Fernsehen

Evelyn Hamann ist tot

Von Jörg Thomann

29. Oktober 2007 Zu den vielen Talenten, die Deutschlands größter lebender Humorist Loriot in sich vereinigt, zählt die Gabe, die Größe anderer zu erkennen und anzuerkennen. Viele Komiker bauen ihre Karriere darauf auf, sich selbst den größtmöglichen Raum zuzuteilen und anderen kaum Platz zum Atmen zu lassen; all ihre Mitarbeiter degradieren sie zu Statisten, die die Pointen des egozentrischen Spaßmachers wehrlos über sich ergehen lassen müssen.

Evelyn Hamann, die in der Nacht zum Montag im Alter von 65 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit gestorben ist, war als Sketchpartnerin von Loriot alles andere als eine Nebendarstellerin oder gar eine Statistin. Natürlich war Loriot nicht nur Autor und Regisseur, sondern auch Hauptdarsteller seiner dramatischen Werke. Evelyn Hamann aber war seine Hauptdarstellerin - und sie war als solche dem Großmeister ebenbürtig. Wenn sie gemeinsam auftraten, dann teilten sie sich die Pointen, dann lieferten sie sich einen komischen Schlagabtausch, aus dem stets beide als Punktsieger hervorgingen. Für das Vertrauen, das Loriot in sie setzte, bedankte sich Evelyn Hamann, indem sie seine Sketche mit dem ihr eigenen Spiel von höchster Disziplin und Präzision ebenso prägte wie er selbst. So wurde sie zu einer der bekanntesten und beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands.

Nicht blond, nicht pummelig

Dabei hatte sich Loriot für die Hauptrollen seiner Filme einen ganz anderen Typ vorgestellt, nämlich eine „blonde, pummelige Hausfrau“. Der „lieben Frau Hamann“ bot er 1976 an, auf Kosten von Radio Bremen „mehrere Wochen täglich Schweinshaxen“ verzehren zu dürfen, wenn sie im Gegenzug fülliger werde. Wie gut, dass sich Loriot von seinem Wunschbild trennte und Evelyn Hamann ohne die Haxenauflage verpflichtete.

Er gewann eine Schauspielerin, die auch als schlanke Brünette eine großartige Hausfrau spielen konnte; zugleich aber auch eine strenge Psychologin, eine verhuschte Sekretärin, eine energische Ehefrau, eine pfiffige Sportlerin, eine mondäne Gesellschaftsdame. Liebevoll überzeichnete Charaktere allesamt, doch von Hamann stets so glaubwürdig verkörpert, dass der Zuschauer Menschen aus dem wahren Leben wiedererkannte und manchmal auch sich selbst.

Die Evelyn-Hamann-Sketche funktionierten auch deshalb so gut, weil es der Hamburgerin wie dem Preußen Loriot gelang, ihren Figuren noch im allergrößten Chaos die Würde zu bewahren. Und während viele Schießbudenfiguren heutiger Fernseh-Comedy keinerlei Fallhöhe aufweisen, weil ihnen völlig egal ist, welches Thema sie für ihren immergleichen Klamauk nutzen, baute Hamann mit höchster Kunstfertigkeit an den Fassaden ihrer Rollen, die sie aufs Vergnüglichste zum Einsturz brachte. Heute populäre Komikerinnen vom Schlage einer Gaby Köster oder Mirja Boes hätten aus dem Vortrag der Fernsehansagerin, die trotz aufopfernden Einsatzes an Namen wie „Lady Hesketh-Fortescue“ und „Gwyneth Molesworth“ scheitert, einen schrillen Klamauk gemacht. Bei Evelyn Hamann wurde die Nummer zur urkomischen Tragödie einer Frau, der ihre Haltung über alles geht.

Mitleiden, mitlachen

Es gab noch andere Sketche, die von Hamann ganz allein getragen wurden: Der Auftritt als Politesse, die über den Erklärungsversuchen, warum sie selbst eine Münze in die Parkuhr einwarf, völlig aus der Fassung geriet, zählt dazu wie die zahlreichen Nummern mit der an ihrer ganz privaten kleinbürgerlichen Emanzipation arbeitenden Mutter Hoppenstedt. Und selbst ihre weitgehend sprachlose Rolle als Hildegard, der ihr Verehrer Loriot am Restauranttisch sein Herz öffnet, wobei sie nur auf die durch sein Gesicht wandernde Nudel starren kann, ist von echter Dramatik. Das mit minimalistischer Mimik gespielte stumme Entsetzen der Hamann lässt den Zuschauer mitleiden und, was in diesem Fall kein Widerspruch ist, lauthals lachen.

So war es nicht verwunderlich, dass Evelyn Hamann nach dem Ende der engen Zusammenarbeit mit Loriot ihre eigenen Fernsehserien und Filme tragen konnte. Ihre „Geschichten aus dem Leben“ waren so große Publikumserfolge wie die skurrile Krimiserie „Adelheid und ihre Mörder“, in welcher die so eigenwillige wie kluge Polizeisekretärin Adelheid an Stelle ihrer tumben Vorgesetzten Verbrecher überführte, ohne sich dabei - hierin ihrer Darstellerin gleich - in den Vordergrund zu drängen. Beruflich wie privat gehörte Evelyn Hamann zu den Stillen im Lande, sie lebte zurückgezogen in ihrer Geburtsstadt Hamburg.

Um so größer ist der Schock, den die unerwartete Nachricht ihres Todes hinterlässt. Am heutigen Abend war die Ausstrahlung eines Fernsehinterviews geplant, das Loriot bei „Beckmann“ gab. Zum Zeitpunkt der Aufzeichnung ahnte Loriot noch nichts und konnte die Gelegenheit nicht nutzen, der Frau, die man auf ewig mit ihm verbinden wird, noch einmal seine Ehrerbietung zu erweisen. Selbstverständlich hatte er es schon früher getan und dafür nur ein einziges Wort benötigte: Evelyn Hamann, sagte er, sei sein „Glücksfall“ gewesen. Sie war es auch für uns.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/Groeneveld, Cinetext/Jahnke, Cinetext/Kaatsch, Cinetext/NDR, Cinetext/RM, ddp, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa

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