Die Frau als Konsument

Gebt uns Gewalt, Sex und Außenpolitik!

Von Julia Encke

Sie können auch anders: Frauen als Kosumentinnen (Szene aus „Barbarella”)

Sie können auch anders: Frauen als Kosumentinnen (Szene aus „Barbarella”)

10. Dezember 2006 Es ist in diesen Tagen kein Vergnügen, durch die Buchhandlungen zu gehen. Das liegt nicht bloß daran, daß sie so überfüllt sind und daß an den Verpackungsständen vor einem immer mindestens ein Kunde steht, der zehn Bücher an mindestens zehn verschiedene Menschen verschenken will. Es liegt an etwas anderem. Kurz vor Weihnachten geht man anders durch die Buchhandlungen, man sucht nicht gezielt, man läßt den Blick schweifen auf der Suche nach Dingen, die man für jene kaufen könnte, denen man meistens nur einmal im Jahr etwas schenkt.

Und plötzlich sieht man, was da alles liegt. Man sieht die Buchcover der Romane von Marc Levy, mit Titeln wie „Wo bist du?“, „Sieben Tage für die Ewigkeit“ oder „Bis ich dich wiedersehe“, Titel, auf denen eine Frau in violettfarbenem Kleid einsam am Strand steht, während im Blau des Himmels zwei Liebende sich zum Küssen neigen; Titel, auf denen ein Babyspeck-Amor Pfeile schießt und bunte Schmetterlinge zartflüglig vor rosa Hintergrund tanzen. Man sieht einen Titel wie „Regenbogenträume“, der in reizender Schreibschrift eine rote Blume umkringelt, wobei das „Für immer vielleicht“ und „P. S. Ich liebe Dich“ der Cecelia-Ahern-Romane wie mit Flugzeugkondensstreifen in den Himmel geschrieben scheint. Man sieht die „Jenseits von Afrika“-Anmutung auf Erfahrungsberichten wie „Mit der Liebe einer Löwin“ oder eine im Wind schwingende Schaukel vor Landidylle auf Nicholas Sparks „Wunder eines Augenblicks“.

Kein „Männergeschmack“

Und dann kann man nicht mehr. Dann muß man zurück auf die Straße. Ich habe schon immer gerne Western gesehen, Action- oder Mafiafilme. Und unter den Romanen, die ich gelesen habe, waren Kriegsromane, in denen manchmal nur Männer vorkamen. Eine Kringelschrift war auf dem Cover nie zu sehen. Zarte Farben hatten diese Bücher auch nicht. Ich habe sie trotzdem gekauft - was nicht heißt, daß ich nicht auch Liebes- und Familienromane gekauft hätte. Das habe ich, so wie ich neulich zum dritten Mal „Notting Hill“ gesehen habe, „Grey's Anatomy“ einschalte oder neben den Kommissaren- auch gerne Kommissarinnen-„Tatorte“ mit Andrea Sawatzki gucke. Die Betonung liegt auf dem auch. Und manchmal reicht ein kleines Wort für eine große Irritation.

Seitdem man entdeckt hat, daß zwei Drittel aller Bücherleser Leserinnen sind; daß Frauen die Einschaltquote im Fernsehen bestimmen und die Auflage von Zeitschriften und Zeitungen in die Höhe treiben können, versucht der Markt, ihre Kaufkraft restlos abzuschöpfen. Doch muß man nur einmal in der sogenannten „Frauenecke“ bei, zum Beispiel, Hugendubel gewesen sein (wieso eigentlich „Ecke“, wenn sie doch die Mehrheit sind?), um zu sehen, wie hier, was ökonomisch vernünftig erscheint, umschlägt in den totalen Schrecken: Unmöglich können allein diese Cover für das Kundenprofil der typischen Leserin entworfen sein; sie können nur der Karikatur der typischen Leserin gelten. Ich jedenfalls will das allermeiste davon nicht haben - und bin damit nicht allein. Einen „Männergeschmack“ habe ich deshalb ganz sicher nicht.

Spricht man mit Menschen, die die Mechanismen des Buchmarkts kennen, denen also auch das Wort „frauenaffin“ mit der größten Leichtigkeit über die Lippen geht, stellt man bald fest, daß es wenig gesichertes Wissen, sondern vor allem „Erfahrungswerte“ gibt darüber, was Frauen für Bücher wollen. Bei der Unternehmenskommunikation von Random House etwa wird einem versichert, daß „der ständige Informationsaustausch mit den Buchhändlern eine umfangreiche Marktkenntnis garantiere“ und man sich „intensiv im Internet, auf Leserinnen-Foren und Fan-Websites, über die Vorlieben und Trends der weiblichen Zielgruppe“ informiere. Auf Studien beruft man sich nicht. „Die wären zu teuer“, meint Claus-Martin Carlsberg, dessen Agentur Carlsbergschillercommunication soeben die Schröder-Memoiren und Frau Eva Herman in die Bestsellerlisten gebeamt hat. Sein persönlicher Erfahrungswert: „Frauen lieben Romane, Männer nicht so sehr.

„Frauenaffine“ Bücher sollen wie Wellness-Wochenenden sein

Und Frauen lieben vor allem historische Romane und unter ihnen wiederum solche, die nicht zu explizit mit Gewalt zu tun haben. Der Roman „Die einsamen Schrecken der Liebe“ von James Meek ist ein gutes Beispiel dafür. An sich ein großartiger Roman, aber darin kam eine abgehackte Hand vor, an der geknabbert wurde. Das mochten Leserinnen nicht.“ Und da sind sie dann, die Klischees: Bitte nicht zuviel Gewalt! Da können sie doch schon in Filmen nicht hingucken! Und, für eine ansprechende Optik, nicht zu kühle, sondern ganz warme Farben. „Frauenaffine“ Bücher sollen offenbar wie Wellness-Wochenenden sein. Dabei dachte ich immer, daß das Tolle an Wohlfühlmassagen sei, daß man die Augen zu hat. Irgendwer spinnt hier - ich oder die Welt.

In Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen gibt es objektivere Werte. Dort beruft man sich auf Forschungsmethoden wie „ReaderScan“, bei der Zielgruppen, darunter auch Frauen, aufgefordert werden, das Gelesene mit elektronischen Stiften zu markieren. „Was Frauen wollen“ hieß kürzlich ein Artikel im „Spiegel“, in dem der „ReaderScan“-Erfinder Carlo Imboden zitiert wurde, dessen Dienst inzwischen rund dreißig Verlage in Anspruch nehmen. Bisher, beteuerte der Artikel, sei die Frauenfrage durch gängige Klischees beantwortet worden: „Frauen interessieren sich nicht für Politik und Wirtschaft, sie überspringen den jeweiligen Zeitungsteil, um sich dann in Kultur, Lokalem und Klimbim festzulesen.“ Das aber sei Quatsch. Laut Imbodens Untersuchungen sind Frauen nicht grundsätzlich weniger an angeblichen Männerthemen interessiert, sie lesen auch intensiv Politik und Wirtschaft und sogar Sport, „wenn diese entsprechend aufbereitet werden“. „Entsprechend“, fügte der „Spiegel“ hinzu, heiße, „mit mehr Gefühl“.

Orgien der Kuscheligkeit

Da hatte man sich also gerade von den Klischees verabschiedet, schon stolpern diese durch die Hintertür wieder herein: Einen „emotionalen“ Überschuß müssen Politik, Wirtschaft und Sport schon haben, wenn Frauen sie lesen sollen. Frauen erreicht man am besten über „das Gefühl“ und über „den Menschen“. Fragt man Imboden, woher die Kategorie des „Gefühls“ denn eigentlich komme, die als eine Art Grundannahme offenbar vorausgesetzt wird, antwortet der Schweizer sehr freundlich: „Da berufen wir uns auf die Hirnforschung. Die Biologie lügt nicht. Die rechte weibliche Hirnhälfte ist vergleichsweise leistungsfähiger als die rechte männliche. Der Gefühlsbonus schlägt sich auch im Leseverhalten nieder.“ Die Biologie lügt nicht - aber wer sagt eigentlich, daß sie auf alle Fragen eine Antwort weiß? Daß sich Männer- und Frauengehirne voneinander unterscheiden, ist bekannt. Man muß aber kein Experte der Hirnforschung sein, um mitbekommen zu haben, daß die lebensweltlichen Konsequenzen, die sich aus den biologischen Unterschieden ableiten lassen, höchst umstritten sind.

„The Female Brain“ hieß in diesem Herbst ein Buch der amerikanischen Neuropsychologin Louann Brizendine, in dem die Autorin wissenschaftlich begründen wollte, daß „Frauen über eine achtspurige Autobahn verfügen, um Gefühle zu vermitteln und zu verarbeiten, Männer dagegen nur über eine Landstraße“. Die Kritiker lieferten die üblichen Gegenargumente. Die Frage ist also, ob bei den Bemühungen, Frauen als Kundinnen zu akquirieren, die Klischees, die in Umfragen ermittelt werden, schon in den Annahmen stecken, die diesen Umfragen zugrunde liegen. Das jedenfalls würde einiges erklären. Wenn man stereotyp fragt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn am Ende ein Stereotyp herauskommt. Ein Indiz dafür ist, wie immer, die Sprache: Das gilt nicht allein für Louann Brizendine, die ihre Thesen in „The Female Brain“ so populärwissenschaftlich verpackt, daß sie das Hormon Oxytozin mit einem „kuscheligen, schnurrenden Kätzchen“ vergleicht und dem „gewalttätigen Verführer“ Testosteron anlastet, „keine Zeit zum Schmusen“ zuzulassen.

Es gilt aber auch für markttechnische Parolen, Frauen müßten zum Lesen „verführt“ werden, oder für Imbodens Aussage, daß Frauen Tageszeitungen länger „treu bleiben“, also grundsätzlich „anhänglicher“ seien als Männer. Ich habe nichts gegen Menschen, die Cecelia Aherns „P.S. Ich liebe Dich“ oder „Zwischen Himmel und Liebe“ kaufen. Romane wie diese hat es immer gegeben, es wird sie weiter geben, wieso auch nicht. Die Bücher, ihre Käuferinnen und Käufer sind nicht mein Problem. Mein Problem ist, daß die Ästhetik, mit der dieses Romangenre präsentiert wird, inzwischen auf immer mehr andere Genres übertragen wird, allein weil man annimmt, daß diese Ästhetik Frauen gefalle. Ein ernstes Buch darf nicht allzu ernst aussehen; ein Kriegsroman bitte nicht zu kriegerisch; ein Actionthriller nur ein kleines bißchen bedrohlich. Vor allem müssen all diese Bücher mit einem das „Gefühl“ der Leserin ansprechenden Foto oder einer liebreizenden Illustration verpackt werden. Das führt zu Orgien der Kuscheligkeit, die kein Mensch auf Dauer aushält.

Frauen sind nicht blöd

Richtig kritisch wird es, wenn diese Marktästhetik schleichend auf die Inhalte überzugreifen droht. Wenn also Lektoren an Autoren den Wunsch herantragen, auf die teuren Leserinnen Rücksicht zu nehmen und die eine oder andere Stelle zu streichen. Wenn in einer deutschen Zeitschriftenredaktion, wie kürzlich jemand erzählte, ein Autor aufgefordert wird, er möge doch bitte „weiblicher“ schreiben, und auf die Nachfrage, was das heiße, die Antwort kam: „gefühliger“. Wenn bei Sat.1 der sehr gute Mehrteiler „Blackout“ gleich wieder abgesetzt wird, weil die Quoten nicht stimmen, man also nicht durch- und am Konzept festhält, sondern voreilig abwinkt. Gleichzeitig mit der Ausstrahlung der ersten „Blackout“-Folge lief beim ZDF „Afrika - Wohin mein Herz mich trägt“ mit Sophie Schütt, die wiederum eine Erfindung von Sat.1 ist. Das war perfide eingefädelt vom ZDF oder einfach nur ein unglücklicher Zufall. Davon nun aber die Annahme abzuleiten, daß insbesondere das wichtige weibliche Fernsehpublikum Filme wie „Afrika - Wohin mein Herz mich trägt“ sehen will, wäre der übliche Kurzschluß.

Frauen sind nicht blöd. Ich zum Beispiel weine grundsätzlich bei „Notting Hill“. Eine Welt, in der, wie in „Pale Rider“, Clint Eastwood am Ende nicht gen Westen reitet und ein Dutzend Leichen zurückläßt, will und kann ich mir aber nicht vorstellen. Unter dem schönen blauen Himmel der Cecelia Ahern muß es eine Erde geben. Und darunter: die Hölle.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/Morgan, Cinetext/RR, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, Sony Pictures/Cinetext, Verlag

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