17. Oktober 2008 Ich bin nur der Redakteur, sagt Eric Friedler, vielleicht ein wenig kokett, darum sitze ich gern in der dritten Reihe. Er ist bescheiden von Natur, wenn auch ein genuiner Ironiker - mit ausgeprägt rheinischem Gemüt und dezent kölschem Zungenschlag. In Wahrheit allerdings ist er Australier und kam 1971 in Sydney auf die Welt. Er gehört zu der NDR-Mannschaft, die den neuen Hamburger Tatort entwickelt hat - und den ersten Türken mit deutschem Pass als Kommissar undercover ermitteln lässt.
Bei der Pressepremiere des Pilotfilms, der am 26. Oktober läuft, sitzt Friedler in der ersten Reihe, neben der Fernsehspielchefin, dem Regisseur und dem Drehbuchautor. Schweigsam zwar, aber zweifellos genauso wichtig. Schon seiner engen Kontakte zu Polizeibehörden wegen, ohne deren Aufklärungsbereitschaft man die Arbeit verdeckter Ermittler kaum zum Thema eines Sonntagabend-Krimis hätte machen können. Das erfährt man in der Spielfilmabteilung des NDR mit vernehmlichem Respekt vor dem Kollegen.
Redakteur nur als Berufsbezeichnung
Am vergangenen Sonntag ist er für seinen Film Das Schweigen der Quandts mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet worden. Dafür und für die Kontinuität seiner Arbeit bekam er gestern auch den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. Unter den politischen Dokumentaristen in diesem Land ist Eric Friedler zweifellos einer der exzellentesten.
Redakteur ist er nur im Brotberuf. Journalist hat er gelernt: beim Aufbau in New York, später bei einer Reihe amerikanischer Blätter, kaum dass er seine ersten Sachen auf Englisch geschrieben hatte. Da war er gerade Mitte zwanzig und fand es in seinem Zimmerchen in Queens zu deutschen und internationalen Zeitungen weitaus näher als von Köln aus, wo er 1990 Abitur gemacht hatte.
Ein weltläufiger Journalist
Da weltläufige Rechercheure überall gesucht sind, wechselte er bald wieder den Kontinent und von den Printmedien zu Hörfunk und Fernsehen. Fortan belieferte er die Politmagazine der ARD mit Interviews und Reportagen. Als versatiler Reporter machte er rasch mit Qualitäten von sich reden, die im deutschen Quotenbetrieb nicht unbedingt karriereförderlich sind: politische Courage und beherzte Angriffslust, die bei Friedler als elegante Spielart von Wahrheitswut daherkommt. Sein Film über Das Schweigen der Quandts aus dem vergangenen Jahr ist dafür ebenso Beispiel wie die 2005 mit dem Axel-Springer-Preis ausgezeichnete Dokumentation Für Allah in den Tod.
So besessen dieser Reporter einem Thema zu verfallen scheint, so vergnüglich kann er von den Recherchen plaudern, sobald die Sache ausgestanden ist - oft freilich erst nach Jahr und Tag. Er hat sich ein detailgenaues Gedächtnis antrainiert. Dass ihm das Schreiben schwerfällt, wie er behauptet, mag man ihm nicht glauben. Mein Medium ist der Film, sagt er mit Nachdruck. Dass er für seine Filme immer plausible Bilder finden muss, scheint seinen Erzähldrang zu disziplinieren. Unerbittlich ist er mit sich selbst: Ich mache viel Arbeit, gesteht er. Dass das wie ein kategorischer Imperativ an die eigene Adresse klingt, weiß er.
Enzyklopädischer Eifer
Friedler liebt es, aus dem Vollen zu schöpfen - schon bei der Recherche. Sein Büro hat er augenscheinlich nach dem Zufallsprinzip mit Büchern, Zeitungen, Leitz-Ordnern, losen und fliegenden Blättern vollgestopft. Das dennoch nicht vollkommen ungeordnete Chaos erinnert an den manischen Sammeleifer eines Enzyklopädisten - angeschaut, gelesen und verarbeitet, was für die nächste Geschichte eine Rolle spielen könnte.
Die Zeit, die er dazu braucht, hat er als freier Filmemacher immer bei sich selbst eingefordert. Seit 2002 ist er Redakteur beim NDR: Zunächst für Dokumentation und Reportage, arbeitet er seit einem Jahr in der Abteilung Fernsehfilm, Spielfilm und Theater. Besondere Projekte, etwa ein Episodenfilm, den Friedler mit Doris J. Heinze und zwölf Regisseuren unter dem Titel Deutschland 09 vorbereitet, laufen zusätzlich parallel. Für sein herausragendes, nach der Erstsendung im Oktober 2007 sechs Wochen später noch einmal in einer anderthalbstündigen Langfassung ausgestrahltes Opus magnum über die Quandt-Familie hat Friedler fünf Jahre recherchiert, für den Dokumentarfilm über die jüdischen Sonderkommandos im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (Sklaven der Gaskammer, 2001) drei Jahre - in denen er nach Polen, Italien, Israel und in die Vereinigten Staaten reiste und die wenigen Überlebenden befragte.
Wie gelangt man in den Kreml?
Wie er für seine abendfüllende Quandt-Dokumentation zum Beispiel die Schwester von Magda Quandt und also spätere Schwägerin von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels aufgetrieben hat, die unter ihrem Mädchennamen im Altersheim lebt? Da lächelt er, schweigt freundlich, murmelt ein nichtssagendes Wörtchen, das sich wie Telefonbuch anhört, und nimmt ungerührt den Erzählfaden an anderer Stelle wieder auf.
Am Roten Platz in Moskau zum Beispiel. Wie verschafft man sich Eintritt in den Kreml? Friedler und sein Team waren vor drei Jahren die Ersten, die hineindurften: tief in die Kellergewölbe hinunter und mit einer an Drahtseilen schwebenden Kamera über den Roten Platz, das Lenin-Mausoleum und die benachbarten Kirchen und Paläste hinweg. Wie es drinnen im Kreml aussieht, ging augenscheinlich keinen Russen etwas an. Die marode Elektrik stammt noch aus der Zarenzeit, der renovierte Schaltraum aus den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir stehen hier, weil wir stehen müssen, äußert ein Wachsoldat lakonisch. Ein Riesenkerl, der sich privilegiert fühlt, weil er nie in irgendeinen Krieg ziehen muss, und sich dafür gern mit einem symbolischen Sold, viel Eintopf und noch mehr Brot zufriedengibt.
Spektakuläre Einsätze
Mit der aktuellen Tagespolitik hat das scheinbar wenig zu tun. Doch nicht selten erscheinen unvermittelt Bilder auf dem Schirm und hat das Mikro Sätze aufgefangen, die den Kommentar im Plauderton beisteuern: Unser Land hat momentan viele Schwierigkeiten. Wir fragen uns manchmal, wie lange wir noch so ein Leben ertragen müssen. Eine Putzfrau spricht das, im Dokumentarfilm über den Kreml. Der Film ist auch im Hauptabendprogramm der BBC gelaufen. Wie der große Eberhard Fechner lässt Eric Friedler vor allem die Menschen zu Wort kommen: unaufdringlich und beiläufig.
Einige Male, bei Filmen über Genitalverstümmelungen in Deutschland etwa oder über den Verkauf akademischer Titel, hat Friedler mit versteckter Kamera gearbeitet, weil anders nicht zu recherchieren war. Die Prozesse deswegen hat er mühelos gewonnen. Spektakulär war Friedlers Einsatz in dem Hochsicherheitsgefängnis von Ashkelon im Süden Israels. Wie dringt man mit der Kamera zu einem inhaftierten Terroristen vor? Die Zeitungen haben es als journalistische Sensation bezeichnet: dass es dem Filmemacher Eric Friedler gelang, mit dem ersten potentiellen deutschen Selbstmordattentäter der Hizbullah zu sprechen. Nicht wenige Filme Friedlers wurden wie dieser tagesaktuelle Klassiker.
Manche Filme holen ihn ein. Sie liegen Jahre zurück, haben aber an Aktualität nichts eingebüßt: der über Kinderarmut in Deutschland oder der über die lebensbedrohende Zyanidvergiftung in Rumänien. Leise und nachdenklich wird Eric Friedler, wenn man ihn darauf anspricht. Und ein wenig traurig.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jesco Denzel