Halbzeit der Olympischen Spiele

Willkommen in Potemkins Dorf

Von Jochen Hieber

Was haben wir bislang gesehen und gehört?

Was haben wir bislang gesehen und gehört?

18. August 2008 Es ist etwas sehr Merkwürdiges um diese Spiele: Alle, die daran beteiligt sind, tun so, als ob. Der stramm organisierte Gastgeber will auch locker und attraktiv sein - „Peking hat sich schick gemacht“, sagte der Reporter beim Marathonlauf der Frauen, als die Spitzengruppe das „Himmlische Tor“ hinter sich hatte. Nicht nur die Marathonläuferinnen, fast alle Athleten geben alles, stehen aber auch neben sich. Die Reporter wollen Fachkenntnis und Leidenschaft vermitteln, fallen sich aber oft selber ins Wort. Die Fans in den Stadien jubeln wie eh und je, wirken indes wie aufgezogen.

Und wir, die Radiohörer und Fernsehzuschauer? Wir stellen den Wecker, um die Schwimmerin Britta Steffen nicht zu verpassen, treffen dabei jedoch unvermeidlich auch auf den außerirdischen Giganten Michael Phelps. Wir wollen staunen ob seiner Einzigartigkeit, wundern uns aber zugleich: Wie soll das gehen? Wir starren auf die Unwiderstehlichkeit, mit der Usain Bolt die hundert Meter bereits nach der Hälfte des Weges gewonnen hat, und fragen: Was ist da - außer Talent, Training und Adrenalin - noch im Spiel? Wo der ZDF-Reporter Wolf-Dieter Poschmann recht hat, soll er recht behalten: Von einem „Sieg ohne Gewähr“ sprach er nach Bolts Triumph.

„Seinesgleichen geschieht“: So hat Robert Musil den 1931 erschienenen zweiten Teil seines Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“ überschrieben und damit auf das Pseudohafte der von ihm geschilderten Welt verwiesen. Was im Roman für das österreichisch-ungarische Kaiserreich am Vorabend des Ersten Weltkrieges gilt, gilt nicht minder für die Olympischen Spiele im China des Jahres 2008. Es läuft äußerlich fast alles perfekt und scheint doch im Innersten hohl und leer.

Vierzig Tonnen Material

Eine riesige Maschinerie produziert faszinierende Ereignisse, atemraubende Spannung, vor Glück weinende Helden und tragikomische wie traurige Verlierer am laufenden Band - und doch entsteht auf diese Weise nur ein Potemkinsches Weltdorf, dessen nach Milliarden zählende Bewohner sich simulierend so verhalten, als befänden sie sich zumindest vorübergehend noch einmal im Stande der Unschuld. Wie zitierte Britta Steffen im ARD-Interview am hiesigen Sonntagmorgen ihre Psychologin so schön? Es sei „magisches Kinderdenken“, dem sie ihren Antrieb vor allem verdanke.

Eine riesige Maschinerie haben auch die Rundfunkgebühreninstitute ARD und ZDF nach Peking und Hongkong verfrachtet, allein fünfzig Container mit technischer Ausrüstung und vierzig Tonnen an sonstigem Material. Um die sechs-, siebenhundert Mitarbeiter wurden akkreditiert. Mit den sich Tag für Tag in der Berichterstattung abwechselnden Hauptsendern und mit vier von ihren sechs Digitalkanälen bringen es ARD und ZDF auf sechzig Übertragungs- in vierundzwanzig Zeitstunden. Was das kostet, Bild- und Senderechte inklusive? Irgendwann werden wir die Millionenbeträge genau kennen und sie für entschieden zu hoch erachten. Jetzt aber läuft auch diese Maschinerie erst einmal auf vollen Touren - und wir schauen ihr mal gebannt wie früher und mal, wie inzwischen gelernt, nur noch höchst widerwillig zu.

Ungalante Sprachpatzer

Die öffentlich-rechtliche Bilanz zur Halbzeit der Spiele? Wie stets bei solchen medialen Megamomenten kann sie nur gemischt ausfallen. Dem Reporter beim Finale im Herrendoppel der Tenniswettbewerbe unterlief ein ungalanter Sprachpatzer, auch wenn er nur nett sein wollte und der Lebensgefährtin des Schweizers Roger Federer deshalb bescheinigte, sie sei „mehr als eine fleischgewordene Klatscherin“. Zugleich aber erklärte er selbst dem naiven Zuschauer kompetent und kompakt, welche Taktiken die Endspielgegner wählten und warum sie das tun.

Wenn Johannes B. Kerner seine Athletengäste kokett danach fragt, wie lange sie für die Abgabe ihrer Doping-Probe gebraucht hätten, ist das peinlich. Wenn er sich jedoch, wie im Fall des früheren Spitzenläufers Michael Johnson, weder vom Studiogast noch vom Studiopublikum beirren lässt, unangenehme Fragen zur Person und zur Sache zu stellen, macht er seine Sache gar nicht schlecht.

Vier Jahre im Verborgenen

„Waldi und Harry“, die olympische Entspannungsshow im Ersten, krankt auch an ihrem unentschiedenen Konzept. Sie will volksnah und launig (Waldemar Hartmann), zugleich lustvoll und zynisch sein (Harald Schmidt): Heraus kommt fast immer ein kaum erträglicher Lockerheitskrampf, was im einzelnen Fall gute Pointen nicht ausschließt. Das Pendant im ZDF heißt „Hart, aber unfair“, kommt ohne Moderatoren und mit wenigen Minuten aus, ist also schon deshalb recht hübsch. Natürlich ist man als Konsument des Produktes Olympia so bilder- wie gefühlssüchtig. Also schaut man gerade Sportarten gern, die sonst vier Jahre lang überhaupt nicht existieren - die Sportschießerei etwa, die beim ZDF in Gestalt des Reporters Tibor Meingast aber auch einen besonders liebevollen Propagandisten besitzt.

Das Aufregendste im Simulationsraum der Spiele ist aber mal wieder das Radio. Der Olympiawelle der ARD kommt entschieden zugute, dass ihre Hörer im Kopf blitzschnell eigene Bilder produzieren. Also kann sie mit ihren Konferenzschaltungen auch behend zwischen den parallel stattfindenden Wettkämpfen der unterschiedlichsten Sportarten hin und her wechseln. Dagegen muss das Fernsehen behäbig wirken. Aber auch das Fernsehen wird noch eine knappe Woche so tun, als ob.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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