Von Paul Cochrane, Beirut
08. August 2006 Israel empfängt ausländische Journalisten bei der Einreise mit einem Begrüßungspaket, zu dem ein Telefonverzeichnis mit nützlichen Kontakten, Karten, Reden von Politikern sowie Hintergrundinformationen zu UN-Resolutionen und zum Konflikt mit der Hizbullah gehören. Journalisten haben außerdem die Möglichkeit, israelische Truppen im Rahmen einer eingebetteten Berichterstattung zu begleiten, und genießen den zweifelhaften Vorzug, von Luftschutzsirenen vor hereinkommenden Hizbullah-Raketen gewarnt zu werden. Auf all das müssen Journalisten auf der anderen Seite der Grenze verzichten.
Wer bei Ausbruch des Konflikts noch nicht im Libanon war, mußte versuchen, über Syrien dorthin zu gelangen, nachdem israelische Kampfflugzeuge die Rollbahn des Internationalen Flughafens in Beirut zerstört hatten. An der syrisch-libanesischen Grenze werden Journalisten von den Grenzbeamten mit Gleichgültigkeit empfangen. Nachdem sie den üblichen Fragebogen ausgefüllt haben und ihr Paß abgestempelt worden ist, sind sie auf sich allein gestellt: keine Karten, keine Telefonverzeichnisse und keine Papierstapel mit nützlichen Informationen.
Überschwemmte Grenzübergänge
Was die Journalisten im Libanon erwartete, war schon vor der Grenze erkennbar. In der ersten Woche flohen Zehntausende von Libanesen nach Syrien. Die Grenzübergänge waren überschwemmt von Menschen, die Straßen verstopft von Fahrzeugen. Und als die Autobahn zur Grenze von israelischen Kampfflugzeugen zerstört wurde, mußten die Menschen auf andere Straßen ausweichen und konnten auf dem Weg über die Berge nur hoffen, nicht ebenso zur Zielscheibe zu werden wie die noch schwelenden Wracks von Lastwagen, Bussen und Personenwagen, die man auf der Fahrt nach Beirut allenthalben sah.
Die Hauptstadt wirkt wie gelähmt. Die sonst so belebten Straßen sind leer, die endlosen Verkehrsstaus nur noch eine ferne Erinnerung. Doch Lebensmittel und Trinkwasser sind noch erhältlich, etliche Restaurants und Bars haben noch geöffnet. Die Flüchtlinge hat man in Schulen, Hotels und Studentenwohnheimen untergebracht. Verschleierte muslimische Frauen gehen durch die Straßen christlicher Viertel, in denen man die Vertriebenen aufgenommen hat.
Sie führten uns durch die Trümmer
Zwar tobt der Krieg vor allem im Süden, aber Bomben sind auch nördlich von Beirut und im Zentrum selbst gefallen, besonders aber in den jetzt zerstörten südlichen Vororten, in denen sich Hauptquartiere der Hizbullah befanden. Einen Tag nach der Bombardierung des Beiruter Stadtviertels Haret Hreik organisierte die Hizbullah für Journalisten eine Besuchstour in die zerstörten Teile des Viertels. Sie führten uns durch die Trümmer und riefen uns zu, in Deckung zu gehen, wenn Flugzeuge am Himmel auftauchten, berichtet der amerikanische Journalist Jackson Allers.
Ohne Genehmigung in die südlichen Vororte zu gelangen erwies sich als schwierig, da Hizbullah-Mitglieder auf Motorrädern dort patrouillierten. In Baalbek war es leicht, in den südlichen Vororten dagegen nicht, meint der holländische Journalist Peter Speetjens. Drei Stunden habe ich versucht, an den Wachen vorbeizukommen, aber es ist mir nicht gelungen.
Hizbullah-Mitglied in Hausschuhen
Neben der Berichterstattung über politische Ereignisse, die Wirtschaft und die Flüchtlinge versuchen Journalisten vor allem, in die von israelischen Angriffen am stärksten betroffenen Gebiete vorzudringen: in das Gebiet um Baalbek im Bekaatal und in die südlibanesische Hafenstadt Tyrus. Speetjens nutzte die achtundvierzigstündige Feuerpause der Israelis für eine Fahrt nach Baalbek. Die Israels hatten gesagt, es werde keine Bombenangriffe im Libanon geben, aber darauf wollten wir uns nicht verlassen. Deshalb befestigten wir mit Klebeband die Aufschrift TV auf dem Wagendach, denn PRESS war etwas zu lang.
In Begleitung eines Hizbullah-Mitglieds in Hemd, Hose und Hausschuhen durfte er in die zerstörten Teile der Stadt. Doch angesichts der israelischen Drohnen über ihren Köpfen, so erzählt Speetjens, begann er doch immer stärker um seine Sicherheit zu fürchten, als das Ende der Feuerpause näherrückte. Immer wenn wir auf der Rückfahrt an einem Lastwagen vorbeikamen, hatte ich ein mulmiges Gefühl, weil sie vor allem Lastwagen und Brücken beschießen, erzählt er. Und von solchen Befürchtungen ist er auch in Beirut nicht frei: Ich habe ein wenig Angst, in meinem Büro zu arbeiten, weil es in der Nähe einer Brücke liegt. Manche Leute kommen deshalb nicht mehr, aber ich habe zur Sicherheit die Metalljalousien heruntergelassen.
Gefahrensignale aus dem Irak
Die Fronten. Für eine Strecke, die man vor dem Krieg in anderthalb Stunden zurücklegen konnte, benötigt man heute wegen der zerbombten Brücken und der zahlreichen Bombentrichter auf der Fahrbahn bis zu sechs Stunden. Als ich über Sidon nach Tyrus fuhr, die Straßen leer und überall Zerstörung, da läuteten in mir alle Alarmglocken, erzählt der amerikanische Radiojournalist Ben Gilbert, der mit Unterbrechungen zehn Monate im Irak verbracht hat. Und als ein BMW vorbeifuhr, fragte ich mich, ob das ein Selbstmordattentäter sei. Da wurde mir klar, daß mein Stress mit dem Irak zusammenhing. Mein Körper reagierte wie ein Pawlowscher Hund auf die Gefahrensignale, die er aus dem Irak kannte.
Abgesehen von den Luftangriffen und dem Artilleriebeschuß, meint Gilbert, sei die Berichterstattung im Libanon nicht mit der im Irak vergleichbar, wo in den letzten drei Jahren mehr als hundert Journalisten ums Leben gekommen sind. Es ist toll, umhergehen zu können, ohne damit rechnen zu müssen, daß einem der Kopf abgeschnitten wird. Im Irak kann man keine spontanen Interviews führen, und der Haß auf die Amerikaner ist so groß, daß es gefährlich ist, ein Ausländer zu sein. Hier können Sie aus dem Hotel gehen, jemanden treffen und sofort ein Interview machen.
Hier können Sie überall hinfahren
Außerdem werden Journalisten hier nicht durch Zensurmaßnahmen behindert, wie Israelis und Amerikaner sie den Journalisten auferlegen, die in Nordisrael oder im Irak die Truppen begleiten. Hier können Sie im Süden überall hinfahren. Kein Soldat wird sie daran hindern, aber es ist gefährlich. Ich glaube, es wäre toll, Hizbullah-Kämpfer zu treffen und mit ihnen loszuziehen, meint Gilbert.
Manche Journalisten haben allerdings schon Hizbullah-Kämpfer im Feld getroffen. Es gelang uns, mit einigen zu sprechen, und wir haben gesehen, wie gut sie ausgebildet sind, berichtet Hugh McLeod, der für die schottische Wochenzeitung The Sunday Herald arbeitet. Sie haben sich unsere Namen, Telefonnummern und Publikationsdetails notiert. Sie verhielten sich sehr professionell und befolgten ganz offensichtlich entsprechende Anweisungen.
Man hört den Krieg, aber sieht ihn nicht direkt
Wer nicht die Möglichkeit hat, Hizbullah-Kämpfer zu begleiten, kann nur das belagerte Tyrus besuchen und Ausflüge in die Dörfer der Umgebung unternehmen, um die Folgen israelischer Angriffe zu besichtigen. Man hört den Krieg, aber man sieht ihn nicht direkt. Das ist schon seltsam, meint McLeod. Weil es gefährlich sei, an die Front zu fahren, und weil die Kommunikation wegen des häufigen Stromausfalls und der Telefonüberwachung durch die israelischen Drohnen große Schwierigkeiten bereite, sei es nicht leicht, auf dem laufenden zu bleiben, erklärt der britische Journalist. Außerdem würden in Tyrus Lebensmittel, Trinkwasser und Treibstoff knapp, und die Israelis haben im Außenbereich der Stadt ein Kommandounternehmen gegen ein Gebäude durchgeführt. Das Hauptproblem ist aber, daß es keine Sicherheit gibt, fügt McLeod hinzu. Gerade heute wurden zwei junge Männer auf einem Roller getötet, gleich neben einer Hähnchenbraterei, in der wir öfter essen. Das war für alle ein Schock.
Der frühere Journalist und Englischlehrer Mohamed Ajami aus der südlibanesischen Stadt Nabatiyeh gehört zu der wachsenden Zahl von Libanesen, die seit Beginn des Konflikts als Kontaktleute und Übersetzer für ausländische Journalisten arbeiten. Er meint, die Unterkünfte der Medienleute in der Altstadt von Tyrus, die alle in der Umgebung eines bestimmten Hotels liegen, hätten schlechte Fundamente und könnten bei einem Angriff kaum Schutz bieten. Wir sitzen hier wie auf dem Präsentierteller. Daß wir von den Medien sind, heißt ja nicht, daß wir vor Angriffen sicher wären.
Geisterhafte Ruhe
Auf der Straße gilt dasselbe. Niemand garantiert, daß Fahrzeuge der Medien nicht angegriffen werden, wie es Dutzenden von Personenwagen, Kleinbussen, Ambulanzen und selbst Beobachtungsposten der UN schon passiert ist. Es gibt keine Möglichkeit, die IDF (Israeli Defense Force) anzurufen und denen zu sagen, daß wir jetzt nach Bint Jbeil fahren, sagt McLeod. Als Gilbert während der Feuerpause einige außerhalb gelegene Kleinstädte und Dörfer besuchte, herrschte auf den Straßen eine geisterhafte Ruhe. Es ist beängstigend, durch ein Dorf zu fahren, in dem eigentlich fünftausend Menschen leben müßten, und niemand ist auf der Straße. Man kann meilenweit sehen, man hört die Drohnen und weiß, daß jemand irgendwo in Israel dich sieht und jederzeit auf einen Knopf drücken könnte. Und du hoffst, daß sie das ,TV' auf dem Wagendach sehen.
Für freie Journalisten wie Gilbert ist es sogar noch gefährlicher, Tyrus zu verlassen, als für die Mitarbeiter großer Medienunternehmen, die ihre Position im Verhältnis zu den aktuellen israelischen Angriffen über GPS bestimmen können und Scoutfahrzeuge vorausschicken, die feststellen sollen, ob bestimmte Straßen sicher sind. Wenn du allein da draußen bist und eine Panne hast, was machst du dann? Ich kenne den Südlibanon nicht besonders gut, und wir sind hier in einem Kampfgebiet. Deshalb versuche ich immer, mich einem Konvoi von Journalisten oder anderen Zivilisten anzuschließen. Die große Zahl bietet hier eindeutig größere Sicherheit, meint Gilbert.
Der Tod ist eine Frage der Zeit
Wie durch ein Wunder ist bisher nur ein Journalist ums Leben gekommen, ein junger libanesischer Fotoreporter, der durch eine Rakete getötet wurde, als er in einem Taxi Richtung Süden fuhr. Doch Ajami glaubt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis weitere Journalisten sterben. Wenn der Konflikt weitergeht, werden auch Journalisten ums Leben kommen. Es sind viele hier, und die Gefahr ist groß.
Wenn die Journalisten im relativ sicheren Tyrus blieben, werde die Berichterstattung sich auf den Besuch von Flüchtlingen, Krankenhäusern oder Schulen und auf die Jagd nach Ambulanzen beschränken, meint McLeod. Aber letzte Woche wurden zwei Krankenwagen getroffen, und deshalb sind wir vorsichtiger geworden.
Ajami sagt, den Journalisten drohe noch eine weitere Gefahr, denn sie könnten schon bald vom restlichen Libanon abgeschnitten sein, da nur noch eine einzige Straße aus Tyrus herausführt. Und seit der Grenzübergang Masnaa nach einem Luftangriff vergangene Woche geschlossen wurde, gibt es für den ganzen Libanon nur noch eine einzige Straßenverbindung nach draußen, über die nördliche Grenze nach Syrien. Wenn die Verkehrsverbindungen nach Norden noch weiter zerstört werden, könnte das Land bald vollständig von der Außenwelt abgeschnitten sein, und die Journalisten wären gemeinsam mit den Libanesen gestrandet. Wir sitzen mit den Libanesen im selben Boot, sagt Gilbert. Es gibt keine Möglichkeit, evakuiert zu werden.
Aus dem Englischen von Michael Bischoff.
Der Autor lebt als Journalist im Libanon.
Text: F.A.Z., 08.08.2006, Nr. 182 / Seite 36
Bildmaterial: AFP, AP