Von Thomas Scholz
01. April 2008 Thomas Gottschalk rief. Und Tausende kamen - angeblich, um sich nach bekanntem Muster nun einmal öffentlich-rechtlich casten zu lassen. Um Musical-Showstar 2008 zu werden. Um die Hauptrolle im erfolgreichsten Musical der Welt - Starlight Express - zu erhalten. Nach einer kurzen Informations- und Bilderflut zum Stück, die einem altbackenen Werbeclip in nichts nachstand, war dann auch dem unbedarftesten Zuschauer klar, dass eine dieser Rollen die frühe Krönung der Karriere eines jeden angehenden Musicaltänzers ist. Und warum sollte man den Aufstieg nicht gleich auf dem Gipfel beginnen?
Umso erstaunlicher war es, als dann nur ein paar Dutzend Tänzer auf der Probebühne zu sehen waren, um dort erst der Jury zuzujubeln und dann ihrer Auswahl zu harren. Wo waren sie hin, die Tausende, die Gottschalks Ruf gefolgt waren? Rausgecastet waren sie, aussortiert, bereits lange, bevor der Konkurrenzkampf in die heiße Phase geht und von den Kameras dokumentiert wird. Erhalten blieben sie uns nur in kurzen Interviewschnipseln, Gesichter, die für einen Satz auftauchen - Musical ist für mich schon eine Königsdisziplin! - und dann auf Nimmerwiedersehen in der Masse der Aussortierten verschwinden.
Bis hin zur leichten Rüge
Denn das ZDF hat sich nicht viel Sendezeit gelassen, den Musical-Showstar 2008 zu finden. Montag- bis Donnerstagabend trennen die Sängerin Katja Ebstein, der Musical-Darsteller Uwe Kröger und der österreichische Fernsehunterhalter Alexander Goebel jeweils fünfzig Minuten lang die Spreu vom Weizen.
Die drei Legenden des Musicals, wie Gottschalk als allgegenwärtiger Kommentator sie titulierte, sind nicht zufällig zwei Männer und eine Frau. Sowohl die Zusammenstellung der Jury als auch ihr Verhalten ist bis ins Detail an die Vorbilder der Privatsender angelehnt. Auserwählte Kandidaten werden erst kurz auf die falsche Fährte gelockt, dann wahlweise mit Lob oder Ermahnung zu noch mehr Engagement in den ganz privaten Freudentaumel vor laufender Kamera entlassen. Oder es gibt, falls die Musicaltänzer in spe durchgefallen sind, erklärende Worte, die bis zur leichten Rüge reichen können.
Keine Gelegenheit für eine noch so weit hergeholte Pointe wird von den Juroren dabei ausgelassen. Doch die vermeintlichen Scherze taugen so wenig zur Unterhaltung wie die Bemerkungen von Dieter Bohlen zur Verfeinerung des alltäglichen Miteinanders. Im Gegensatz zum ewig bramarbasierenden Bohlen vermeidet es die Jury der ZDF-Sendung jedoch, verbale Schläge unter der Gürtellinie auszuteilen. Auch in ihren Sympathiekundgebungen sind die Juroren weniger enthusiastisch und etwas bodenständiger. Ob wir darin die spezifisch öffentlich-rechtliche Anmutung der Show entdecken sollen? Wer auf eine Musical-Casting-Version von Uuupps, die Pannenshow aus ist, kommt hier jedenfalls nicht auf seine Kosten.
Sammelsurium von Eindrücken
Es würde jedoch auch nicht schaden, wenn die Juroren nicht nur ihre Eleven anspornten, sondern auch an ihrem eigenen Urteils-Stil arbeiteten. Um wenigstens ansatzweise ein Profil zu bekommen. Stattdessen nimmt sich das Zweite die Zeit, möglichst viele Teilnehmer in möglichst kurzen Beiträgen zu porträtieren. Selbst dann, wenn sie nur zwei Minuten später ausscheiden. Der Verdacht, dass einmal gedrehtes Bildmaterial auch eine noch so fragwürdige Verwertung finden sollte - egal, ob es in die Dramaturgie passt oder nicht - drängt sich auf.
Bei all dem hektischen Hin und Her zwischen Jury, Kandidaten, hinter der Bühne, auf der Bühne, Probe, Auftritt, Jubel und Tränen blieb dann auch noch der Ablauf des Castings unklar. In der ersten Runde, welche die Kameras zeigten, ging es um die Gesangskünste, trotzdem tanzten einige Teilnehmer zuerst. Ihre Stimmen, auf die in später folgenden Juryurteilen verwiesen wurde, bekam das Fernsehpublikum nie zu hören. So blieb der Eindruck zurück, dass es wohl einen Wettbewerb gegeben hat, dessen fragmentarische Aufzeichnung wir wohl in mehr oder weniger zufälliger Anordnung gesehen haben. Dieses Sammelsurium von Eindrücken konnten auch die bisweilen reißerischen Kommentare von Entertainer Thomas Gottschalk nicht zusammenhalten, der sich so oder so besser auf freche Interviewfragen als auf gewollt pathetische Phrasen versteht.
Lichtblick des Auswahl-Spektakels waren die Kandidaten, die ganz offensichtlich nicht nach den üblichen Kriterien - jung, sexy, ahnungslos und werbetauglich - ausgesucht worden waren, sondern tatsächlich mit einigem künstlerischen Potential aufwarteten. Erstaunlich nur, dass das ZDF nicht auch diese Show von Johannes B. Kerner moderieren lässt.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: obs