Digitale Bibliotheken

Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus

Von Oliver Jungen

Nie mehr in Büchern blättern: Google will Schrifstücke digitalisieren

Nie mehr in Büchern blättern: Google will Schrifstücke digitalisieren

04. Februar 2009 Es ist nicht so, als hätte man uns je betrogen. Das besorgen wir schon selbst. Weiß doch bereits Faust: „Nein, nein! der Teufel ist ein Egoist / Und tut nicht leicht um Gottes willen, / Was einem andern nützlich ist.“ Und dennoch geht er „Schlag auf Schlag!“ den Pakt ein, wohl auch, weil dieser ebenbürtige Geist etwas noch viel Ärgeres ist: ein Monopolist. Das wilde Wissen gibt es nur bei ihm. Dazu noch ist er teuflisch charmant. Man kennt den Schluss, der keiner ist.

Und dann klopft es eines Tages erneut an die Tür. Das Pudeltier tappst wieder herein, virtuell in diesem Fall. „Hinter den Ofen gebannt, / Schwillt es wie ein Elefant“. Etwas sympathisch Ungestümes hat es an sich, dieses so junge Unternehmen. Drei Monate nach der bahnbrechenden Einigung mit amerikanischen Autoren- und Verlegerverbänden am 28. Oktober 2008 juchzt Google auf seiner Website noch immer. Aus den Klägern macht man „voller Freude“ (und das klingt ehrlich) „Branchenpartner“. Eng wollen die Suchmaschinisten mit ihnen zusammenarbeiten, „um noch mehr Bücher dieser Welt online verfügbar zu machen“. Das utopisch Vermessene steckt in der Wendung „dieser Welt“, welche Google erneut zu erobern ausgezogen ist - und wie wohl niemand zuvor in der Geschichte über alle Kulturen, Sprachen und Religionen hinweg tatsächlich in den Griff zu bekommen scheint.

Rührend: Die VG Wort reitet in die Arena ein

In den Vereinigten Staaten hat das Informationsimperium trotz bisheriger Rechtsunsicherheit schon sieben Millionen Bücher digitalisiert. Davon sind sechs Millionen Bücher urheberrechtlich geschützt und nur auszugsweise online einsehbar, von diesen jedoch befinden sich fünf Millionen nicht mehr im Druck. Die erzielte Einigung (www.googlebooksettlement.com/agreement.html) bezieht sich vor allem auf diese letzte Gruppe, die nun - gegen Gebühr - besser zugänglich werden soll. Drei preislich gestaffelte Lizenztypen sind geplant: eine Privatanwenderlizenz, eine Institutionslizenz sowie eine „Public-access“-Lizenz für Bibliotheken, in denen die Werke dem Publikum zugänglich gemacht werden (zunächst, so die Vereinbarung, auf einem einzigen Terminal pro Bibliothek und mit Extragebühren bei Ausdruck): Ein Drittel der Gebühren fällt an Google, zwei Drittel über die neu zu schaffende „Book Rights Registry“ an die Rechteinhaber. Ein Buchautor soll sechzig Dollar erhalten. Am 5. Mai wird ein New Yorker Gericht über den Schlichtungsantrag entscheiden.

Die deutschen Verbände, angeführt von der Verwertungsgesellschaft Wort, wehren sich lautstark gegen diese Vereinbarung (Buchsuche im Netz). Einige vom deutschen Urheberrecht geschützte Bücher wurden nämlich einfach mitdigitalisiert. Anstößig scheint der hiesigen Branche vor allem, dass amerikanisches Recht für deutsche Bucherzeugnisse gelten soll: So können Rechteinhaber beispielsweise nur nachträglich verfügen, dass ihre Werke nicht aufgenommen werden. Auch die neue Registratur behagt Christian Sprang, dem Justitiar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, nicht. Worauf man stattdessen hinauswill - ob ein Verbot der Nutzung durch Google oder nur deutlich bessere Bedingungen als die amerikanischen Kollegen -, bleibt unklar. Dass man die rüstige Verwertungsgesellschaft, die sonst mit drei Sorten Zetteln umgeht, vorschickt, um nach entsprechender Änderung ihres Auftrags in Amerika eine Klage durchzufechten, scheint indes so rührend wie sinnlos. Die gesamte Musikindustrie hatte keine Chance gegen die Softmoderne - und nun reitet die VG Wort in die Arena ein? Stattdessen sollte man sich lieber schnell Gedanken darüber machen, wie man mit der ohnehin nicht aufzuhaltenden Digitalisierung in Deutschland umgeht.

Öffentliches Wohl contra Copyright

Wenig war bislang von den traditionell für die Verwaltung des buchgespeicherten Wissens zuständigen Instanzen zu hören. Nun aber hat mit Robert Darnton der Leiter der Universitätsbibliothek von Harvard in die Debatte eingegriffen: In der kommenden Ausgabe der „New York Review of Books“ befasst er sich ausgiebig mit Chancen und Risiken des jüngsten Google-Coups. Darnton vertritt eine Open-access-Philosophie, beruft sich gar auf die amerikanische Verfassung, welche im Geiste der Aufklärung das öffentliche Wohl dem privaten Profit - und selbst dem Copyright - überordne. Die Digitalisierung habe uns näher denn je an die Utopie der Gelehrtenrepublik herangeführt: „Die Demokratisierung des Wissens scheint jetzt greifbar.“

Doch zugleich schlägt Darnton Alarm, da man die Kontrolle über den Informationszugang einem einzelnen Privatunternehmen überlasse. Man habe die Chance vertan, eine staatliche Digitalbibliothek zu schaffen: „Jetzt ist es zu spät.“ Auch privatwirtschaftlich habe Google keine ernstzunehmenden Konkurrenten mehr. Daraus leitet der Autor eine sehr konkrete Befürchtung ab: Das Unternehmen könnte - durchaus im Einverständnis mit den Rechteinhabern - die Preise für die Lizenzen schnell und drastisch anheben. Bibliotheken seien wie schon im Fall der ungeheuer verteuerten Fachzeitschriftenabonnements dennoch dazu gezwungen zu zahlen: Geschädigt wäre demnach gar nicht die Autorenschaft, sondern die öffentliche Hand.

„Als das Fax kam, dachte man ja auch, niemand schreibt mehr Briefe“

Wir befänden uns, so schließt der Kulturhistoriker, an einem Kipppunkt der Informationsgesellschaft: „Wenn wir in diesem Moment die Balance nicht richtig hinbekommen, werden für die voraussehbare Zukunft private Interessen das öffentliche Wohl überwiegen.“ Wie stehen die führenden deutschen Bibliotheken in diesem magischen Moment zum Digitalisierungsangriff durch Google? Handeln sie, solange es noch möglich ist, gute Bedingungen aus? Arbeiten sie an einem Gegenmodell? Kämpfen sie vielleicht gezielt gegen Google?

Nichts davon. Es herrscht vielmehr eine Gemütlichkeit vor, wie sie sich aus den Zeiten des Positivismus wohl einzig in deutschen Archiven erhalten hat. Milan Bulaty, der Direktor der Bibliothek der Berliner Humboldt-Universität, hält die ganze Digitalisierungseuphorie für übertrieben: „Als das Fax kam, dachte man ja auch, niemand schreibt mehr Briefe.“ Technisch sei ja ganz faszinierend, was Google da treibe, aber Bibliotheken werde es weiter geben, stellt er klar, obwohl das gar nicht die Frage war. Eine wirkliche Meinung zu den Google-Plänen hat er nicht: „Wir Bibliothekare sind konservativ, von Berufs wegen.“ Das soll wohl heißen, man macht weiter, wie man es immer gemacht hat, und guckt in zehn Jahren noch einmal aus dem Keller heraus.

Digitalisierung ja, Monopolisierung nein

Auch die Deutsche Nationalbibliothek sammelt nach wie vor nur zwei gedruckte Exemplare jedes in Deutschland erscheinenden Buches. Eine zusätzliche digitale Fassung - obwohl für Verlage kein Problem - habe man bei der letzten Gesetzesänderung 2006 wohl einmal in Erwägung gezogen, aber dann doch für unnötig erachtet, sagt Ute Schwens, nicht nur die Direktorin der in Frankfurt am Main beheimateten Abteilung (früher „Deutsche Bibliothek“), sondern auch zuständig für die „Digitalen Dienste“. Zu Googles „Book Search“ hat sie ein ambivalentes Verhältnis: Materialien würden so nun endlich zugänglich, die sonst in der Versenkung verschwänden, andererseits trete hier ein Monopolist auf. Wirklich gefährlich werde der den Altbestandsbibliotheken aber nicht, auch wegen der Informationsüberfülle: Wer ein Zitat suche, finde es tausendfach. Im kalifornischen Mountain View, dem Sitz von Google Inc., würde man das wohl als adäquate Beschreibung der großen „Book-Search“-Vision durchgehen lassen.

Vor Jahren, so Schwens, habe man mit Google einmal zu tun gehabt, seither sei das Unternehmen aber nicht mehr vorstellig geworden. Würde die Deutsche Nationalbibliothek denn von sich aus an Google herantreten? „Wir warten noch die paar Monate ab, ob die Einigung bestätigt wird.“ Und dann? „Dann sehen wir mal.“ So hat man schnell das Nachsehen.

Nur Bayern lässt Google bisher ran

Lieber selbst digitalisieren, heißt die Devise in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Verlässlich und langfristig müsse das Ergebnis schließlich sein, sagt Direktor Helwig Schmidt-Glintzer. Bisher habe man zwar erst einen einstelligen Prozentsatz der edlen Frühneuzeitbestände eingescannt, aber in zehn Jahren sollen sie weitgehend erfasst sein. Google werde sicher darauf zugreifen, aber die Daten verwalte man selbst. Das größte Problem sieht der Sinologe in Googles Marktmacht: Wenn sich schon eine öffentliche Institution darauf einlasse, dann dürfe man doch wenigstens eine gewisse Transparenz erwarten.

Das spielt an auf die vor zwei Jahren mit Google geschlossenen Verträge der Bayerischen Staatsbibliothek. Etwa eine Million urheberrechtsfreie Werke werden hier in einem Zeitraum von fünf Jahren eingescannt: die große Ausnahme in der deutschen Bibliothekslandschaft. Die Vertragsdetails aber werden geheim gehalten. Klaus Ceynowa, der Stellvertreter des Generaldirektors und mit der Google-Kooperation befasst, betont denn auch erneut die „confidentiality“ des Abkommens. Versichern könne er lediglich, dass die Bücher den Freistaat nicht verließen. Selbstscannen sei natürlich besser. Es handele sich aber um „das einzig gegenwärtig finanzierbare Modell“ einer umfassenden Digitalisierung, die pro Band etwa vierzig Euro verschlinge.

Ob es im Freistatt wirklich aufhört?

Das klingt nun endlich einmal pragmatisch. Die „confidentiality“ hat der Sache in der Branche aber sicher nicht genutzt. Schon Mephisto wollte das Kleingedruckte flugs übergehen, aber Faust, ganz Deutscher, hat wenig Vertrauen ins Vertrauen: „Sprich die Bedingung deutlich aus; / Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus.“ Die sieht auch Ceynowa durchaus: Mit Blick auf urheberrechtlich geschütztes Material stimmt er Darnton weitgehend zu.

Sie könne schon verstehen, was die Münchener so fasziniert habe am Google-Pakt, sagt Barbara Schneider-Kempf, die Direktorin der Staatsbibliothek zu Berlin: „Seit Jahr und Tag wird ja über digitale Bibliotheken geredet, aber es ist nichts passiert.“ Zwar fördere die Deutsche Forschungsgemeinschaft entsprechende Projekte, aber eben nur im kleinsten Rahmen. Ein wenig bedenklich findet sie das Google-Monopol schon, kann sich aber - gegen Darnton - „nur schwer vorstellen, dass Google alles bestimmen soll“. Dann sagt sie einen erstaunlichen Satz: „Ich halte das Thema für abgeschlossen.“ Google habe sich mit der Bayerischen Staatsbibliothek einen großen Teil der deutschen Altbestände gesichert, an weiteren Bibliotheken gebe es sicher kein Interesse mehr. Scheint es denn nur so, dass das Projekt Weltbibliothek in Amerika gerade erst startet? Haben wir nur eine Million Bücher zu bieten? Aber das ist nun mal der Lauf: In Deutschland fängt man niemals an. In Deutschland hört man auf.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z./Dieter Rüchel

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