Medienfälschungen

Angeweht vom Eishauch der Geschichte

Von Henrik Schmitz

23. April 2008 Es war die größte Pleite in der Geschichte des Journalismus in Deutschland. Am 25. April 1983 kündigte der Chefredakteur des Magazins „Stern“, Peter Koch, der Welt eine Sensation an. Die Illustrierte befinde sich im Besitz der geheimen Tagebücher Adolf Hitlers, geborgen aus den Trümmern eines abgestürzten Flugzeugs. Am 28. April druckte der „Stern“ erste Auszüge aus den angeblichen Aufzeichnungen des Führers und erklärte, große Teile der Geschichte des Dritten Reiches müssten neu geschrieben werden. Am 5. Mai entlarvte das Bundesarchiv die Aufzeichnungen als plumpe Fälschungen.

Die angeblichen Hitler-Tagebücher sind der spektakulärste Fall von Fälschungen in den Medien, aber längst nicht der einzige. Vielmehr durchziehen sie den Journalismus wie ein roter Faden. „Fälschungen wie die Hitler-Tagebücher sind hoffentlich wirklich eher die Ausnahme“, sagt der Hamburger Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg. Aber es sei zu befürchten, dass Fälschungen im Journalismus insgesamt ein Alltagsproblem seien, das oftmals unentdeckt bleibe und insgesamt zunehme. Auffällig dabei ist, dass bei vielen Fälschungen die Kontrollinstanzen, die Chefredaktionen und Verlagsleitungen, völlig versagen, anders als die enttarnten Fälscher selbst aber vergleichsweise glimpflich davonkommen.

Der erfundene Jimmy

Am 29. September 1980 erschien in der „Washington Post“ unter der Überschrift „Jimmy's World“ ein Artikel der Journalistin Janet Cooke, in dem sie das Schicksal eines achtjährigen heroinabhängigen afroamerikanischen Jungen nachzeichnete. Der stellvertretende Chefredakteur und Watergate-Enthüller Bob Woodward nominierte die Geschichte für den Pulitzer-Preis, obwohl bereits Zweifel aufgetaucht waren. Dennoch gewann Cooke am 13. April 1981 den begehrten Preis. Zwei Tage später musste sie ihre Erfindung zugeben und verlor ihren Job. Woodwards Image ist bis heute tadellos.

Ähnlich fantasiebegabt wie Cooke war der Schweizer Tom Kummer, der 2000 einen Skandal mit seinen Interviews mit Hollywoodstars auslöste, die ebenfalls erfunden waren und überwiegend im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen. Kummer verdingt sich inzwischen als Tennislehrer in Amerika. Ulf Poschardt, damals Chefredakteur des Magazins der „Süddeutschen“, verlor seinen Job, wurde aber später Chefredakteur der deutschen „Vanity Fair“ und ist heute stellvertretender Chef der „Welt am Sonntag“.

Nie im Schneideraum

Außerordentlich erfolgreich ist auch Günther Jauch, der bis heute nicht nur Moderator von „Stern TV“ ist, sondern zwischenzeitlich auch die Redaktion des Fernsehmagazins leitete. In dieser Funktion fiel auch Jauch nicht auf, dass „Stern TV“-Beiträge des Filmemachers Michael Born, in denen ein Jäger mit angeklebtem Bart Jagd auf Katzen machte und der rassistische Ku-Klux-Klan Bücherverbrennungen in der Eifel veranstaltete, gefälscht waren, wie sich 1996 herausstellte. Born wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, nicht wegen der gefälschten Filme, sondern unter anderem wegen Volksverhetzung und Vortäuschen einer Straftat. Günther Jauch erklärte als Zeuge beim Prozess in Koblenz, „im Grunde nie in einem Schneideraum“ gewesen zu sein. Born, Kummer und Cooke sind als Fälscher nicht nur Täter, sondern wohl auch logische Folge der Sensationsökonomie. Das Problem des Fernsehens etwa ist es, dass es zwar viele Geschichten gibt, aber oft nicht die passenden Bilder. Born lieferte Bilder, die „Stern TV“ brauchte.

Auch beim „Stern“ hätte man die Fälschung erkennen können. So zierten den Einband einiger angeblicher Hitler-Tagebücher statt der wirklichen Initialen des Diktators die Buchstaben „F“ und „H“. „Und Fritze Hitler hat er ja nicht geheißen“, lautet das wohl schönste Zitat aus Helmut Dietls Filmsatire „Schtonk“ über die Hitler-Tagebücher. 9,3 Millionen Mark zahlte der „Stern“ dafür, ein Großteil soll bei Heidemann gelandet sein, der Rest beim Tagebuch-Fälscher Konrad Kujau. Heidemann hatte für den „Stern“ aus verschiedenen Kriegsgebieten berichtet, jedoch einen zunehmenden „Nazi-Spleen“ entwickelt, war jahrelang mit Edda Göring, der Tochter Hermann Görings, liiert und verkaufte sein Haus, um die ehemalige Yacht des NS-Reichsmarschalls, die „Carin II“, zu erwerben.

Weich gefallen

Die Chefredaktion um Peter Koch und Felix Schmidt hatte Heidemann eigentlich untersagt, weiter Nazi-Themen zu bearbeiten, weshalb dieser und der Ressortleiter für Zeitgeschichte, Thomas Walde, sich direkt an die Verlagsleitung wandten. Gruner + Jahr spekulierte auf große Kasse. Für die erste „Hitler“-Ausgabe wurden die Auflage des „Stern“ um dreißig Prozent und der Verkaufspreis von drei auf 3,50 Mark erhöht. Auch von dem Erlös aus Auslandsrechten erhoffte man sich wohl, die 9,3 Millionen Mark wieder leicht hereinzuholen.

Vielleicht auch deshalb wurden erhebliche Zweifel an der Echtheit der Dokumente beiseite gewischt. Nachdem die Tagebücher als Fälschungen entlarvt worden waren, mussten zwar die Chefredakteure Schmidt und Koch zurücktreten, fielen aber eher weich. Auf seinem Posten blieb Gruner+Jahr-Verlagschef Gerd Schulte-Hillen, den der „Eishauch der Geschichte“ in Form der Tagebücher ebenfalls angeweht hatte. Umgeweht hingegen wurde Gerd Heidemann, der 1985 wegen Betrugs zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt wurde und heute als Rentner offenbar hochverschuldet in Hamburg lebt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa/dpaweb

 
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