Der Sternenjäger

Von Johanna Adorján

Berühmt durch Schnappschüsse: Ron Galella

Berühmt durch Schnappschüsse: Ron Galella

20. Januar 2007 „Bin ich ein Fan?“ Ron Galella steht im cremefarbenen Entree seiner Villa in New Jersey und weiß zum ersten Mal nicht sofort eine Antwort. Am Vortag ist er 76 geworden, immer noch ein stattlicher Mann, groß, breitschultrig, auch wenn ihn die Arthritis leicht in die Knie zwingt. In den Händen hält er ein gerahmtes Schwarzweißfoto. Jackie Kennedy ist darauf zu sehen, in T-Shirt und Jeans. Die Haare wehen ihr ins Gesicht, sie guckt in die Kamera, ein kleines Lächeln umspielt ihren Mund. Es ist sein berühmtestes Bild, kein anderes wurde öfter gedruckt.

„Honey, bin ich ein Fan?“, ruft er in Richtung Küche. „Nein, du bist kein Fan. Du bist Fotograf, du tust deine Arbeit“, tönt es zurück, die feste, klare Stimme seiner Frau. Er scheint einverstanden. „Nein, ich bin kein Fan“, sagt er. „Ich tue nur meine Arbeit.“ Dann bückt er sich umständlich und legt das Bild zu den anderen, die er am Vormittag vom Rahmenmacher geholt hat. Andy Warhol im Studio 54. Liz Taylor auf einer Yacht. Audrey Hepburn am Flughafen von Paris. Und Jackie, immer wieder Jackie. Mit Sonnenbrille auf der Madison Avenue, mit John-John und Caroline im Central Park, mit Aristoteles Onassis bei einem feierlichen Event.

Jackie Kennedy war seine Geldquelle

Immer dicht dran an den Stars: Paparazzo Galella

Immer dicht dran an den Stars: Paparazzo Galella

Es ist die Geschichte einer Liebe. Das erste Mal fotografierte er sie am 19. Mai 1967. Irgendeine Ausstellungseröffnung in New York, eine große Sache, viele Berühmtheiten da, aber die Bilder, auf denen Jackie zu sehen war, verkauften sich am besten. Das zweite Mal fotografierte er sie am 10. Dezember desselben Jahres. Galella muss nicht in einen Kalender gucken, er kennt die Daten auswendig. Er fand sie schön. Sie faszinierte ihn. Man habe nie wissen können, was sie denkt, sagt er. Zwischen 1968 und 1970 fotografierte er sie dann Dutzende Male. Man kann sagen, er teilte sein Leben mit ihr.

20.000 Dollar brachte sie ihm aufs Jahr verteilt ein, das war die Hälfte seines gesamten Einkommens. Sie wohnte gegenüber vom Central Park, 1040 Fifth Avenue, Ecke 85. Straße. Und so wohnte auch Ron Galella mehr oder weniger dort. Er kam meist schon früh am Morgen mit seinem Wagen aus der Bronx, wo er Miete zahlte, um zur Stelle zu sein, falls sie das Haus verließ. Schon morgens trug er einen dunklen Anzug und Krawatte, um für eventuelle Abendveranstaltungen passend gekleidet zu sein. Seine Nikon steckte in einer Tasche, die keine Fototasche war. So bezog er Posten.

Regel Nummer 1 für einen guten Paparazzo: Sei ein Detektiv

„Das Wichtigste ist, die Stars zu finden. Das ist eine physikalische Sache. Du musst das Subjekt sehen, um es fotografieren zu können. Also musst du wissen, wo sie wohnen. Greta Garbo wohnte East 52nd Street, genau neben dem East River, im letzten Haus. Das war bekannt. Wenn du sie kriegen wolltest, musstest du jeden Tag dort sein. Du musstest herumschnüffeln, musstest die Doormen fragen, man darf nicht schüchtern sein. Eines Tages bekam ich einen Tipp. Jemand hatte sie aus dem Rizzoli-Buchladen kommen sehen, Fifth Avenue, 52. Straße. Ich bin, so schnell ich konnte, in ihre Straße. Ich habe mich in einer Telefonzelle versteckt und gewartet. Und tatsächlich, da kam sie und konnte mir nicht entkommen, es war eine Sackgasse, sie hatte keine Chance. Sie hielt sich ein Taschentuch vors Gesicht. Gehen Sie weg, gehen Sie weg, sagte sie. Das war ein guter Tag. Die Garbo war selten.“

Ron Galella sagt, von allen Stars sei ihm Jackie der liebste gewesen. Mit ihr sei es gewesen, als ob man ein Tier in der freien Wildnis fotografiert. Andere Stars lächelten in die Kamera, wenn sie ihn sahen, oder sie machten ein Gesicht, irgendetwas, und danach goodbye. Mit Jackie war es anders. Sie tat nichts. Sie posierte nicht. Sie habe sich benommen, als sei er gar nicht da. Also habe er einfach immer weitergemacht. Ohne schlechtes Gewissen. Es schien ihr ja nichts auszumachen, Galella glaubt sogar, es habe ihr gefallen, dass er ihr folgte. Ein einziges Mal berührten sie sich. Das war ziemlich zu Beginn ihrer gemeinsamen Zeit. Er hatte vor dem Club 21 auf sie gewartet. Als sie herauskam, ging sie direkt auf ihn zu, packte ihn am Handgelenk, drängte ihn gegen ein Auto - sie sei eine große Frau gewesen, sagt er, nicht größer als er, aber groß. Sie jagen mich jetzt seit drei Monaten, habe sie gesagt. Mehr nicht. Als er ihren Tonfall nachahmt, wird seine Stimme ganz weich.

Ron Galella war anders als die anderen Paparazzi. Er war besser. Auf seinen Bildern sahen die Stars gut aus, und viele von ihnen wussten das. Seinen Lieblingsfotografen nannte ihn Warhol in seinem Tagebuch; Liz Taylor verwendete für ihre Autobiographie acht Bilder von ihm. Er war kein Fan, aber er war ein Fotograf, der die Stars liebte. Der Paparazzo geworden war, weil ihn das glamouröse Leben der Filmstars immer schon interessiert hatte. Er habe herausfinden wollen, wie sie sind, sagt er. Wie sie aus der Nähe sind. Und er habe herausgefunden, dass sie nicht so viel anders sind als wir. Jeder könne ein Star sein. Es sei die Zauberkraft der Medien, die Magie der Bilder, der bewegten und der stillen, die einen Menschen in einen Star verwandelten. „Sogar ich könnte ein Star sein“, sagt Galella und klingt enttäuscht. In seinem Wohnzimmer ist er von allen Seiten von Büchern umstellt. In Regalen, auf dem Beistelltisch, überall stapeln sich Bücher. Sie heißen „The Great Moviestars“, „Behind the Oscars“, „Jackie Oh!“, „Movieguide“, „Marlon Brando“, „The Diaries of Andy Warhol“.

Regel Nummer 2: Habe Geduld

„Du liegst auf der Lauer, manchmal Stunden. Im Auto wird es kalt. Vor allem im Winter. Du denkst, warum bleiben sie vier Stunden? Was machen sie so lang? Jackie und Ari waren manchmal vier Stunden im Club 21, vier Stunden! Und du musst solange draußen warten, darfst nicht einschlafen. Man wird ganz schön wütend in vier Stunden. Und wenn sie dann rauskommen, musst du bereit sein. Du musst antizipieren, wohin sie sich drehen. Dann musst du schießen, schießen, schießen.“ Vor zwölf Jahren ist Galella mit seiner Frau raus nach New Jersey gezogen.

Sie brauchten mehr Platz für all die Bilder, die sich über die Jahre angesammelt hatten. Tausende Bilder. Sie lagern jetzt im Keller in weißen Schachteln, auf denen steht „Robert Redford, 1974“, „Muhammad Ali, 1980“, „Ali McGraw, Studio 54, 1978“. Sie haben sich eines dieser Phantasiehäuser gebaut, die Menschen bauen, wenn sie sich einen Traum verwirklichen. Neoklassizistischer Stil, der Briefkasten hat die Form eines Hasen, Hasen zieren die Sofakissen, auf der Treppe sitzt ein Hase aus Ton. Seine Frau liebe Hasen, sagt Galella stolz. Er war 48, als er ihr begegnete, kurze Zeit später war er mit ihr verheiratet. Davor sei er viel allein gewesen. Immer unterwegs, hinter Stars her, er habe kein Mädchen finden können mit diesem verrückten Beruf. Er sei einsam gewesen. Einsam und frei. Er redet von Sehnsucht und Liebe und von Jackie und Liz.

Regel Nummer 3: Kenne dein Handwerk

Galella wurde 1931 in der Bronx geboren, Kind italienischer Einwanderer, sein Vater war Schreiner. Ron wollte Künstler werden, er zeichnete, töpferte, auch Schauspielerei konnte er sich vorstellen, aber es war kein Geld fürs College da. Also trat er der Air Force bei. Dort konnte man sich zum Fotografen der Bodentruppen ausbilden lassen, und weil das einem kreativen Beruf noch am nächsten kam, wurde Galella Air-Force-Fotograf. Er lernte, wie man Fotos entwickelt, Abzüge macht, mit Licht umgeht.

Mit Anfang zwanzig zog er nach Los Angeles und machte eine Ausbildung zum Fotojournalisten. In seiner Freizeit fotografierte er auf Filmpremieren die eintreffenden Stars und Sternchen und verkaufte die Bilder an „National Enquirer“ oder „Fotoplay“. 1958 zog er zurück nach New York und war von nun an Paparazzo. Auf seinen Bildern sind die Menschen in Bewegung. Es sind eher Schnappschüsse als Porträts. Porträts interessierten ihn nicht. Er habe Stars in ihrer natürlichen Umgebung fotografieren wollen. Er sagt „to shoot“: schießen.

Regel Nummer 4: Sei listig

Sein berühmtestes Foto, das Bild der windblown Jackie, schoss Galella aus einem fahrenden Taxi heraus. Sie scheint direkt in die Kamera zu lächeln, aber es sei ein Versehen gewesen, sagt Galella. Die Scheibe war halb geschlossen, vielleicht habe sie etwas gehört, vielleicht die Linse der Kamera gesehen, aber sie habe nicht wissen können, wer sich dahinter verbarg. Ein paar Tage später kriegte er sie im Park. Für zehn Dollar gab ihm der Portier aus ihrem Nachbarhaus einen Tipp. Jackie und John-John seien mit Fahrrädern im Park. „Ich gehe in den Park. Ich verstecke mich hinter einem Busch. Ich will nicht, dass sie mich sehen. Wenn sie mich sehen, wird es schwierig. Ich sehe sie. Ich fokussiere. Ich kriege die Bilder. Zwei tolle Bilder, sie wurden überall gedruckt. Als sie näher kommen, stehe ich auf. Jackie sagt, oh, Sie wieder. Ich schieße mehr Fotos. Dann stoppt mich ein Sicherheitsbeamter. Dann werde ich verhaftet. So kam es zu dieser ganzen Sache vor Gericht. Jackie mochte nicht, dass ihre Kinder fotografiert werden.“

Galella verklagte Jacqueline Kennedy wegen Hinderung an der Ausübung seines Berufs. Sie klagte zurück auf Belästigung und Verletzung der Privatsphäre. Das erste Gerichtsverfahren fand 1972 statt, es dauerte 26 Tage, 20 davon war Jackie anwesend. Der Richter entschied zu ihren Gunsten: Galella durfte sich ihr nicht mehr auf weniger als 25 Fuß nähern. 1982 kam es zu einem zweiten Gerichtsverfahren, weil Galella diese Auflage in vier Fällen gebrochen hatte. Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, willigte Galella ein, Jackie bis an ihr Lebensende nicht mehr zu fotografieren. Er hielt sich daran. Ich habe sie aufgegeben, sagt er.

Regel Nummer 5: Spiele das Spiel

„Ich würde Truman Capote nicht im Krankenhaus fotografieren, aber wenn er davor spazieren geht, dann ja. Ich würde Liz Taylors Yacht nicht betreten, um ein Foto zu machen, aber ich würde sie auf ihrer Yacht fotografieren. Ich würde nicht in ein Haus gehen, um Fotos zu machen, aber wenn es ein Glashaus ist, würde ich Fotos machen. Wenn jemand sagt, keine Fotos!, dann versuche ich, keine mehr zu machen; aber bevor sie das sagen, mache ich so viele, ich kann. Das ist das Spiel.“ 1973 kam Marlon Brando für eine Fernsehshow nach New York. Er lebte zu dieser Zeit zurückgezogen auf Tahiti und ließ sich nur selten in der Öffentlichkeit blicken. Galella fotografierte ihn am Flughafen, vor der Aufzeichnung vor einem Fernsehstudio, und nach der Aufzeichnung stand er wieder da, immer die Nikon im Anschlag. Mister Brando, Mister Brando, können Sie kurz die Sonnenbrille abnehmen - er wollte seine Augen sehen, Fotos, auf denen man die Augen sah, brachten mehr Geld. Brando reagierte nicht.

Galella wollte eben Brandos Agenten bitten, ob der nicht vielleicht - als ihn ein Schlag am Kinn traf. Es tat höllisch weh. Für einen kurzen Moment war alles schwarz. Dann der Geschmack von Blut in seinem Mund. Dann wieder alles schwarz. Brando hatte Galella mit einem Faustschlag den Kiefer gebrochen. Er sollte für den Rest seiner Tage mit Narben auf den Fingerknöcheln leben, die von Galellas Zähnen stammten. Es gibt ein Foto, aufgenommen ein Jahr nach diesem Vorfall, auf dem Galella mit Brando zu sehen ist. Irgendein PR-Event in New York, Galella steht schräg hinter Brando, er trägt einen Football-Helm, er lacht. Spiele das Spiel. Heute warten die Fans vor den großen Hotels auf Paris Hilton, Britney Spears oder Justin Timberlake. Wenn sie herauskommen, machen sie ihre eigenen Fotos, sie müssen dafür nur ihre Mobiltelefone in die Höhe halten. Er beneide die Paparazzi von heute nicht, sagt Galella. Zu viel Konkurrenz, zu viele PR-Leute, keine Freiheiten mehr.

Und dann diese Stars. Lebende Mannequins nennt er sie. Ohne Geheimnis, sie hätten ja noch nicht einmal Unterwäsche an. Er hat sich vor ein paar Jahren aus dem Geschäft zurückgezogen. Letztes Jahr hat er einen Bildband über das Studio 54 veröffentlicht, zurzeit sucht er Fotos von Andy Warhol für ein Buch heraus. Im März wird Ron Galella an den Knien operiert. Er hofft, dass er dann wieder herumspringen kann wie früher. Vor ein paar Tagen haben sie ihn beim Zu-schnell-Fahren erwischt. Er lacht, als er davon erzählt. Ich bin ein schlimmer Junge, sagt er. Er lacht noch mehr.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21. Januar 2007
Bildmaterial: AP, Betty Galella

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