07. April 2007 Im Fernsehen unserer Kindertage war der Komiker eine Randfigur. Die Unterhaltungsshows der siebziger Jahre wie Am laufenden Band oder Dalli Dalli bestanden aus Schlagern, Ratespielchen und gepflegten Plaudereien des gastgebenden Grandseigneurs mit seinen Gästen. Eine Nebenrolle spielte ein Mann, bei dem es sich gern um einen wohlbeleibten Herrn im besten Alter handelte; wenn er auftrat, wusste das Publikum, dass nun gelacht werden sollte. In Sketchen diente er dem Showmaster als Sidekick, und so gemütlich wie der Dicke waren seine Späße. Was es sonst noch gab an Humor im deutschen Fernsehen, das sah sehr übersichtlich aus: etwas Kabarett, etwas Karneval und etwas Klamauk, dargeboten von langhaarigen jungen Männern mit Gitarre.
Heute haben die Humoristen die Hauptrolle übernommen. Wir sehen sie, die sich nun Comedians nennen, immer und überall. Über breite Programmstrecken bieten die Privatsender Comedy-Monokultur; freitagabends und sonntagvormittags bei Sat.1 kann man sich vier Stunden, montagabends bei Pro Sieben fünf Stunden am Stück belustigen lassen. Wem das nicht reicht, dem bieten Spartenkanäle wie Comedy Central und Sat.1 Comedy Ulk rund um die Uhr. Der Fernsehschaffende, der im Jahr 2006 mehr Auftritte verbuchen konnte als jeder andere, ist nicht Johannes B. Kerner, sondern bezeichnenderweise ein Komiker: Stefan Raab.
Ein lachbereites Volk
Die Deutschen seien sehr lachbereit, ein gutgelauntes Volk, bestätigt die frühere Familientherapeutin und heutige Schillerstraßen-Gastgeberin Cordula Stratmann. Ihr Kollege Oliver Kalkofe erklärt den Siegeszug der Comedy damit, dass man erst einmal die Kriegsschuld verarbeiten musste. Ein banalerer Grund liegt in der Natur des Fernsehens: Die meisten Comedy-Programme können preiswert produziert werden, setzen auf Gags fern der Tagesaktualität und können folglich oft wiederholt werden. Am einfachsten ist es, dem Publikum ein abgefilmtes Bühnenprogramm vorzusetzen.
Wer meint, den Lachsalven ausweichen zu können, der täuscht sich: Längst haben die Komiker ihre angestammten Reviere verlassen. Raab hat mit Schlag den Raab die Familienshow wiederbelebt und Sportsendungen erfunden, die von den Öffentlich-Rechtlichen schamlos kopiert werden. Wigald Boning bringt uns in Clever die Wissenschaft näher, Jürgen von der Lippe in Was liest du? das gute Buch. Harald Schmidt präsentierte eine Opernübertragung und ein Politmagazin. Hape Kerkeling setzte sich mit einem Bericht über seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg für viele Monate an der Spitze der Bestsellerliste fest: der Komiker als gesellschaftliche Leitfigur. Gerade hat der Volkshochschulverband, bislang nicht als Heimstatt des Witzes bekannt, Kerkeling mit dem Grimme-Preis geehrt, den mit von der Lippe noch ein weiterer Humorarbeiter bekam. Comedians treten als Schauspieler im Kino, als Synchronsprecher und in der Werbung auf, und damit schon den Kleinsten deutscher Humor eingeflößt wird, gehören Dirk Bach und Anke Engelke zur Stammbesetzung der Sesamstraße. Selbst das gute alte Kabarett wird von der Spaßwelle mitgerissen und hat mit Neues aus der Anstalt ins ZDF zurückgefunden.
Irgendwann wird jemand lachen
In seiner Reihe Unsere Besten will das ZDF Ende des Monats Deutschlands größte Komiker küren. Zur Vorauswahl standen stolze 150 Namen: der beste Beweis, dass es sich hier um eine florierende Branche handelt. Mancher profitiert dabei vom Gewöhnungseffekt; je häufiger minderbegabte Clowns wie Oliver Pocher oder Elton auf dem Bildschirm auftauchen, desto größer ist die Chance, dass irgendwann einer lacht.
Die Elite macht sich rarer: Dittrich, Kerkeling, Pastewka, Schmidt, Ulmen, mit Abstrichen Anke Engelke und als Aufsteiger Christoph Maria Herbst haben Formate gefunden, die sie überzeugend ausfüllen; oftmals - wie Dittsche - in einer Nische. Auch originelle Neulinge wie Rainald Grebe oder Johann König scheinen fürs Massenpublikum ungeeignet. Die Gegenstrategie liefert eine Frau namens Janine Kunze, die vielleicht meistbeschäftigte Komikerin im deutschen Fernsehen. Regelmäßig tritt sie in vier Sendungen auf (Die dreisten Drei, Die Comedy-Falle, Hausmeister Krause, Deutschland ist schön) und unregelmäßig in vielen weiteren; meist folgt sie dem Stereotyp der vulgären Blondine.
Dicke Brille und Sprachfehler
Leider typisch für den deutschen Fernsehhumor ist auch der jüngste Neuzugang in der Primetime-Comedy: Er hat einen lustigen Namen (Paul Panzer, nicht zu verwechseln mit Bodo Bach oder Kurt Krömer), trägt eine lustige dicke Brille und Hosenträger überm lustigen Blümchenhemd, hat einen lustigen rheinischen Dialekt und einen lustigen Sprachfehler - und ist in seiner von Günther Jauch produzierten RTL-Show Paul Panzers 33 vor allem eines: nicht lustig. Panzers Quoten sind stark rückläufig. Sorgen machen müssen wir uns um ihn indes nicht: In irgendeiner Panel-Show wird er schon wieder auftauchen.
Das Fernsehen, das einen Narren an den Narren gefressen hat, lässt kaum einen Witzbold dem verdienten Vergessen anheimfallen; nur im Falle Ingo Appelts scheint es einigermaßen geklappt zu haben. Niels Ruf hingegen ist schon wieder da. Der einstige Viva-Schreck müht sich bei Sat.1 Comedy als pöbelndes Plagiat des frühen Harald Schmidt ab und schreckt selbst vor Schmidts ausrangierten Polenwitzen nicht zurück: ein lärmendes Trauerspiel.
Einen tragischen Fall von Selbstüberschätzung demonstrierte kürzlich John Friedmann, der jahrelang eine Hälfte von Erkan und Stefan gewesen war und nun aus seiner Erfolgsrolle ausbrechen möchte. Comedians, das werde in Deutschland oft vergessen, seien eigentlich Schauspieler, sagte Friedmann in einer Talkshow und nannte die Namen derer, in deren Nähe er sich sieht: Tom Hanks, Robin Williams und Robert DeNiro. Mehr Realitätssinn bewies in derselben Sendung das alte Humorschlachtross Dieter Hallervorden: Comedians seien letztlich nur Spaßmacher, die zu achtzig, neunzig Prozent sich selber spielten. Hallervorden muss wissen, wovon er spricht. Der Siebzigjährige tritt noch immer in der Comedy-Falle auf und versucht, als Rentner oder Priester verkleidet, arglose Mitmenschen zu narren - und sieht dabei doch stets zu achtzig, neunzig Prozent so aus wie Dieter Hallervorden.
Text: F.A.Z., 07.04.2007, Nr. 82 / Seite 37
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