Presse

Die „Frankfurter Rundschau“ macht sich kleiner

Von Peter Lückemeier

Nicht angespannt, sondern entspannt: FR-Chefredakteur Uwe Vorkötter

Nicht angespannt, sondern entspannt: FR-Chefredakteur Uwe Vorkötter

26. Mai 2007 Vom Kölner Verleger Afred Neven DuMont wird erzählt, dass er Prioritäten zu setzen weiß: „Ich bin jetzt achtzig, ich beschäftige mich nicht mehr mit langweiligen Dingen.“ Konsequenterweise hat er im Juli des vergangenen Jahres 51 Prozent an der „Frankfurter Rundschau“ erworben, und was ihn danach erwartete, war gewiss nicht langweilig.

Besonders spannend wird es am nächsten Mittwoch: Das traditionelle linksliberale Blatt stellt sein Format um, die „Rundschau“ steht dann – zumindest äußerlich – auf einem ganz anderen Blatt: kleiner (29 Zentimeter breit, 40 hoch) und linksbündig gefaltet, nicht geheftet, nach Art der „Bild am Sonntag“. Nur das lokale Produkt in der Mitte der Zeitung wird mit zwei Klammern zusammengehalten.

Team von 160 Redakteuren

Nummer kleiner: die Lokalausgabe

Nummer kleiner: die Lokalausgabe

In der Branche halten viele diese Formatumstellung für „den letzten Schuss“, die letzte Chance eines Blattes, dessen materieller Niedergang in den letzten Jahren von den Kollegen ohne Häme verfolgt wurde. Krisengeschüttelt war in den Jahren der Anzeigenflaute nahezu jede deutsche Zeitung, aber bei der „Rundschau“ traf die allgemeine Tendenz auch noch auf langjährige verlegerische Fehler und Versäumnisse.

Doch von Klagen über Vergangenes und auch über die zahlreichen Strategiedebatten der letzten Monate will Chefredakteur Uwe Vorkötter nichts mehr wissen. Er spricht lieber von der großen Chance, die jetzt vor seiner Zeitung liege, er sagt in Deutschlands wahrscheinlich bescheidenstem Chefredakteursbüro, er sei nicht angespannt, sondern gespannt: „Die Phase der Diskussionen ist abgeschlossen, jetzt will die Mannschaft, dass es losgeht.“

Zwei Probeläufe hat das Team der rund 160 Redakteure hinter sich, produziert wurde das Blatt zur Übung an den beiden Tagen vor den zeitungsfreien Feiertagen. Beim ersten Mal klappte es nicht so gut, beim zweiten wie am Schnürchen. Um 17.45 Uhr müssen die Seiten für die Deutschland-Ausgabe freigegeben werden, um 18 Uhr ist Andruck, die Stadtausgabe hat bis Mitternacht Zeit.

150.000 durschnittlich verkaufte Exemplare

Um diese Ausgaben in Frankfurt und der Region hat man sich besonders viele Gedanken gemacht. Aus gutem Grund: Die „Frankfurter Rundschau“ ist trotz ihres überregionalen Auftritts vor allem eine Regionalzeitung. Ursprünglich geplant waren eine Frankfurter Lokalausgabe und zwei weitere Lokalteile in der Region, eine im Norden, die andere im Süden des Rhein-Main-Gebiets. Doch dann besann man sich nach langen Überlegungen neu: Jetzt beschäftigen sich drei Lokalausgaben je mit Darmstadt, Stadt und Landkreis Offenbach, eine weitere mit Wiesbaden, Main-Taunus und einem Teil des Hochtaunuskreises, und eine dritte mit dem anderen Teil des Hochtaunus, mit der Wetterau und dem Main-Kinzig-Kreis. Vorkötter ist den Gesellschaftern dankbar dafür, dass sie den Schwenk mitvollzogen, denn jede weitere Ausgabe kostet Neven DuMont und den anderen Gesellschafter, die SPD-Medienholding DDVG, viel Geld.

Geld verdienen Zeitungshäuser mit dem Verkauf ihres Produkts und mit Anzeigen. Eine ganzseitige Anzeige fällt beim künftigen kleineren Format natürlich auch kleiner aus – was darf sie dann kosten? Diese Frage wurde im Verlag im Sachsenhäuser Colosseo mit einer Spezialagentur bearbeitet. Ergebnis: Die ganzseitige Anzeige kostet künftig weniger als im alten Format, aber mehr als die Hälfte des früheren Preises.

Ursprünglich war einkalkuliert worden, dass die neue Zeitung einen Teil der Stammleser verprellen könnte und dass deshalb die Auflage von derzeit gut 150.000 durschnittlich verkauften Exemplaren weiter abstürzen könnte. Inzwischen sind Redaktion und Verlag deutlich optimistischer: Sowohl die Leserumfragen im Vorfeld als auch die Mails und Anrufe in jüngster Zeit ließen viel Verständnis für die Umstellung erkennen, meint der Chefredakteur. So schreibt ein Leser, der sich zunächst „vehement für das bisherige Format“ eingesetzt hat, er habe seinen Widerstand aufgegeben: „Das alte riesige Format wird mir von Tag zu Tag lästiger, während ich die neue Zeitung kaum noch erwarten kann.“

Hoffnung auf mehr Abonnenten

Solcher Gesinnungswandel mag auch daran liegen, dass die „Rundschau“ ihre Leser seit vier Wochen täglich auf einer ganzen Seite in allen Einzelheiten auf das neue Produkt einstimmt. Die Hotline, auf der Anrufer Kritik am kleineren Format üben oder dazu Fragen stellen konnten, war anfangs mit drei Leuten besetzt, heute reicht der Andrang für einen Mitarbeiter, die Wogen haben sich also zunächst geglättet.

Vom neuen Format und der neuen Struktur erhofft Vorkötter sich unter anderem mehr Flexibilität beim Blattmachen. Aus aktuellem Anlass könnten vom 30. Mai an längere Politikstrecken als bisher erscheinen, auch dem Feuilleton biete sich mehr Platz. Montags wird der Sport inklusive der sportlichen Lokalberichte als vierundzwanzigseitiges herausnehmbares Produkt erscheinen.

Alles in allem macht Vorkötter den Eindruck eines Mannes, der seine Arbeit, so gut es geht, gemacht hat. Zur eigentlichen Aufgabe eines Chefredakteurs, der täglichen Steuerung des Blattes, ist er seit elf Monaten nicht gekommen, mit der Formatumstellung soll sich das ändern. Vorkötter blickt dabei dem kommenden Mittwoch nicht nur zweckoptimistisch entgegen: „Ich wage die Prognose: „Wir haben am 15. September mehr Abonnenten als wir am 15. Mai hatten.“

Offene Fragen

Was aber nicht bedeutet, dass damit alle Fragen beantwortet wären. Zumindest nicht die von Günter Stein aus Teningen, der seit 35 Jahren Architekt ist, in dieser Zeit jüngere Kollegen ausgebildet hat und an die „Rundschau“ geschrieben hat: „Wenn die Frage kam, wie breit eigentlich mindestens ein WC sein dürfe, antwortete ich regelmäßig: So breit, dass man bequem die ,Frankfurter Rundschau‘ ausgefaltet und im vollen Format lesen könne! Das waren praktische, vorstellbare Tipps. Was sage ich den jungen Kollegen in der Zukunft?“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Röth

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