Amerikanisches Fernsehen

Die Gefahr muss zumindest echt wirken

Von Nina Rehfeld, Phoenix

Die Einschaltquoten für Dr. House sind nach dem Autorenstreik zurück gegangen

Die Einschaltquoten für Dr. House sind nach dem Autorenstreik zurück gegangen

19. Mai 2008 „Hier wird Geschichte auf die harte Tour geschrieben!“, raunzt ein bäriger Moderator im Fell-Anorak im Vorspann der Serie „Tougher in Alaska“ und schwingt einen Eispickel als Ausrufezeichen Richtung Kamera. In „Man vs. Wild“ labt sich der Überlebenskünstler Bear Grylls an den Resten eines von Löwen erlegten Zebras. Und der rauhbeinige Sig Hansen, einer der Krabbenfischer-Kapitäne, die in „Deadliest Catch“ auf ihren Trawlern die harte See der Beringstraße durchmessen, ist zum unumstrittenen Liebling der amerikanischen Latenight-Talker avanciert.

Während die große Serien von „House“ bis „Grey's Anatomy“ schwere Quoten-Einbußen verzeichnen, sind harte Kerle in gefährlichen Situationen die neuen Helden des amerikanischen Fernsehpublikums geworden. Der Autorenstreik, der die Fernsehproduktion von November bis Februar so gut wie lahmgelegt hatte, mag daran nicht unschuldig sein. Angesichts der Materialnot im Serienfernsehen hatten sich die Sender in eine Reality-Offensive geflüchtet. Und als die Serien nach mehrmonatiger Pause in den vergangenen Wochen nach und nach ins Programm zurückkehrten, blieben die Zuschauer weg. „CSI“ rutschte im Vergleich zum vergangenen Frühjahr von 21,2 Millionen Zuschauern auf 18,9 Millionen ab, „Grey's Anatomy“ konnte statt 21,2 Millionen nur noch 15,8 Millionen Zuseher begeistern.

Verwegene Lenkrad-Cowboys

Der Mann, der in „Tougher in Alaska“ mit rauher Stimme den harten Kerl markiert, ist Thom Beers, Produzent und Mastermind des Genres. Beers machte bereits Discoverys „Monster Garage“, eine Realityshow um aufgemotzte Autos, und er zeichnet für „Deadliest Catch“ und „Ice Road Truckers“ verantwortlich. Beers glaubt, dass seine Formate eine Art Wunscherfüllung bieten. „Männer“, sagte er in einem Interview, „wollen eben Männer sein, auch wenn sie selbst ein leidenschaftsloses Berufsleben führen.“ Und weil die günstig zu produzierenden Shows zunehmend auch Frauen und Kinder zu ihrem Publikum zählen, gelten sie in der Branche als der letzte Schrei.

Zwar können die gut drei Millionen Zuschauer, die „Deadliest Catch“ einschalten, kaum als Konkurrenz von McDreamy, Dr. House oder Gabrielle Solis gelten. Doch Medienexperten gehen davon aus, dass die fehlenden Zuschauer der Networks ins Kabelfernsehen abwandern. Anstatt sich die Folgen des verheerenden Tornados in der Wisteria Lane anzuschauen, schalten viele lieber echte Abenteuer im Nischenfernsehen ein: Verwegene Lenkrad-Cowboys, die in „Ice Road Truckers“ auf dem History Channel tonnenschwere Lastwagen über zugefrorene Seen und durch Schneestürme navigieren, oder die Holzfäller aus „Ax Men“, die auf dem History Channel beim Abholzen hundert Meter hoher Baumriesen ihr Leben riskieren.

Die Gefahr ist nicht immer echt

„Factual Entertainment“ nennt John Ford, der seit vergangenem November den Discovery Channel leitet, das Konzept, bei dem gefährliche Herausforderungen in quasidokumentarischer Form abgefilmt werden. „Es geht in diesen Sendungen um die Gegenüberstellung von Mensch und Naturgewalt, und ihre Figuren sind rauhbeinige Grenzgänger“, sagt Ford, der mit „Deadliest Catch“, „Man vs. Wild“ und „Survivorman“ drei der erfolgreichsten Harte-Kerle-Sendungen im Programm hat. „Wichtig ist, dass die Gefahr spürbar und echt ist.“

Echt ist sie nicht immer. Als die britische „Daily Mail“ berichtete, dass Bear Grylls, der sich in jeder Episode in ein neues, abgelegenes Stück Wildnis begibt, um dort als Zivilisationsflüchtling zu überleben, in bequemen Hotels nächtigte, nahm der Sender die Serie vorübergehend aus dem Programm und überarbeitete die nächsten Folgen. Doch der Skandal befeuerte nur die Diskussion der Fans, ob Grylls oder „Survivorman“ Les Stroud, der sich selbst filmt und dessen Sendung Discovery direkt am Anschluss an „Man vs. Wild“ ausstrahlt, der bessere Überlebenskünstler sei.

Frauen sind fehl am Platz

Mehr als ein Dutzend solcher Shows, deren Protagonisten von Gefahrenarbeitern über Knastinsassen bis hin zu Preiskämpfern rangieren, sind im amerikanischen Fernsehen zu sehen, und weitere sind schon in Planung, eine Serie über das Iditarod-Schlittenrennen in Alaska (Discovery) und ein Stück über Bauarbeiter unter Tage (History) etwa. Frauen sind fehl am Platz: „Ms. Adventure“, das im vergangenen Jahr bei der Discovery-Tochter Animal Planet auf Sendung ging, war kein Erfolg. Die Komödiantin Rachel Reenstra konnte sich mit dem gefragten Rauhbein-Charisma der Kollegen schlicht nicht messen.

Und nicht alles, was auf den ersten Blick abenteuerlich wirkt, funktioniert im Fernsehen, sagt John Ford: „Der Alltag von Feuerwehrleuten zum Beispiel besteht zu neunzig Prozent aus Langeweile. Und Bombenentschärfen ist zwar irrsinnig gefährlich, wirkt aber vor der Kamera nicht so. Da fehlt kinetische Aktivität.“ Die findet man beim Holzfällen in luftiger Höhe; der Autorenstreik macht es möglich.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Sender

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