Von Jörg Becker
17. Juli 2006 Die chinesische Informationstechnologie-Branche kann für die letzte Dekade auf ein phänomenales Wachstum zurückblicken. Im Jahr 2003 lag ihr Umsatz bei rund dreihundert Milliarden Dollar. Damit bildete sie nach den Vereinigten Staaten und Japan den drittgrößten IT-Markt der Welt. Die Unternehmen sind inzwischen derart mächtig und dynamisch, daß sie längst auch aktiv nach außen hin agieren.
So kaufte im Dezember 2004 Lenovo, Chinas wichtigster Computerhersteller, die verlustbringende PC-Sparte von IBM für 1,75 Milliarden Dollar, ein Jahr später übernahm der taiwanische Elektronikkonzern BenQ die Mobilfunksparte des im Telekom-Sektor innovationsunfähig gewordenen Siemens-Konzerns, und im August 2005 übernahm Alibaba, Chinas führender Internet-Anbieter, für eine Milliarde Dollar den chinesischen Dienst von Yahoo.
Tragende Säule der Volkswirtschaft
Exportorientierte Unternehmen stehen auch im Mittelpunkt der regionalen IT-Strategie der Südprovinz Guangdong, besonders in deren Millionenstädten Shenzhen, Zhuhai, Foshan und Kanton. An erster Stelle stehen hier Software-Entwicklung und von Amerika und Europa hierhin ausgelagerte Dienstleistungen für Konzerne wie Kodak, IBM, Microsoft, Ericsson und NEC. Die chinesische IT-Industrie boomt aber nicht nur hier. Mit ihren gegenwärtigen und den prognostizierten jährlichen Steigerungsraten von vierzehn Prozent in den nächsten Jahren ist sie zu einer der tragenden Säulen der Volkswirtschaft geworden und trägt bereits rund zehn Prozent zum Bruttosozialprodukt bei. Premierminister Wen Jiabo betont deshalb wieder und wieder, wie wichtig das Internet sei: Chinas Internet hat sich sehr schnell entwickelt. Die chinesische Regierung war stets und ständig um die Entwicklung des Internets bemüht und hat dessen breite Anwendung immer befürwortet.
Unter diesen Vorzeichen blüht in China der Handel im Netz auf, sowohl als C2C-Markt (consumer-to-consumer) wie auch als B2C-Geschäft (business-to-consumer) oder B2B-Beziehung (business-to-business). Noch stehen beim Online-Einkauf Bücher, Software, PC-Hardware, Zeitschriftenabonnements und Spiele auf den ersten Plätzen der begehrtesten Güter. Immer wichtiger aber werden Mobiltelefone, Digitalkameras, MP3-Spieler und Flugtickets. Spannend ist vor allem, den wachsenden Erfolg des Internet-Buchhandels bei den drei großen Anbietern www.dangdang.com, www.joyo.com (im Besitz von Amazon) und www.bolchina.com (eine Bertelsmann-Tochter) zu beobachten. Dangdang bietet als Branchenführer 300.000 Buchtitel an, zählt weltweit sechs Millionen Kunden, liefert in siebzig chinesischen Städten direkt aus, erwirtschaftete 2005 vierzig Millionen Dollar und konnte seinen Jahresumsatz bislang jedes Jahr verdoppeln.
Leichtes Leben Online-Handel
Nach einer Studie der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften betrug der Gesamtumfang des Online-Handels in China 2005 rund 69 Milliarden Dollar. Davon entfiel auf den C2C-Markt erst ein Anteil von rund zwei Milliarden - doch gerade der private Online-Handel weist jährlich enorme Wachstumsraten auf. In den drei Großstädten Peking, Schanghai und Kanton beteiligen sich zur Zeit gut 7,5 Millionen Menschen daran - in ganz China sind es 22 Millionen. Zwei Drittel aller privaten Online-Geschäfte gehen auf das Konto der chinesischen Internetauktionsbörse Taobao (sie gehört zum Teil Yahoo), knapp ein Drittel kann eBay-China derzeit für sich reklamieren. Paipai, Tencent, 1pai sind weitere Auktionsbörsen, die jedoch jeweils nur einen Marktanteil von ein bis zwei Prozent des C2C-Marktes ausmachen. Bei Taobao sind bereits mehr als 300.000 Geschäfte registriert, und der private Endverbraucher kann beim gesamten chinesischen C2C-Handel mehr als sechzig Millionen verschiedene Güter einkaufen. Die elektronischen Bezahlmethoden Paypal und Aliplay funktionieren zur Zufriedenheit ihrer Kunden.
Ob freilich der C2C-Handel wirklich als Fortschritt gefeiert werden sollte, muß offenbleiben. Voller Enthusiasmus titelte kürzlich die Tageszeitung Daily China: Der Traum, sein eigener Boss zu werden, ist nur einen Mausklick entfernt. Das kommunistische Blatt sang ein Loblied auf die Chinesin Liu Li, die ihren Bürojob aufgegeben und statt dessen die Online-Boutique True Colours für Damenmode gegründet habe. Um im Cyberspace erfolgreich zu sein, braucht man eine Menge an sozialen Kontakten. Man muß außerdem schlau, darf aber nicht egoistisch sein. Mein Online-Geschäft beschert mir ein herrliches Leben. Jeden Tag geht es mir gut. Ich mache ein wenig Hausarbeit, gucke Fernsehen, amüsiere mich mit Online-Spielen und unterhalte mich ab und zu mit einem potentiellen Käufer. Leute wie ich bleiben gerne den ganzen Tag in der Wohnung und lieben es, viele Stunden vor dem Computer zu sitzen. Ob Liu Lis neuer Beruf nicht auch und viel eher Ausdruck von Rationalisierungsmaßnahmen auf dem chinesischen Arbeitsmarkt ist, der durch die Ein-Kind-Politik immer mehr aus dem Ruder läuft, bleibt mangels entsprechender Forschungsdaten unklar.
Das Auto kommt ins Internet
Weitaus professioneller organisiert als der elektronische C2C- ist der B2C-Handel. Exemplarisch kann hier das Portal www.18900.com genannt werden. Von der chinesischen Internet-Ikone Paul Gao betrieben, werden über dieses IMobile genannte Portal zum Verkauf von Mobiltelefonen jedes Jahr mehrere zehn Millionen Yuan umgesetzt. Die Website erhält täglich fünf Millionen Klicks, hat 2,3 Millionen registrierte Kunden und mehr als 400.000 aktive Nutzer. Ähnlich und hochprofessionell gestaltet sich in China der Verkauf von Autos über das Netz, der allerdings erst langsam, dafür aber mit großen Wachstumsraten anläuft. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Shanghai iResearch gibt es 1.200 autobezogene Websites. Dreißig Prozent davon stammen von Autoherstellern. Die bekannteste Website für Autos in China ist www.chinacars.com. Aus Angst vor gestohlener und geschmuggelter Ware läuft aber gerade der Handel mit Gebrauchtwagen über das Netz nur mühsam an, doch machte im August 2005 die chinesische Volkswagen-Niederlassung gemeinsam mit eBay-China einen erfolgversprechenden Anfang mit der Versteigerung von 55 gebrauchten Wagen.
Wenn Werbeausgaben ein guter Indikator für die Entwicklung des chinesischen B2C-Handels sind, dann scheint hier eine große Dynamik bevorzustehen. Mit Gesamtausgaben für Online-Marketing (inklusive Werbung und Werbeausgaben bei Suchmaschinen) in einer Höhe von knapp siebenhundert Millionen Dollar stieg dieser Betrag von 2005 gegenüber 2004 um siebzig Prozent.
Der Verfasser leitet die Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung mbH in Solingen. Er forschte in der ersten Hälfte dieses Jahres in China zum dortigen Internet.
Text: F.A.Z., 17.07.2006, Nr. 163 / Seite 34
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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