Hardy Krüger zum Achtzigsten

Hamlet unter Nibelungen

Von Dieter Bartetzko

12. April 2008 Sein bester Film wäre beinahe nicht in die Kinos gekommen. „Sonntage mit Sybill“, so befand 1961 der Produzent Mike Frankovich, sei „das Langweiligste, was mir je vor die Augen gekommen ist“. Ein anderer griff zu, und 1962 erhielt die französische Produktion den Oscar als bester ausländischer Film. Dass ihr Hauptdarsteller Hardy Krüger nicht nominiert war, lag an Hollywoods damaliger notorischer Scheu vor ausländischen Schauspielern.

Verdient hätte er den Oscar: Bohrend, diskret, wie schwebend spielte er einen Piloten, den ein Absturz gedächtnislos gemacht und mental auf den Stand eines Fünfzehnjährigen geschleudert hat. Die unschuldige Zuneigung eines elfjährigen Mädchens holt ihn aus dem Niemandsland, aber scheitert am Misstrauen der Umgebung. Zugang zu dieser Außenseiterrolle ermöglichten eigene Erfahrungen: Sechzehnjährig war Hardy Krüger im März 1945 in die Waffen-SS-Division „Nibelungen“ eingezogen worden, in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten und im Mai aus Tirol zurück in seine Heimatstadt Berlin gelaufen. „Ein Land ohne Zukunft“, schilderte er später seinen Elendsgang, „die Menschen waren grau und kaputt.“

Wütende Abwehr von Vorurteilen

„Einer kam durch“ hieß der englische Film, der ihm 1957 den internationalen Durchbruch brachte. „Waren Sie ein Nazi?“ war die erste Frage der Londoner Pressekonferenz. „Ja.“ Im Schweigen hakte Krügers „Wie kommen Sie darauf?“ nach. „Schauen Sie mal in den Spiegel“, antwortete Tom Wiseman, der Reporter am Beginn einer großen Karriere als Schriftsteller und Drehbuchautor. Krüger: „Ich kann verstehen, dass Sie als Jude etwas gegen Deutsche haben.“ Wiseman: „Woher wollen Sie wissen, dass ich Jude bin?“ „Schauen Sie mal in den Spiegel!“ Tags darauf war Hardy Krüger der einzige Deutsche außer Konrad Adenauer, den jeder Engländer kannte; Tom Wiseman und er wurden Freunde.

Die wütende Abwehr von Vorurteilen, das Bekennen ohne Ausflüchte hatten schon den Jungen den Krieg überleben lassen: Dem Lager war er dank dessen Captain entkommen, der nach einem Streit, ob Jugendliche Verantwortung für das „Dritte Reich“ trügen, kurz die Wachen am Tor abzog. Den Mut wiederum, Kollektivschuld zu bestreiten, verdankte er groteskerweise dem NS-Propagandafilm „Junge Adler“, in dem ihn Alfred Weidenmann 1943 wegen seines „arischen“ Aussehens als „Pimpf Bäumchen“ besetzt hatte. Beurlaubt vom NS-Elite-Internat Sonthofen, lernte er beim Dreh Albert Florath und Hans Söhnker kennen, die ihn in Widerstandskreise einführten.

An der Seite von Weltstars

Das „arische“ Aussehen hätte dem Schauspieler Hardy Krüger zum Verhängnis werden können. Immer wieder trug Hollywood dem Blonden mit den blauen Augen, dem markanten Gesicht, sensiblen Mund und verletzlichen Blick gedankenlos Nazi-Rollen an. Krüger wendete sie zu Charakterstudien; am überzeugendsten 1965 in Robert Aldrichs „Flug des Phönix“, wo er den bis zum Wahnsinn sturen Ingenieur Heinrich Dorfmann gab, der die Trümmer einer in der Wüste abgestürzten Transportmaschine zusammenflickt und so die Überlebenden rettet.

Der Weltstar James Stewart war sein Partner. Das Prädikat galt längst auch Hardy Krüger. Er agierte neben Lino Ventura, Charles Aznavour, Richard Burton, Sean Connery, James Mason und Orson Welles, war Partner von Melina Mercuri und Elsa Martinelli, drehte mit Otto Preminger, Richard Attenborough und Stanley Kubrick. „Die Wildgänse kommen“, „Die Brücke von Arnheim“, „Taxi nach Tobruk“ - Kriegsfilme, Männerfilme. Der berühmteste: Howard Hawks' „Hatari“ mit John Wayne, der Krüger erst als Kommunisten beschimpfte und Freundschaft mit ihm schloss, nachdem „der Kleine“ ihn unter den Tisch getrunken hatte.

Scheues Mannsbild, stark gepanzert

Trotzdem war Hardy Krüger alles andere als das Mannsbild vom Dienst. Im Gegenteil, er spielte immer, als trüge er mindestens drei Schutzpanzer, um die eigentliche Verwundbarkeit zu verbergen, wirkte abwesend und dadurch umso präsenter, scheu und deshalb fesselnd. Was hätte der deutsche Film an diesem En-passant-Nervenspieler haben können. Doch es überwogen Belanglosigkeiten wie „An der schönen blauen Donau“ oder „Die Christel von der Post“. Aber wenn Versuche starteten, aus der Biederkeit auszubrechen, war er gefragt. So 1959 als Hamlet des Wirtschaftswunders in Helmut Käutners „Der Rest ist Schweigen“ oder 1961 als Ost-Berliner Taxifahrer Kalle, dem Kleingauner die ersparte Kneipe im Westen wegschnappen. „Zwei unter Millionen“ hieß dieser auch England interessierende, verspätete deutsche Griff zu Italiens Neorealismo.

Populär in Deutschland aber wurde Hardy Krüger in den sechziger und erneut in den achtziger Jahren durch das Fernsehen. Als „Weltenbummler“ berichtete er aus seiner zweiten Heimat Afrika und entlegenen Gegenden. „Schauspieler ist ein Element in meinem Leben. Es gibt so viele andere“: Neben den Dokumentaristen trat der Autor. Zwölf Romane und biographische Erzählungen hat er seit 1970 veröffentlicht. Wie sein Spiel wirkt auch sein Schreiben getrieben vom Schrei des halbwüchsigen Kriegsgefangenen: „Mein Leben fängt doch gerade erst an.“

Dass Hardy Krüger an diesem Samstag achtzig Jahre wird, ist kaum zu glauben. Wohl aber, dass er wieder filmte, „wenn eine interessante Rolle dabei wäre“. „Sind Sie Deutscher?“ Niemand stellt heute eine solche Frage. Aber wenn man nach Persönlichkeiten fragt, die Deutschlands jüngere Geschichte, ihre Traumata, ihren Fall und Aufstieg verkörpern, steht Hardy Krüger ganz vorn.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Bruder, Cinetext/RR, dpa

 
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