Von Nina Rehfeld, Burbank
10. Oktober 2008 Als im Februar des vergangenen Jahres ein ranghoher General der amerikanischen Streitkräfte dem Set der Fernsehserie 24 einen Besuch abstattete, erhielt das Selbstbewusstsein der Serienmacher einen schweren Kratzer. Denn Patrick Finnegan, ein Ausbilder an der Militärakademie West Point, wies die Produzenten darauf hin, dass ihr Stück bei den Soldaten einen bedenklichen Effekt zeitige: Es könnte sie davon überzeugen, dass die Folter nicht unbedingt abzulehnen, sondern eine Frage der Abwägung sei und mitunter als das kleinere Übel erscheine.
In 24 greift der Held Jack Bauer, Mitglied einer Antiterroreinheit, routiniert zu Foltermethoden, und er tut es, weil die Zeit abläuft - zögerliches Handeln könnte den Untergang des Präsidenten, einer Stadt oder der ganzen Nation zur Folge haben. Bauer operiert außerhalb der Regeln, und das macht ihn so erfolgreich. Ein Bohrer im Schulterblatt oder eine Klinge in der Kniescheibe entlocken selbst den hartnäckigsten Gegnern die Informationen, die Bauer braucht, um ein neues Armageddon zu verhindern.
Jack Bauer als Vorbild für Guantánamo?
24 hat die Zuschauer in Amerika von Saison zu Saison stärker begeistert, inzwischen zählt die gewagte Produktion mit ihrer Erzählweise in Echtzeit zu den erfolgreichsten Fernsehserien des Landes. Und weil hier mit den Terroristen, die Attentate auf den Präsidenten verüben, Atombomben in Los Angeles zünden oder ein tödliches Virus in Umlauf bringen, so radikal verfahren wird, ist Jack Bauer zu einem kulturellen Symbol geworden. Seine Botschaft ist klar: Im Namen der nationalen Sicherheit ist alles möglich.
Das Monitum des Armeeausbilders brachte das Team von 24 in die Bredouille: Hatte ihre Phantasie die Folter in dem amerikanischen Militärgefängnis von Abu Ghraib im Irak erst mit ermöglicht, wie manche behaupten? Sollten sie Jack Bauer mit Blick auf das Geschehen in Guantánamo Einhalt gebieten?
Wir urteilen nicht über die Moral von Folter
Kiefer Sutherland, der seit sechs Jahren den Agenten Jack Bauer spielt, ist ein kluger und zuvorkommender Mann, der sich inmitten eines hektischen Drehtages in den Burbanker Studios mehrfach dafür entschuldigt, zu wenig Zeit für die Fragen der Journalisten gehabt zu haben. Aber dieses Thema geht ihm furchtbar gegen den Strich. Mein Gott, wir reden hier über eine Fernsehserie! Wir haben nie Waterboarding gezeigt, das gab es schon lange vor uns. Und wenn irgendjemand so naiv sein will, anzunehmen, dass in den letzten hundert oder tausend Jahren in verschiedenen Kulturen und verschiedenen Kriegen diese Dinge nicht geschehen sind, dann ist das naiv. Wir urteilen nicht über die Moral von Folter, wir nutzen sie als dramaturgisches Mittel.
Doch selbst wenn die 24-Macher für sich beanspruchen, sie arbeiteten allein im Fiktionalen, so sind sie doch längst in die politische Arena gezerrt worden, und das zu Recht. Spätestens seit eine Dokumentation wie Taxi to the Dark Side dargelegt hat, wie mangelhaft ausgebildete Interrogators in amerikanischen Kriegsgefängnissen von höherer Stelle angefeuert wurden, muss sich jeder, der sich mit dem Thema befasst, der Frage nach dem Einsatz der Mittel und dessen Inszenierung stellen. Antonin Scalia, Richter am Obersten Bundesgericht, und der Anwalt John Yoo, Verfasser der berüchtigten Folter-Memos im amerikanischen Justizministerium, haben sich ausdrücklich auf Jack Bauer berufen.
Ungewollte Propaganda für das Weiße Haus
Manchem in den Burbanker 24-Studios passt das überhaupt nicht. Man zitiert unsere Phantasie in politischen Kreisen häufiger als die amerikanische Verfassung, erregt sich der Regisseur John Cassar. Und auch Howard Gordon, der Autor und verantwortliche Produzent der Sendung, sagt, es ärgere ihn, dass das Weiße Haus seine Serie zu Propagandazwecken missbraucht und versucht habe, auf ihrer Erfolgswelle mitzureiten. Wissen Sie, man hat uns Obamas Kandidatur zugeschrieben, weil wir einen schwarzen Präsidenten in der Serie haben. Genauso hat man uns die Schuld für Abu Ghraib und Guantánamo in die Schuhe geschoben. Auch er möchte seine Serie als fiktionales Unterhaltungsstück verteidigen und Vergleiche mit der wirklichen Welt wegwischen - aber er fängt sich mitten im Satz ab und sagt: Natürlich können wir den Kopf nicht in den Sand stecken.
Er erinnert sich an die Kontroverse, welche sich an der vierten Staffel entzündete, in der eine muslimische Familie als terroristische Schläferzelle erschien. Kritik daran sei zu Recht geübt worden, sagt Gordon. Er macht eine Pause und fügt an: In einem Klima der Angst, wie es in Amerika seit dem 11. September herrscht, muss man wahnsinnig vorsichtig sein, was man sagt. Dass die Vorwürfe auch intern eine Rolle spielen, davon zeugt die Pinnwand gegenüber dem Cigar Room, in dem die Autorenkonferenzen abgehalten werden. Dort hängt ein Artikel aus Newsweek mit dem Titel Die Fiktion hinter der Folter, in dem der Vorwurf der Autorin, Amerika begründe seine Folter-Politik wahnwitzigerweise mit einer Fernsehfigur, gelb markiert ist.
Unsere Autoren sollten nicht über Politik sprechen
Unglücklicherweise hat ein Teil der 24-Riege - darunter Mary Lynn Rajskub, die Darstellerin der verschrobenen Computerexpertin Chloe, und der Serienmacher Joel Surnow - mit dem Auftritt bei einer Podiumsdiskussion vor zwei Jahren zu der seltsamen Vermischung von Politik und Popkultur beigetragen. ,24' und Amerikas Image in der Terrorismusbekämpfung: Fakt, Fiktion - oder spielt das eine Rolle?, lautete der Titel der von Rush Limbaugh moderierten Veranstaltung, bei der Michael Chertoff, Chef des Heimatschutzministeriums, sagte, die Hartnäckigkeit eines Jack Bauer könne Amerika helfen, den Terrorismus zu besiegen. Vielleicht, sagt Kiefer Sutherland düster, sollten unsere Autoren davon Abstand nehmen, über Politik zu sprechen.
Howard Gordon beschloss indes, die Frage Darf man das? in der Serie zum Thema zu machen. Terrorismus macht jeden zum Opfer, sagt er, warum also sprechen wir das nicht an: Was tun wir, wenn man von uns verlangt, unsere Bürgerrechte aufzugeben? In einer Szene der sechsten Staffel vernichtet eine Anwältin im Datenzentrum einer islamisch-amerikanischen Organisation das Archiv, um den Zugriff der Behörden auf persönliche Daten zu verhindern. Das Anliegen der Behörden erweist sich als unbegründet, und der Präsident wird darauf hingewiesen, dass einer seiner Berater gezielt die Aushöhlung der Bürgerrechte betreibe. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, sagt Howard Gordon. Erwarten Sie nicht, dass Jack sagt: ,Was habe ich nur getan?' und sich der Gartenarbeit zuwendet.
24: redemption, ein zweistündiger Fernsehfilm, der die siebte Staffel der Serie einleitet, ist am 30. November um 20.15 Uhr bei Premiere zu sehen. Die Staffel selbst startet dort Mitte Januar.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv