Der Gouverneur, die junge Frau und das Internet

Mein Raum gehört mir

Von Tobias Rüther

Bei Ashley Alexandra Dupré hat sich Spitzer bislang nicht entschuldigt

Bei Ashley Alexandra Dupré hat sich Spitzer bislang nicht entschuldigt

13. März 2008 Am Mittwochabend haben die Moderatoren des Nachrichtensenders CNN aus dem Internet vorgelesen. Deklariert wurde das als „Eilmeldung“ eines Skandals, der sich um den New Yorker Gouverneur Eliot Spitzer, einen Callgirl-Ring und eine Prostituierte namens „Kristen“ dreht. Gouverneur Spitzer soll sie im Februar in einem Washingtoner Hotel zum Sex getroffen haben.

Diese „Kristen“ hat die „New York Times“ jetzt ausfindig gemacht. Aber eben nicht nur das: Sie hat auch ihre MySpace-Seite im Internet gefunden. Dort hatte die zweiundzwanzigjährige Frau unter dem angenommenen Namen „Ashley Alexandra Dupré“ Songs eingestellt, sie arbeitet nämlich seit einiger Zeit an einer Popkarriere. Und wie bei solchen Seiten üblich, hat die Sängerin auch ein paar Worte über sich selbst verloren. Die wurden in der „New York Times“ jetzt ausgiebig zitiert, praktischerweise auch vom Internetauftritt des Blattes aus direkt weiterverlinkt – und schließlich im Fernsehsender CNN als „breaking news“ verlesen. Seither kursieren sie überall.

Biographisches „Material“ aus dem Netz

Die „New York Times“ hat die junge Frau zwar am Telefon interviewt und auch ihre Mutter persönlich gesprochen, doch im Grunde haben die Reporter nichts anderes getan, als es Personalchefs und neue Freunde seit längerem tun, wenn sie jemanden kennenlernen wollen: Sie haben Ashley Alexandra Dupré erst mal gegoogelt. Und dabei biographisches „Material“ gefunden: „Als ich siebzehn war, bin ich weg von zu Hause“, schreibt Ashley Alexandra Dupré über sich selbst. „Weg aus meiner Heimatstadt. Weg von meiner kaputten Familie. Weg vom Missbrauch.“ Sie habe Drogen genommen, sei allein und obdachlos gewesen: „Aber ich habe überlebt, aus eigener Kraft.“

MySpace-Seiten dienen eigentlich zur kontrollierten Selbstinzenierung, für manche Musiker sind sie der einzige Weg, bekannt zu werden. Hier aber wurden die paar Zeilen, die vielleicht nur sich selbst und anderen Mut machen sollten, geradezu zur Zeugenaussage, zum gerichtsrelevanten Indiz stilisiert. Wie aussagekräftig diese sehr persönlichen Worte waren und was sie überhaupt mit der Tatsache zu tun haben sollen, dass Eliot Spitzer die junge Frau mit Geld zu Sex genötigt hat, spielt keine Rolle mehr. Weil es sich so schön zusammenreimte, wurde die Frau in die Öffentlichkeit gerissen und ihr Lebensinhalt („Mir geht es nur um Musik, und meine Musik geht nur um mich“) zweckentfremdet.

Kommentarlos und perfide

Richtig fies wurde die ganze Geschichte aber erst, als die „New York Times“ – übrigens genau wie das sonst eigentlich seriöse amerikanische Online-Journal Salon.com – einige Zeilen aus einem Lied namens „What we want“ nahmen, offenbar um die Phantasien ihrer Leser anzuregen: „I know what you want“, singt Ashley Alexandra Dupré da, „can you handle me, boy?“ Und: „Can you ride me, boy?“ Kommentarlos stehen die Passagen in der Zeitung und im Internet, Zeilen, wie sie in jedem zweiten Song der amerikanischen Soulrichtung R ’n’ B vorkommen – der Leser soll sich den Rest einfach dazudenken. Angeblich „stöhnt“ die Sängerin auch, das behauptet jedenfalls der Redakteur von Salon.com – und fügt perfide hinzu: „Man fragt sich, ob dem Gouverneur dieses Stöhnen bekannt vorkommt.“

Wer ist hier eigentlich der Täter? Der Artikel schließt mit der so obligatorischen wie billigen Erkenntnis, die Sache werde sich für Ashley Alexandra Dupré am Ende schon „auszahlen“, denn sie könne ja „ihre Memoiren schreiben“. Als sei das, Missbrauch inklusive, eine Marketingaktion gewesen. Auch in Deutschland hat Spiegel Online im Laufe des Donnerstags die Geschichte aufgegriffen und sie mit einer Bildstrecke der jungen Frau garniert. Im Bikini.

Gouverneur Spitzer ist inzwischen zurückgetreten. Er hat zuvor vor laufenden Kameras seine Familie und vor allem die „Öffentlichkeit“ um Verzeihung gebeten, wie das in solchen Fällen immer geschieht. Bei Ashley Alexandra Dupré hat sich Spitzer aber bislang nicht entschuldigt. Auch ihr Gouverneur ist er gewesen. Die fiktionalisierte Biographie der jungen Frau nimmt derweil bei Google stündlich neue Formen an, dank der Berichterstattung seriöser Medien, die ohne Quellenkritik und Verantwortung irgendwelche Informationen aus dem Netz nehmen und sie in neue Zusammenhänge stellen. Mehr als 177.000 Einträge gab es für „Ashley Alexandra Dupré“ am Donnerstagnachmittag. Jede Suche ein Treffer.

Text: F.A.Z., 14.03.2008, Nr. 63 / Seite 41
Bildmaterial: AFP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche