Von Harald Keller

Die sinnlich dreinblickenden, Afri schlürfenden Nonnen provozierten den Protest der katholischen Kirche
28. August 2008 Fotos und Dokumente, rare Objekte und wundersame Trouvaillen aus dem Fernsehmuseum in Berlin stellen wir in den Wochen dieses Sommers vor. Dazu natürlich auch die Menschen, zu denen die Gegenstände gehören. Folge 7
Selten gelingt es, die aktuellen modischen, künstlerischen, politischen Strömungen in einer einzigen Werbekampagne zu vereinen. 1968 war das der Fall, und es wirkt bis heute nach. Dabei war das in Köln hergestellte Erfrischungsgetränk Afri-Cola zuvor ganz konventionell beworben worden. In einem schwarzweißen Filmchen aus dem Jahr 1966 trällert eine adrette Sängerin vor einer kleinen Combo und mannsgroßen gemalten Afri-Flaschen die Worte Afri-Cola macht dich munter, Afri-Cola macht dich frisch.
Im Jahr darauf kam Charles Wilp ins Spiel, ein Düsseldorfer Fotograf und Grenzgänger zwischen Kunst und Werbung, ein Anhänger der Raumfahrt mit buchstäblich hochfliegenden Ideen. Der charmante Fantast war dem Afri-Hersteller Karl Flach empfohlen worden. Eine Begegnung mit Folgen: Trotz des Altersunterschiedes von 27 Jahren harmonierten die beiden bestens und überraschten mit einer Werbekampagne sondergleichen. Unter dem Slogan Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola - alles ist in Afri-Cola bündelte Wilp, was die Gesellschaft Ende der Sechziger bewegte und verstörte.
Super-Cola. Flower-Cola. Afri-Cola.
Wiederkehrendes Merkmal der Fernsehspots und Anzeigenmotive war die eisig beschlagene Scheibe. Dahinter tummelten sich schillernde Gestalten: ein amerikanischer Soldat mit Friedenstaube, Anzugträger, Rocker, aufreizend gekleidete Stewardessen, ein Dandy, ein Jet-Set-Pärchen, androgyne Frauen mit geschorenen Schädeln. Angeregt durch die erste Herztransplantation, pumpte Wilp Afri-Cola durch lange Schläuche am Körper verschiedener Mannequins und ließ an eine Bluttransfusion denken. Erwartbar umstritten waren drei sinnlich dreinblickende, Afri schlürfende Nonnen, die prompt Protest der katholischen Kirche provozierten.
Den subkulturell konnotierten Bildern entsprachen Texte von seltsamer Semantik: Die Erde ist ein Paradies mit Afri-Cola. Lustvolle Gefilde Afri-Cola-hungriger Gefühle. Die Frau wird Frau und frei. Girlpower, Frauen-Lib und Männerfreiheit. Heirat oder nicht Heirat, das ist nicht mehr die Frage. Afri-Cola. Die Augen erzählen der Welt, dass sie verliebt ist. Afri-Cola. Menschen, die bewusst ihre Zeit genießen. Bei vollem Verstand. Wach und mobil mit Afri-Cola. Der permanente Traum vom Heilmittel. Ein Gleiten. Ein Schweben mit Afri-Cola. Liebe über den Wolken. Coffee, Tea of Afri. Trink mich. Flieg mit Afri.
Das in gut zwanzig Spots umspielte Thema war der Rausch ohne Droge, die Haltung nicht per se antibürgerlich. Eine Litanei betraf den Feierabend, zielte auf ein Publikum mit fester Arbeitszeit, aber eskapistischen Träumen: Feierabend? Afri-Cola. Alles ist in Afri-Cola. Mini-Cola als Stimulanz. Sexy-Cola: Stimmungselixier. Super-Cola: alkoholfreies Partygetränk. Flower-Cola: Erfrischung auch bei schlechtem Wetter. Pop-op-Cola: das alte Rezept und die neue Konzeption.
Webepapst mit dem Rang eines Popstars
Charles Wilps Kaskaden erregten so viel Aufsehen wie Unmut. Der Bayerische Rundfunk verweigerte die Annahme eines Spots, in dem ein Modell frivol die Zunge spielen ließ. Andere Werbebucher bestanden darauf, dass die Afri-Exzesse an den Schluss der Werbeblöcke gestellt wurden, um Assoziationen mit den eigenen Produkten zu vermeiden. Generell begegnete die Branche dem Tausendsassa Wilp, der auch die atonale, als Super-Single für 4,95 Mark erhältliche Musik der Afri-Filme komponiert hatte, mit Skepsis. Der Zentralausschuss der Werbewirtschaft protestierte gar gegen einen Porträtfilm der ARD und zeigte sich befremdet, dass es Wilp gestattet wurde, durch sein sonderbares Betragen den Zuschauern am Bildschirm von den in der Werbung tätigen Menschen und Methoden einen Eindruck zu vermitteln, der mit der Realität aber auch gar nichts zu tun hat.
Hochoriginell sei Wilp gewesen, ein reizender Mann, sehr kunstinteressiert, sagt Professor Vilim Vasata, der als Mitbegründer der Agentur Team (später BBDO) mit Wilp befreundet war. Eine professionelle markentechnische Betreuung habe Wilp freilich nicht geleistet. Instrumente wie Marktforschung und Mediaplanung lehnte er ab; er verfuhr unbekümmert nach dem Zufallsprinzip. 1969, in einem Gespräch mit der Zeit, erklärte er seine Strategie: Wenn zum Beispiel die Marktforscher sagen, Afri-Cola sei für junge Leute, dann müssten auf der Anzeige lächelnde junge Menschen erscheinen. Und wenn die Mediaplaner sagen, Afri-Cola sei ein Getränk für heiße Tage, dann müsste die Anzeige im Hochsommer in den Zeitschriften stehen. Ich mache das Gegenteil: Ich fotografiere Afri-Cola mit Nonnen und verbinde das mit Rausch. Ich nehme nicht einen Mann mit zwei Mädchen, was üblich wäre, sondern ein Mädchen mit zwei Männern. Keinen Neger als Symbol für sexuelle Potenz, sondern einen blonden Westfalen.
Wilps Zugang zur Werbung basierte auf seinem visuellen Empfinden; seine Ideen waren so bohemistisch unorthodox wie seine Selbstinszenierung. In den Sechzigern sah man ihn selten ohne seinen kanariengelben Overall, so wie später ein Astronautenanzug in warnendem Orange sein Markenzeichen wurde. Den Medien galt Wilp als Inbegriff des Metiers. Sie erklärten ihn zum Werbepapst und erhoben ihn in den Rang eines Popstars. Tatsachen verschwammen, Irrtümer verselbständigten sich. Bis in den lexikalischen Bereich hinein werden Wilp noch heute Kampagnen zugeschrieben, denen er nur als Fotograf zulieferte. Das gilt für die unvergessene VW-Käfer-Werbung (Er läuft und läuft) wie für die Wodka-Marke Puschkin als Drink der harten Männer.
Der Münchhausen der Werbung
Die Lichtbildnerei war Wilps eigentlicher Beruf, auch als Filmemacher trat er hervor. Schon als Schüler in Witten hatte er für das Lokalblatt fotografiert. Später arbeitete er als Bildberichterstatter für Zeitschriften und als Porträtfotograf. Studiofotografie betrieb er für Waschmittel, Damenstrümpfe, Insektenspray - Sachfotografie ohne erkennbare Handschrift. Anders verhält es sich mit den Freiluftaufnahmen, die Wilp innovativ gestaltete, wie Vilim Vasata bestätigt. Zu dieser Werkgruppe zählen die Fotoserien für Puschkin, Steinhäger, Isenbeck.
Getreu seiner Maxime Mystifikation der Merkwelten ist die Technologie des Geschäfts hatte Wilp das eigene biographische Material schon früh kreativ bearbeitet. Sein Vater soll als Saatguthändler den Raps nach Europa gebracht und mit Pflanzen gemendelt haben, während Charles' Mutter als Pianistin mit Richard Tauber auf Tournee war oder in Babelsberg Stummfilmaufführungen begleitete und in ihrem Salon die Peenemünder Raumfahrtpioniere empfing. Ganz so illuster waren die Verhältnisse nicht, in die Karl Paul Wilhelm Wilp am 15. September 1932 in Witten geboren wurde. Sein Vater führte einen Dachdeckerbetrieb, seine aus Bochum stammende Mutter war Hausfrau und nach der 1936 erfolgten Scheidung Werbedame. Wilps disparate Angaben über seine berufliche Ausbildung, die unter anderem bei Man Ray und Raymond Loewy stattgefunden haben soll, harren noch der Verifikation. Im Januar 2005 verstarb Wilp im Alter von zweiundsiebzig Jahren.
Verbürgt sind Wilps enge Kontakte zur Kunstszene, zum Aktionskünstler Arman, der Wilps Cabrio sprengen durfte, zu Yves Klein, Christo, Beuys. Wilp stellte selbst mehrfach auf der Documenta aus und ist überhaupt eher der Kunst als der Werbung zuzurechnen. Alexander Flach, dessen Vater mit Wilp die Afri-Cola-Werbung ausheckte und seinem ideellen Komplizen nicht zuletzt in puncto Finanzierung unerhörte Freiheiten gewährte, nennt Wilp den Münchhausen der Werbung. Flach erinnert sich gut, wie Wilp im Hause seiner Eltern verkehrte. Er war eine fröhliche, interessante Persönlichkeit, die unheimlich Spaß am Leben hatte. Gerade seiner Geschichten wegen wurde Wilp geliebt. Zweimal pro Woche kam er abends bei uns zum Essen, berichtet Flach. Und wir haben immer versucht, seine Sprüche zu enttarnen. Das ist uns nie gelungen. Weil immer ein Stück Wahrheit drin war. Aber nur ein Stück.
Für die Kunst sprengt er sein Cabrio
Eine Fama immerhin kann Alexander Flach ausräumen. Demnach soll sich nach Wilps frechen Werbeaktionen der Afri-Cola-Umsatz binnen Jahresfrist um einen zweistelligen Prozentsatz erhöht haben - eine pure Medienlegende. Afri-Cola war eher im ländlichen Bereich verbreitet, und bei den dortigen Getränkeverlagen stieß die exotische Anmutung leichtgeschürzter Hippie-Mädchen und tougher Ledermänner auf wenig Gegenliebe. Erst mit Aufkommen der Techno-Bewegung wurde die Koffeinbrause, wie der 2005 verstorbene Wilp noch erleben durfte, zum Treibstoff einer hedonistischen, stilbewussten Käuferschicht.
Karl Flach blieb seinem Faible wider jede ökonomische Räson sieben Jahre lang treu. Das alles hat irgendwie Spaß gemacht, erinnert sich sein Sohn Alexander und spricht aus eigener Erfahrung, verdankt er doch den Wilpschen Eskapaden ein ganz besonderes Erlebnis: Seinen ersten Kuss erhielt er, noch in den Kinderschuhen steckend, von der als Afri-Modell angeheuerten Sängerin Marsha Hunt. Wer sich an die Sechziger erinnern kann, wird ihn darum beneiden. Wer das Jahrzehnt nicht erlebt hat, kann ihm mit Hilfe des Afri-Cola-Rausches nachspüren. Nachdem zeitweilig die Rezeptur verändert worden war, schmeckt das Getränk heute wieder wie 1968 - nach der Ära von Sexy-mini-super-flower-pop.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Charles Wilp / INTER'S