12. Juni 2007 Er wußte sehr wohl, dass seine Worte in manchen Kreisen harsch kritisiert werden würden. Deshalb, behauptet Tony Blair, habe er lange gezögert, bevor er sich entschloß, vor einem geladenen Publikum Bilanz zu ziehen über das Verhältnis von Politik und Medien. Worin liege schließlich der Sinn, so gestand der Premierminister mit jener sich selbst herabwürdigenden Art, die Briten gerne pflegen, um die Sympathien ihrer Gesprächspartner zu gewinnen, den Medien ins Auge zu stechen“, auf die man als Politiker doch angewiesen sei. Wenn er in zwei Wochen nicht aus dem Amt schiede, hätte er es gewiss nicht gemacht, meinte er. Lächend fügte er hinzu, seinem Nachfolger würde er unbedingt davon abraten, die Medien, die Blair im Zuge seiner Ausführungen als wildes, alles in Fetzen reißendes Untier“ bezeichnete, darüber zu belehren, was sie falsch machten.
Aber die Überzeugung, dass es angesichts des enormen Wandels in der Medienlandschaft gelte, tiefgreifende Fragen in Angriff zu nehmen über die Herausforderungen, die diese Veränderungen an Politik und Medien stellen, habe ihn bewogen, den Eröffnungsvortrag einer Serie des an die Universität Oxford angeschlossenen Reuters Institut für Journalismus-Studien zum Thema Führungsverhalten im Medienzeitalter“ zu halten. Es seien Fragen von viel größerer Bedeutung als das vorübergehende Verhältnis eines Premierministers zur Journaille. Die Schulschlussstimmung erlaubte ihm allerdings einige Hiebe zu verteilen, etwa gegen den Independent“, den er in Zusammenhang mit der Beobachtung, dass die Grenze zwischen Meinung und Nachricht nicht mehr gewahrt werde, als reines viewspaper“ (Meinungsblatt) statt eines newspaper“ kritisierte. Die Zeitung sei geradezu sinnbildlich für diese Art des modernen Journalismus geworden.
Gedehnte Abschiedstournee
Sein bewusst reflektiver“ Beitrag sei im Zusammenhang einer ganzen Reihe von Reden zu sehen, durch die er im Laufe der letzten Monate versuche, eine breitere Perspektive zu übergreifenden, vom Tagesgeschehen abgehobenen Themen zu gewinnen, sagte Blair eingangs. Der Auftritt in der neuen Zentrale der Nachrichtenagentur Reuters im Finanzviertel der Londoner Docklands fällt somit in den Rahmen der gedehnten Abschiedstournee, die der Premierminister unternimmt, nicht zuletzt, wie seine Kritiker meinen, um sein Vermächtnis zu sichern. Er selber beteuerte allerdings, dass er schon lange aufgegeben habe, die Entschätzung seiner zehn Jahre in Downing Street beeinflussen zu wollen.
Blair hob denn auch hervor, dass er nicht gekommen sei, um über die Medien zu klagen oder Schuld zuzuweisen. Vielmehr wolle er aus der eigenen Erfahrung von dreizehn Jahren an der Spitze der politischen Karriereleiter, zehn davon als Premierminister, schöpfen, um die von ihm als negativ empfundenen Auswirkungen des technologischen Fortschritts auf die Medienlandschaft zu schildern. Der rasende Wettbewerb auf dem zunehmend unübersichtlichen Markt schüre den Trend, auf den Effekt abzuzielen auf Kosten der Genauigkeit. Die allgemeine Berichterstattung werde durch Skandale und Konflikte verdrängt, eine Nachricht ist selten eine Nachricht, wenn sie nicht so viel oder mehr Hitze erzeugt als sie Erhellung bringt“. Alles sei entweder ein Triumph oder eine Katastrophe, jedes Problem gerate zur Krise, ein Rückschlag werde als Politik in Trümmern“, eine Kritik als schonungsloser Angriff“ dargestellt. Die vorherrschenden Grautöne kämen so gut wie gar nicht vor.
Hyperaktive Medien
Als Beispiel für das schnelle Tempo in der Ära der kontinuierlichen Nachrichtendienste verglich er seinen ersten Wahlkampf als Labour-Parteiführer mit seinem letzten. 1997 stand jeden Tag ein Thema auf der Tagesordnung, 2005 musste der Parteiapparat sich für morgens, mittags und abends jeweils einen neuen Punkt ausdenken. In den sechziger Jahren habe das Kabinett mitunter zwei Tage lang getagt, das sei heute undenkbar, ohne dass der Himmel vor dem Mittagessen des ersten Tages einbreche“. Ein wesentlicher Teil der Arbeit von Menschen im öffentlichen Leben bestehe darin, die Hyperaktivität der Medien zu bewältigen, bemängelte Blair. Niemand könne es sich leisten, eine Spekulation auch nur einen Augenblick unwidersprochen zu lassen, mit dem Ergebnis, dass Erklärungen abgegeben werden müssten, bevor die Tatsachen genau ermittelt seien. Dieser Prozess sei in den letzten Jahren viel schlimmer geworden.
Der oftmals bedauerte Zynismus über die politische Führung, der sich breitmache, sei eine Folge der Wechselwirkung von Politik und Medien. Bis auf die vage Vorstellung, dass die Medien die Marktlücke für ernsthafte, ausgewogene Nachrichten erkennen und durch die Trennung von Nachrichten und Meinung ausschöpfen sollten und dass es besser sei, wenn die Branche selber die Debatte über die Regulierung des Dschungels initiiere, als wenn die Anstöße vonseiten der Politik kämen, schien Blair allerdings kein Rezept zu wissen. Vielmehr zeigte er sich auch in den anschließenden Fragen als gewiefter Pragmatiker. Der Frage nach dem dominierenden Einfluss des Medienunternehmers Rupert Murdoch wich Blair mit dem Hinweis aus, dass es nicht im Interesse der Politik sei, sich mit den Medien anzulegen. Murdoch sei nicht übler als andere Zeitungsbesitzer. Angesichts der negativen Berichterstattung, die Labour in den achtziger Jahren in der britischen Presse erfahren habe, sei es vonnöten gewesen, das Blatt zu wenden.
Am Anfang seiner Zeit als Premierminister, gestand Tony Blair, habe New Labour zu viel Energien aufgewandt, um die Medien zu hofieren, zu beschwichtigen und zu überreden. Inzwischen sei er realistischer geworden. Er habe gelernt, dass man es nicht allen recht machen könne. Seitdem sei er auch gelassener über die Bewertung seiner Hinterlassenschaft.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS