegg

Vierzehn Jahre lang an der Spitze von “Le Monde“: Jean-Marie Colombani

Vierzehn Jahre lang an der Spitze von "Le Monde": Jean-Marie Colombani

23. Mai 2007 Er ist gewissermaßen der (einzige) Herausgeber und der Geschäftsführer in Personalunion. Seit 1993 steht Jean-Marie Colombani an der Spitze der Zeitung „Le Monde“ und hat seine Macht über die Jahre ständig ausgebaut. Im Jahr 2000 war er im Amt bestätigt worden. Er hätte seinen ablaufenden Vertrag gerne nochmals verlängert. Dafür hätte er die Zustimmung der „Société des Rédacteurs du Monde“ gebraucht. Die Journalisten haben sie ihm verweigert. Sie werden bei der extrem komplizierten Ernennung der Nummer eins von ihrem Vetorecht Gebrauch machen. Wie es weiter geht, weiß niemand so richtig. Aber eines steht fest: bei „Le Monde“ ist die Ära Colombani zu Ende. Dass er im Haus bleiben wird, darf man von ihm nicht erwarten.

Als er sein Amt antrat, hat Colombani die Zeitung neu ausgerichtet und vielleicht sogar gerettet. Später baute er um „Le Monde“ eine Mediengruppe auf, für deren Erhalt ihm jedoch das Geld fehlte. Er kaufte im Süden Regionalzeitungen und in Paris die Programmzeitschrift „Télérama“. Inzwischen hat „Le Monde“ weit mehr als hundert Millionen Euro Schulden, und noch sind sie jedes Jahr größer geworden. Colombani und Alain Minc, der als Aufsichtsratsvorsitzender hinter ihm steht, mussten immer mehr Anteile der Zeitung verkaufen. Minderheitseigentümer wurden ins Boot geholt - der linke „Nouvel Observateur“, der Medienkonzern Lagardère (Hachette), private und institutionelle Anleger. Sie verfügen inzwischen zusammen über 47 Prozent. Der Rest gehört den Mitarbeitern, die fürchten, wegen der Schulden die Unabhängigkeit und die Mehrheit zu verlieren.

Monarchistischer Stil

Im vergangenen Herbst hat Colombani die Zusammenführung der Regionalzeitungen in Montpellier mit jenen des Hachette-Konzerns von Arnaud Lagardère in Marseille und Nizza zu einem „Südpol“ in die Wege geleitet - gegen den Widerstand der Redaktion. Colombani ließ freiwillig eine konsultative Abstimmung durchführen - an deren Resultat aber hat er sich nicht gehalten. Renommierte Journalisten des „Monde“ haben sich seither gegen eine neue Amtszeit ausgesprochen. Sechzig Prozent der Stimmen hätte Colombani benötigt, nicht einmal fünfzig hat er bekommen. Auch bei den Journalisten der Regionalzeitungen und von „Télérama“ war er in Ungnade gefallen.

Schon ziemlich verzweifelt hatte Jean-Marie Colombani in den letzten Wochen seinen Wahlkampf geführt. In einem Pariser Hotel stellte er der Redaktion, die ihm seinen monarchistischen Stil vorwarf, seine Pläne vor. Unter anderem wollte er mit einer Billigzeitung am Morgen gegen die geplante französische „Bild“ antreten. Für nächstes Jahr versprach er schwarze Zahlen. In Einzelgesprächen suchte er den Kontakt mit den Redakteuren und Korrespondenten. „Jeder bekam den Eindruck, mindestens zum Ressortleiter berufen zu werden“, erzählt ein Journalist. „Ich will nicht der letzte Journalist in der Rolle des 'Monde'-Verantwortlichen sein“, erklärte Colombani vor der Redakteursversammlung. Die Bemerkung wurde als Drohung verstanden. Auch der für die Finanz-Akrobatie zuständige Alain Minc sagte, es gebe zu Colombani keine Alternative. Er und die nichtredaktionellen Angestellten hatten sich im voraus für Jean-Marie Colombani ausgesprochen. Doch er scheiterte an der Redaktion, deren Stellung er nie angetastet hatte.

Verhängnisvoller Leitartikel

Seit zwei, drei Jahren hielt man die Identitätskrise der Zeitung für überwunden. Mit tief greifenden - auch personellen - Maßnahmen hatten die Redaktion und ihre Leitung der von außen formulierten Kritik Rechnung getragen. Innerhalb der Redaktion blieben viele Ressentiments zurück. Doch „Le Monde“ wurde offener, toleranter, pluralistischer. Langsam gewann die Zeitung das Vertrauen seiner Leser zurück. Als Rückfall wurden Colombanis Leitartikel mit personellen Empfehlungen für die Wahl unter dem Titel „Der demokratische Imperativ“ gedeutet. Er sprach sich für Ségolène Royal aus - Alain Minc unterstützte Nicolas Sarkozy.

Über das Beziehungsnetz, das zwischen dem neuen Präsidenten und führenden Journalisten besteht und über Sarkozys Einfluss auf die Presse hat gerade ein ehemaliger „Monde“-Redakteur, der für seine Entlassung Alain Minc verantwortlich macht, ein Buch geschrieben. Wie sich Minc nach dem Sturz Colombanis verhalten wird, bleibt abzuwarten. Die Redakteurs-Vereinigung, die ihn herbeiführte, gibt sich gelassen: „Es gibt innerhalb unserer Zeitung sehr wohl Journalisten, die fähig sind, die Geschicke des Hauses zu leiten.“

Bildmaterial: AFP

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