11. September 2008 Fotos und Dokumente, rare Objekte und wundersame Trouvaillen aus dem Fernsehmuseum in Berlin stellen wir in diesen Wochen vor. Dazu natürlich auch die Menschen, zu denen die Gegenstände gehören. Diesmal: Loriot.
Wollten wir den Herrn bei einem vor fünfundzwanzig Jahren gefallenen Wort nehmen, dann müsste der fünfundachtzigste Geburtstag Vicco von Bülows am 12. November im Bayreuther Festspielhaus gefeiert werden. So jedenfalls hieß es am Ende der Sendung zu Loriots Sechzigstem, als zum Zwecke der Planungssicherheit des Publikums ein Ausblick auf die kommenden Jubeltage gegeben wurde: Zum Neunzigsten dürfen sich die Gratulanten demnach im römischen Colosseum einfinden, zum Fünfundneunzigsten auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, zum Hundertsten schließlich in der Großen Halle des Volkes in Peking.
Doch was immer an besagten Terminen dort vor sich gehen wird, der Jubilar dürfte nicht anwesend sein. Aus dem grellen Licht der Öffentlichkeit hat sich Loriot nach und nach zurückgezogen, eine wie auch immer geartete Gala wird auf die Hauptperson verzichten müssen. Jedes seiner raren Interviews in den vergangenen Jahren wurde vom Hinweis begleitet, es werde das letzte sein. Den zu erwartenden Medienrummel, den der fünfundachtzigste Geburtstag eines der bekanntesten und beliebtesten Deutschen auslösen wird, wird Vicco von Bülow aus der Distanz verfolgen. Es wird ihn ehren und freuen, sagt sein enger Freund, der Regisseur Stefan Lukschy, und ihm gleichzeitig lästig sein.
Altern ist schon eine Zumutung
Das Alter, so konstatierte Loriot vor sechs Jahren gegenüber dem Magazin der Süddeutschen Zeitung, sei nicht der erwartete beschauliche Ausklang, sondern geprägt durch eine wachsende Zahl kleiner Übel: Ächzendes Verlassen des Taxis, Zögern bei der letzten Treppenstufe, Unauffindbarkeit des zweiten Mantelärmels, zu Hilfe eilende junge Damen. . . Altern ist schon eine Zumutung. Etwas altersmilder zeigte er sich vier Jahre darauf in der Bild am Sonntag: Aber selbst wenn man feststellt, dass man ein Taxi nur noch mit grotesken Windungen verlassen kann, hat der Verlust dieser ehemals so eleganten Bewegung auch seine komische Seite. Auf die grotesk komischen Seiten des menschlichen Reifeprozesses war Loriot schon früh aufmerksam geworden, schließlich hatte er die Altersrolle seit Jahrzehnten einstudiert.
Es ist anzunehmen, dass auch Vicco von Bülow einmal jung gewesen ist, die Zuschauer indes haben ihn so nie erlebt. Als der zuvor nur als Zeichner bekannte Loriot 1967 mit Cartoon seine erste eigene Fernsehsendung bekam, war er bereits dreiundvierzig - und er sah, ganz anders als die heute Vierzigjährigen mit ihren Sneakers und Sweatshirts, auch mindestens so alt aus: ein würdevoller, gepflegter Herr im vornehmen Anzug und mit silbergrauem Haar. Die betont seriöse Erscheinung als Kontrast zur oft absurden Komik ist ein wesentliches Element im Loriotschen Wirken. Kaum wichtiger für die Fallhöhe, welche der Humor zur Entfaltung benötigt, ist das Alter seiner Figuren. Wenn der erfahrene Mensch danebenhaut, ist das komischer, als wenn es einem jungen Menschen unterläuft, weiß Loriot. In der Tat wäre etwa die berühmte Nudelszene nur halb so vergnüglich, versuchte hier ein Zwanzigjähriger seiner neuen Flamme in der Pizzeria zu imponieren statt des reifen leitenden Angestellten im gediegenen Restaurant.
Liebevolle Zuneigung fürs Alter
Schon weil Loriot sich selbst gern Hauptrollen schrieb, waren junge Menschen in seinen Werken meist nur Randfiguren. Sich selbst auf jugendlich zu schminken verbot sich für ihn, der glaubwürdige Charaktere und keine Witzfiguren zeigen wollte, von selbst. Schon immer aber, erzählt sein langjähriger Mitstreiter Stefan Lukschy, habe es Loriot in seinen Sketchen großen Spaß bereitet, sich älter zu machen. Fortgeschrittene Semester waren daher die meisten Männer, denen er Witz und Gesicht lieh, vom tapsigen Sekretärinnenverführer Herrn Melzer bis zu Herrn Moosbach, dem ältlichen Skatspieler mit kindlichem Gemüt. Für diese Figur kämmte Loriot sein ohnehin nicht allzu üppiges Haar nass nach hinten und wirkte so fast kahl.
Ein frühes Zeugnis dieser liebevollen Zuneigung fürs Alter (Lukschy) ist eine Aufnahme, die zum Abschluss der zweiten und letzten Cartoon-Staffel 1972 entstand und einen tattrigen Moderator auf einem verwitterten Gründerzeitsofa zeigt: Ein parodistischer Ausblick auf, wie es hieß, die Weihnachtssendung im Jahr 2011 und zugleich ein Schreckensbild für jemanden wie Loriot, der den künstlerischen Stillstand stets zu vermeiden suchte und sich, sobald er ahnte, eine Sache nicht mehr besser machen zu können, einer neuen zuwandte. Von ferne grüßt auf jenem Foto schon Wilhelm Lametta Hoppenstedt, der strubbelbärtige Marschliebhaber und wohl prominenteste unter Loriots komischen Alten.
Verkniffener Humorbeamter
Durch seine regelmäßigen ARD-Geburtstagssendungen sah sich Loriot quasi im öffentlich-rechtlichen Auftrag dazu angehalten, sich noch intensiver als ohnehin schon mit dem (eigenen) Altern auseinanderzusetzen. Selbstverständlich geschah dies mit der angemessenen Selbstironie. In der Show zu seinem Sechzigsten trat er in der Maskerade eines maulfaulen, verkniffenen Humorbeamten mit strenger Brille und Schnäuzer auf, den die zusehends enervierte Interviewerin Evelyn Hamann als alten Zausel bezeichnet. Zehn Jahre später spielt Loriot sich selbst, der in einem Hotelzimmer die Geburtstagsshow für den - so die Ansagerin - betagten Humoristen verfolgt. Von einem taktlosen Zimmerkellner (ebenfalls Loriot) muss er sich anhören, dass es mit Siebzig bei den meisten Menschen rapide bergab gehe: Wollen der Herr zum Essen das Gebiss reinnehmen? Ach, haben Sie ja schon. Auf die Frage, ob er sich an die Namen seiner Enkel erinnere, echauffiert sich der Jubilar: Na hören Sie mal! Die Große heißt Charlotte und der Kleine, der. . . der Kleine ist acht und die Große ist elf. Damit schlägt sich Loriot immer noch besser als Opa Hoppenstedt, der nicht einmal zu sagen weiß, ob Enkelkind Dicki im Besitz eines Zipfelchens sei.
In den beiden Kinokomödien, die Loriot in seiner mit fünfundsechzig Jahren gestarteten und mit achtundsechzig schon wieder beendeten Karriere als Filmregisseur schuf, ist das Alter wiederum zentrales Thema. Die Suche nach einem Platz in der Gesellschaft, welche die Jugend umtreibt, haben hier auch die längst Erwachsenen noch nicht beendet. In Ödipussi (1988) gelingt es dem sechsundfünfzig Jahre alten Paul Winkelmann nicht, sich der Fürsorge seiner bald achtzigjährigen Mutter zu entziehen, in Pappa ante Portas (1991) verzweifelt Heinrich Lohse am Vorruhestand. Doch mittlerweile waren die Charaktere, die Loriot spielte, jünger als er; zwischen ihm und Katharina Brauren, die in Ödipussi seine Mutter darstellte, lagen tatsächlich nur gut dreizehn Jahre.
Als Opa Hoppenstedt, sagt Stefan Lukschy, präsentierte sich Loriot so alt, wie er bis heute nicht aussieht. Und selbst im Alter kokettiere er noch mit dem Alter. Schon sein Vater, so erzählte Vicco von Bülow einmal, habe mit Wonne alte Männer parodiert: Als er selber alt wurde, machte er das immer noch und spielte mit siebzig einen Neunzigjährigen. Diese Vorliebe hat der Sohn übernommen, wie Stefan Lukschy zu berichten weiß: Wenn Loriot zu Fuß unterwegs sei, parodiere er gern mal seine Generationsgenossen und spiele einen alten Mann, der mit dem Krückstock droht.
Vom 6. November an zeigt die Deutsche Kinemathek/Museum für Film und Fernsehen die Ausstellung Loriot. Die Hommage, die das Lebenswerk Vicco von Bülows würdigen und zugleich eine Reise durch die kulturelle und politische Geschichte der Bundesrepublik sein möchte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/Jahnke, Cinetext/Marco
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