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Kinderpornographie

Amateure in der Falle

Wenn private Initiativen im Netz Kinderschänder jagen: Die vor einigen Tagen begonnene Aktion „No-Kids.org“ versuchte, den Tauschmarkt von Pädophilen im Netz mit vermeintlichen Pornodateien zu überschwemmen, doch der Plan hat einen Haken.

Von Michael Hanfeld

Die Ermittlungsarbeit wird für die Polizei durch private Aktionen nicht leichterDie Ermittlungsarbeit wird für die Polizei durch private Aktionen nicht leichter
10. Juli 2009 

Der Widerstand gegen die Pläne der Bundesregierung, die Kinderpornographie im Internet einzudämmen, treibt seltsame Blüten. Unbändige Wut bricht sich Bahn bei denen, die ihre Einwände gegen die Internetsperren nicht gewürdigt sehen, die Stopp-Schilder, die Familienministerin Ursula von der Leyen im Netz aufstellen lässt, seien leicht zu umgehen, Unbescholtene, die zufällig auf solche Seiten klickten, gerieten ins Visier der Polizei, und schließlich finde der Handel mit Kinderpornos meist auf Tauschbörsen, sogenannten „Filesharing-Netzwerken“ statt, die in der täglichen Auflistung verbotener Seiten, die das Bundeskriminalamt den großen Internetprovidern zustellt, ohnehin fehlten. Wie aber macht man es besser?

Das war die Frage, auf welche die Netzprotestler die Antwort schuldig blieben. Die Hamburger Werbeagentur Grabarz & Partner glaubte, die Antwort gefunden zu haben: Sie stellte vor einigen Tagen ihre Aktion „No-Kids.org“ vor und bat um rege Teilnahme. Der Plan: Der Tauschmarkt der Kinderschänder sollte mit vermeintlichen Pornodateien überschwemmt werden. Sobald No-Kids.org irgendwo in den Weiten der Netzwelt eine Anfrage nach Kinderpornos registrierte, bekäme der Betreffende Post von einem automatisch zugeschalteten No-Kids-Teilnehmer. Der Titel der zugesandten Nachricht sollte Kinderpornos versprechen, in Wahrheit aber sich dahinter eine Warnung oder der Hinweis verbergen, „eine Beratungsstelle für Menschen mit pädosexuellen Neigungen“ aufzusuchen. Die Menge der wohlmeinenden Ratschläge sollte so groß werden, dass die Netzwerke zusammenbrächen.

Unbedarfte Internetnutzer laufen ins Messer

Zwei Mitarbeiter der Werbeagentur Grabarz & Partner hatten sich die Sache ausgedacht, die Initiative werde von der Agentur gestützt, teilte die Geschäftsführung auf Anfrage dieser Zeitung mit. Ideelle Gründe hätten den Ausschlag für die Aktion gegeben, es gehe darum, „gegen das Angebot von kinderpornographischem Material in Tauschbörsen vorzugehen“. So weit der Plan.

Der Haken ist nur: Wer sich als Kinderpornohändler ausgibt und von seiner IP-Adresse aus Daten mit entsprechenden Titeln verschickt, gilt schnell selbst als Pädokrimineller, nicht zuletzt in den Augen der Ermittlungsbehörden, deren Fahnder ununterbrochen im Netz unterwegs sind. Und so könnten No-Kids-Teilnehmer schnell als vermeintliche Kinderschänder ermittelt werden und Besuch von der Polizei bekommen. Auf diesen Umstand macht der Fachanwalt Udo Vetter aufmerksam (www.lawblog.de). Er ist der Überzeugung, dass die Hamburger Werbeagentur mit ihrer Idee „unbedarfte Internetnutzer ins Messer laufen“ lässt. Denn für die Ermittler werde nicht erkennbar sein, dass die betreffenden Datenangebote über No-Kids.org erstellt wurden, allein schon das – in diesem Fall vermeintliche – Angebot eindeutig benannter Dateien begründe einen Anfangsverdacht. Man könne sich nicht darauf verlassen, dass die Polizei jede einzelne Datei auf den Inhalt prüfe. „Jeder“, schreibt Vetter, „der dort mitmacht, riskiert eine Hausdurchsuchung.“

Fake-Dateien erschweren die Suche

Kaum angekündigt, kaum derart fundamental kritisiert, war die Adresse No-Kids.org nicht mehr zu erreichen – eine Reaktion auf die Kritik, wie die Geschäftsführung von Grabarz & Partner dieser Zeitung erklärte. Trotz juristischer Vorprüfungen habe man die Seite „sicherheitshalber“ aus dem Netz genommen. Man nehme die geäußerten Befürchtungen ernst und kümmere sich intensiv um die Beantwortung aller Fragen. Auch um die Frage, ob No-Kids-Teilnehmer ins Visier der Ermittler geraten könnten: „Wir setzen uns in diesem Zusammenhang mit den Behörden in Verbindung, um auch das nochmals zu klären.“

Kurz zuvor hatte sich jemand, der sich im Lawblog als Vertreter von No-Kids.org vorstellte, noch selbstgewiss gegeben: Kinderpornographische Dateien, hieß es, würden in den Netzwerken nicht nach Stichworten gesucht, sondern nach ihrem „Hash“. Mit dem Hashcode werden Dokumente nicht betitelt, sondern ihrem Inhalt nach gekennzeichnet, unter Umständen auch verschlüsselt. Es sei „ausgeschlossen, dass aufgrund der Verteilung von Fake-Dateien das LKA vor der Tür steht“. Es bestehe „weder die Gefahr, eine Straftat zu begehen, noch die, ins Raster einer Fahndung zu gelangen“. Jetzt aber sagt die Geschäftsführung auf Anfrage dieser Zeitung: Bevor man weitermache, werde man „alles tun, um Risiken für die Beteiligten auszuschließen“.

Das Bundeskriminalamt dürfte derweil gut beraten sein, seine Fahndungsraster nicht preiszugeben. Und noch etwas anderes haben die No-Kids-Macher nicht bedacht: Sie erschweren mit ihren Fake-Dateien die Suche der Polizei nach Kinderschändern massiv. Die Ermittler werden sich bedanken, wenn sie tonnenweise Dateien von Wohlmeinenden umschichten müssen: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Abgesehen davon dürfte die – zwar nicht haltbare, aber beliebteste – Ausrede der Kinderschänder lauten: Sie hätten etwas mit No-Kids.org zu tun.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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