Von Michael Hanfeld
15. Februar 2007 Sabine Christiansen geht, Anne Will kommt. Eine Talkshow wechselt die Moderation. Das klingt nach einem Anlass für eine Zehn-Zeilen-Meldung. Ist es aber nicht, denn es zerreißt ein Netzwerk, es fällt eine Institution, ein außerparlamentarisches Forum, das ein Direktorium war, von dem man sich schon jetzt fragt, wie es je entstehen konnte.
Was bleibt, wenn Sabine Christiansen vom Bildschirm verschwindet? Ein leerer Salon, ein leerer Stuhl, eine leere Stelle. Die Erinnerung an wenige Szenen, an den freudschen Versprecher, als Edmund Stoiber die Moderatorin der nach ihr benannten Sendung mit Frau Merkel anredete. Der Satz von Friedrich Merz: Diese Sendung bestimmt die politische Agenda in Deutschland mittlerweile mehr als der Bundestag. Die Partys, die Umarmungen, das Bussi-Bussi, die Gesten engen persönlichen Umgangs mit ihren Dauergästen nach der Show, von dem die Zuschauer nichts wissen, den aber jeder erahnen konnte, je länger er dem sonntäglichen Ritual beiwohnte. Ein Prominentenfriseur. Und der Abend, an dem Ulla Schmidt und Horst Seehofer im Sommer 2003 in der Show den Gesundheitskompromiss verkünden sollten, aber die goldene Regel brachen und von den Verhandlungen nicht direkt ins Studio herüberkamen.
Der Pakt mit der Politik
Nur an diesem Abend war Sabine Christiansen einmal außer sich und fragte den entsandten Stellvertretern ein Loch in den Bauch. Zu gern hätte sie ihre Macht demonstriert, sichtlich betrogen schien sie sich zu fühlen um den Preis ihres Paktes mit der Politik. Dabei waren die Verhandlungen bloß bis zum Sendetermin nicht rechtzeitig beendet worden. Ein handwerklicher Fehler, kein Zeichen, dass in Christiansens Universum etwas außer Kontrolle geraten war. Am Sonntag darauf waren wieder alle brav zur Stelle und palaverten.
Das Eigentümliche der Sendung war und ist, dass Sabine Christiansen als durch und durch unpolitische Person mit ihrem fehlenden Erkenntnisinteresse perfekt zu den medienfixierten Jahren der rot-grünen Koalition passte - sie ist seit 1998 auf Sendung -, zugleich aber einen neoliberalen Diskurs geprägt hat, der zum Grundrauschen der Republik geworden ist. Sie musste dafür nicht viel tun, nur die richtigen Leute einladen und immerfort reden lassen. Im Sendegebiet der deutschen Kampfzone dürfte es keine politische Talkshow geben, die auf ähnliche Weise die Wünsche der Chefetage ans Volk durchreicht, schreibt der Autor Walter van Rossum in seinem Buch Meine Sonntage mit Christiansen. Eine Durchreiche - das ist ein passendes Bild mit Christiansen als der Salondame, unzähligen Unternehmensberatern, deren Namen wir uns zu Recht nie gemerkt haben als Etagenkellnern, Gewerkschaftsvertretern als Spülpersonal, dem Professor Jürgen Falter aus Mainz als Gastrokritiker, der zu jedem Würstchen seinen Senf gibt, Klaus Wowereit als Unterhalter für die Party danach - und im Herrenzimmer bei Zigarren und Kognak Guido Westerwelle. Ab und an hoher Besuch vom Kanzler oder der Kanzlerin in Einzelaudienz.
Fürs Chaos sorgt der Staat
Sie alle haben, wenn es nicht gerade um alltägliches Parteiengerangel ging, Sonntag für Sonntag den Abgrund beschworen, vor dem das Land stehe, wenn es sich nicht von Grund auf reformiere, der Globalisierung stelle und den Gesetzen des Marktes ergebe. Wobei wir es hier nie mit der Freiburger Schule zu tun bekamen - der Sozialen Marktwirtschaft wurde vielmehr das Grab geschaufelt -, sondern mit den Chicago Boys. Der Markt wird es schon regeln, fürs Chaos sorgt der Staat.
Über die Jahre wurde dabei unverkennbar, dass Christiansen mit ihrem Ersatzparlament die übrige Welt aus den Augen verlor. Der Populismus, der sich in der Formulierung der Themenwahl ausdrückte, das Eintreten für die Belange des kleinen Mannes war nirgends mehr Pose und bald unerträgliche Attitüde denn hier, wo eine Figur wie Hans-Olaf Henkel sein Survival-of-the-fittest-Mantra herunterleierte: das Hohelied eines Überlebenskampfes, den er selbst nie aushalten würde. Henkels Leerformeln hat Frank Plasberg in einer seiner jüngsten Hart aber fair-Sendungen glänzend seziert, indem er das Geschwätz von gestern und vorgestern bei Bedarf per Knopfdruck abrief. An den eigenen Worten, erst recht den Taten gemessen, mit den Folgen für andere konfrontiert zu werden - so etwas passiert einem bei Christiansen nicht. Kein Wunder, dass die Intendanten der ARD Plasberg als Christiansens Nachfolger nicht in Betracht gezogen haben.
Wachsfigurenkabinett als Vorbeter
Sie schicken die Moderatorin ja auch in Wahrheit nicht in die Wüste, weil sie in ihren Augen etwas falsch gemacht hätte. Bei Christiansen fühlen sich alle geborgen, haben sich an die Ersatznahrung, an die Diffamierung jeder sachlichen Kontroverse als überflüssigen Streits und an das Personal gewöhnt, das sich zu einem guten Teil aus Losern auf hohem Niveau rekrutiert. Aus Politikern wie Merz oder Lafontaine, die nicht gestalten, aber anderen ganz genau sagen können, was sie falsch machen. Oder aus solchen, die vom Zustand des Landes sprechen, dabei aber wie Westerwelle oder Christian Wulff nur ihre Karriere im Auge haben. Und tatsächlich aufsteigen. Und schließlich aus Universalexperten wie Jürgen Falter, die der Tagesdemoskopie folgend Haltungsnoten verteilen, aber nicht wissen, was Haltung ist. Man will nicht glauben, dass es ein Land gibt, das ein solches Wachsfigurenkabinett als Vorbeter verdient hat.
Knapp zehn Millionen Euro Gebührengelder hat die ARD für das Panoptikum jährlich ausgegeben - rund 200.000 Euro pro Sendung - und täte es weiter, wäre das Publikum nicht schließlich latent aggressiv oder der Veranstaltung ob des ganzen Gehabes gänzlich überdrüssig geworden. Und wäre die ehemalige Stewardess, deren Ausgaben der Tagesthemen die Kollegen intern als Sendung mit der Maus titulierten, nicht so weit abgehoben, dass sie das Murren der Chefs in den Anstalten - die mit ihrem Jahresaufkommen von jetzt 7,1 Milliarden Euro übrigens nie jemand reformieren und mit den Herausforderungen der Globalisierung konfrontieren wird - nicht mehr mitbekam. Als sich bei der ARD die dunklen Wolken über ihr zusammenbrauten, saß Sabine Christiansen ganz oben, neben Friede Springer auf der Bundestagsempore, und wohnte der Vereidigung Angela Merkels bei. So machte die Unpolitische Politik.
An eine Christiansen-Sendung erinnern wir uns übrigens doch noch in Gänze. Das war die, in der es einmal nicht um Reformstau und den nahenden Weltuntergang ging, sondern um den 8. Mai 1945. Sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs saßen Richard von Weizsäcker, der gerade entlassene britische Europaminister Denis MacShane und Marcel Reich-Ranicki in der glattpolierten Talkkugel und - wurden persönlich. Zu persönlich und zu echt für Christiansens Geschmack, denn sie unterbrach Reich-Ranicki gleich zweimal, da dieser erzählte, was er empfand, als Willy Brandt in Warschau auf jenem Platz kniete, an dem er seine Eltern das letzte Mal gesehen hatte, bevor sie nach Treblinka transportiert wurden. Bei einem Generalsekretär oder Unternehmensberater und vorformulierten Statements zum Thema Hartz IV wäre das wohl nicht passiert. Schön, dass wir darüber gesprochen haben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.02.2007, Nr. 6 / Seite 3
Bildmaterial: dpa
