FAZ.NET-Fernsehkritik

Ich bin ein Experte, hol mich hier raus!

Von Matthias Hannemann

Wer weiß schon, wer viel weiß

Wer weiß schon, wer viel weiß

21. Januar 2008 Der Populismus grassiert, und man muss nicht erst einen Streifzug ins Internet unternehmen, um mit Andrew Keen, dem Autor von „The Cult of the Amateur“, festzustellen, wie sehr heute allenorts mit skrupellosen Heilsversprechen an unserer Kultur gerüttelt und der Wille einer noch so undurchsichtigen Masse zum Maß aller Dinge erklärt wird. Ein Abend vom Fernseher reicht vollkommen aus.

Gestern abend wollte Günther Jauch eine Lanze für die kollektive Weisheit brechen. Das wäre womöglich interessant geworden, hätte er als Journalist das Für und Wider von „Wikipedia“ diskutiert.

Offensichtlich aber war es diesmal der Quotenjäger und nicht der Magazin-Moderator, dem zu dämmern begann, dass das allabendlich bei „Wer wird Millionär“ abgefragte Party-Wissen mit wahrer Bildung im Sinne Humboldts ebensowenig zu tun hat wie „IQ-Tests“ oder der verzweifelte Versuch, mit backsteingroßen Taschenbüchern einen elitären Bildungskanon als „Bildung“ anzupreisen. Da sollte man, wird er sich gedacht haben, lieber rechtzeitig die Flucht nach vorn antreten, mit wehenden Fahnen die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts einläuten, wie sie James Surowiecki in seinem Buch „The Wisdom of Crowds“ zu prophezeien versuchte, und nebenher, Hand in Hand mit einem Telefon-Unternehmen, fünfzig Cent pro Anruf aus dem Festnetz kassieren.

Duell zwischen Fernsehpublikum und Historiker

So betrachtet, war die Sendung „Die Weisheit der Vielen“, das Duell vor allem zwischen dem „interaktiv“ eingebundenen Fernsehpublikum und dem in Wuppertal mittelalterliche Geschichte lehrenden Historiker Eckhard Freise (im Dezember 2000 Jauchs erster Millionengewinner), von vorneherein darauf angelegt, den Sachverstand der Masse zu lobpreisen, jegliches Expertentum hingegen zu diskreditieren.

Oder das, was man dafür ausgibt. Die Frage „Das Andenhorn ist eine ...“ jedenfalls fällt nicht unbedingt in das Fachgebiet eines Mannes, dessen Vorlesung sich im Wintersemester mit „Aufstieg, Glanz und Elend des mittelalterlichen Rittertums“ beschäftigte. Auch nicht die Vornamen zweier Teenie-Musiker oder die Quadratmeterzahlen europäischer Kleinstaaten.

Im Duell mit Eckhard Freise schien daher die Stunde des Volkes zu schlagen, ob es nun schenkelklopfend, Kekse futternd oder mit dem Internet-Rechner im Anschlag zwischen Telefon und Mattscheibe saß oder nicht. Denn zwar gelang es Freise mit einem sozusagen systemkritischen Ansatz, drei von vier Antworten als falsche Fährten zu entlarven und das Andenhorn als eine alte Tomatensorte zu erkennen. Auch tippte der Professor den Vornamen der „Tokio Hotel“-Sänger richtig. Aber das wusste die Masse natürlich auch, die emsig auf die Telefontastaturen einschlug. Und dass Malta der kleinste EU-Staat ist, dummerweise noch dazu. Drei zu zwei für den Pöbel. Quod erat demonstrandum.

Verwilderte Hausziegengattung

Wie gut nur für Jauchs These, dass bei der Tomatenfrage die dreißig Prozent der Anrufer als Punkt gewertet wurden, die richtig geraten hatten. Und nicht die übrigen zwei Drittel, die sich anderweitig sicher wähnten, irgendwo zwischen einer interessanten Panflötenart, einer chilenischen Halbinsel und der verwilderten Hausziegengattung.

Auch die anderen „Experten“ des Abends warteten vergeblich darauf, sich anders als bei einem trivialen Klamauk beweisen zu dürfen. Die vielen Weisen vor den Geräten aber feixten: Der Fernsehkoch Horst Lichter schaffte es also nicht, per Augenmaß das Gewicht einer Kuh kilogenau zu schätzen! So, so. Und die Wetterexperten von RTL und ARD? Vermochten es trotz aller Computer nicht besser als das Publikum, die Temperatur hoch oben am Kölner Dom zu bestimmen - zehn Tage im voraus! Es war das reinste Rätselraten. Für alle. Absurd.

Über den Blasensprung promoviert

Immerhin wusste die Medizinerin Ursula von der Leyen, die einst über den Blasensprung promoviert wurde, etwas exakter als das Publikum, wie viele Kinder in Hamburg seit Mitternacht geboren worden waren. Aber die ist ja auch Familienministerin. Und als solche Teil einer Regierung, die schon einmal von einer Mehrheit gewählt worden sein soll.

Jauchs Schlussfolgerung, als es dank derartiger „Wetten dass ...“-Elemente nun plötzlich doch „sechs zu sechs“ zwischen „qualifizierten Experten“ und der wahlberechtigten Fernsehsessel-Masse stand: „Die Weisheit der Vielen. Da ist schon etwas dran.“

Er hätte in den Dschungel gar nicht umschalten müssen. Er stand schon mitten drin.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: obs

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