Von Peer Schader
07. April 2008 Am Hintereingang des Studios A in Berlin-Adlershof steht eine ältere Dame im Regen und wartet darauf, dass sich jemand nach draußen verirrt. In der Hand hält sie eine Plastikhülle mit bekritzelten Karten und einen Zettel, auf dem steht, welche Autogramme ihr noch fehlen, um sie mit anderen Fans zu tauschen. Ob man die mal rausbitten könne, wenn man ihnen über den Weg laufe, fragt sie. Aber dafür müsste man die Herausgewünschten erst mal kennen. Zuschicken lassen will sie sich die Autogramme lieber nicht: Manchmal klaut die Post die Rückumschläge. Und sich selbst drinnen umsehen? Ich will nicht stören, sagt sie und bleibt geduldig im Regen stehen. Die höflichste Autogrammjägerin der Welt.
Im Studio ist gerade die Generalprobe zu Ende, die Künstler sammeln sich in der improvisierten Kantine, essen Würstchen mit Kartoffelsalat und trinken Kaffee aus Pappbechern. Auf der anderen Seite wird bereits das Publikum hereingebeten. In zwanzig Minuten beginnt die Aufzeichnung des Kahns der guten Laune, der MDR-Musiksendung mit Achim Mentzel, einem untersetzten kleinen Mann mit lockigem Haar und Schnauzbart, von dem mancher behaupten würde, er verkörpere das ganze Übel der volkstümlichen Fernsehunterhaltung: eine aufdringliche Gutgelauntheit, die Bereitschaft, auch vor simpelsten Gags nicht zurückzuschrecken, und die Bedenkenlosigkeit, einen Volksmusikbarden nach dem andern vor die Kamera zu winken. Mentzels Job ist es, auf die Pauke zu hauen: Das Publikum musst du immer unter Druck halten!
Machen Sie ruhig mit
Die Kulisse des Kahns der guten Laune soll an ein Schiff erinnern, Mentzel tritt in Kapitänsuniform vor die 250 Zuschauer und ruft: Habt ihr gute Laune? - Aye, aye, Käpt'n Mentzel. Und der Moderator brüllt zurück: Volle Stimmung voraus! Dann treten die Geschwister Hofmann auf und singen Herzbeben, Markus Becker hat seinen Partyhit Das rote Pferd mitgebracht, und die Isartaler Hexen bedienen E-Gitarren zu einem Playback, in dem keine einzige Gitarre zu hören ist. Da wippt sogar der Mann vom Brandschutz am Studioausgang mit.
Mentzel wird ausgelacht für das, was er macht, jedenfalls von denen, die mit seiner Art und seiner Musik nichts anfangen können. In Kalkofes Mattscheibe wurde er jahrelang dauerparodiert. Was beim Volke ankommt, wird immer kritisiert, sagt er. Und dass er sich daran gewöhnt hat. Das wäre doch schlimm, wenn ich mir das alles zu Herzen nehmen würde. Mentzel nimmt seinen Job sehr ernst: hinter den Kulissen tigert er auf und ab, lernt seinen Text für den Auftritt auswendig, und als er nachher gleich dreimal dieselbe Stelle versemmelt, ist der Einzige, der ihm das sichtlich übelnimmt, er selbst.
Von seinem Publikum wird er gefeiert. Säle, Einkaufsmärkte, Möbelhäuser - ich geh' da hin, wo sie den Achim hinholen, wo Musike gemacht wird, spricht Mentzel über sich in der dritten Person. Und macht während des Gesprächs in der Pause einen ziemlich erledigten Eindruck. Am Tisch in der Kantine entrüstet sich ein Chorsänger aus Norddeutschland über den Journalisten: Die Fragen, die Sie gestellt haben: Das hört sich ja alles so an, als sei das scheiße, was er macht! Mentzel beschwichtigt. Er kennt das ja.
Mit Häme verkauft sich ein Artikel immer besser
Aber so ist das eben: Wenig andere Sendungen im deutschen Fernsehen stoßen bei Kritikern auf so viel Missfallen wie die, in denen geschunkelt, gebusselt und gekuschelt wird. Die Quoten sind hoch, das Niveau ist es eher nicht, aber die Sendungen erreichen zielgenau ihr Publikum, sie schaffen das, von dem eigentlich alle Sender träumen. Und doch hat man den Eindruck, die Volksmusik- und Schlagersendungen seien für den Niedergang des Fernsehens quasi allein verantwortlich. Gerichtsshows sind primitiv, Call-in-Sendungen nerven, aber Volksmusik macht uns das Programm kaputt. Die ganze künstlich hergestellte Fröhlichkeit wirkt bedrohlich. Ihr Erfolg beim ekstatisch klatschenden Publikum erst recht.
Michael Jürgens ist Autor der vom MDR produzierten Feste der Volksmusik im Ersten und Manager von Moderator Florian Silbereisen. Er kann viele Geschichten von Journalisten erzählen, die zu ihm kommen, die üblichen Klischees auflisten und dabei zugeben, die Sendungen, über die sie sich lustig machen, noch nie gesehen zu haben: Mit Häme verkauft sich ein Artikel immer besser. Dass das Fernsehen mit Volksmusik überschwemmt werde, sei Quatsch, sagt der 40-Jährige. Es gibt bei ARD und ZDF vielleicht zwanzig große Abendshows im Jahr - so viele Krimiserien laufen ja an einem Tag.
Seit 14 Jahren schreibt Jürgens die Bücher für Silbereisens Show, die früher von Carmen Nebel moderiert wurde, bis das ZDF sie 2003 wegkaufte. Mit Volksmusik habe er vorher nie was zu tun gehabt, erklärt Jürgens, und dass er lieber eine Unterhaltungsshow mit Musik machen wolle, die an die Familienshows aus den 60er und 70er Jahren erinnere und nicht an Schunkelwettbewerbe. Holzbänke und Almkulisse sind tabu, und der Moderator tritt auch nicht in Lederhosen auf. Am Anfang hat das ziemlichen Ärger gegeben: Zuschauer schickten massig Beschwerdebriefe, wütend darüber, dass einfach so Volksmusik, Schlager und Musical vermischt wurden und dann auch noch mit Spielen und Promi-Überraschungen versetzt. Es gab Zweifel am Konzept, an der Machart, an allem. Winterfest? Das sei ein Autoreifen, hat ihm mal einer bei der ARD gesagt, aber doch kein Titel für eine Sendung.
Werden Sie ruhig alt
Heute gehören die Feste der Volksmusik fünfmal im Jahr zu den erfolgreichsten Samstagabendshows der ARD. Im vergangenen Jahr haben durchschnittlich mehr als sechs Millionen Menschen zugesehen. Der Marktanteil bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern liegt bestenfalls bei fünf Prozent, bei den über 65-Jährigen bei bis zu fünfzig Prozent. Eine Überraschung ist das nicht. Und auch keine Dauerlösung.
Überraschend ist eher, wie aufwendig die dreistündigen Liveshows sind und wie viel Mühe zum Detail man sich hier noch macht. Fünfzig Meter ist die Bühne in der Magdeburger Bördelandhalle breit, wo Anfang Februar die erste Sendung des Jahres vorbereitet wird: eine kitschig winterliche Kulisse mit Holzhütte und Skischanze, von der in der Sendung ein paar wagemutige Skispringer runtersausen sollen. Eine Woche sind 150 Leute mit den Vorbereitungen beschäftigt. Kinder im Vogelkostüm flattern durch die Proben, ganze Reihen von laufenden Schneemännern tapsen durch die Halle wie in einer Disney-Film-Parodie, Katalogschönheiten tanzen gutgelaunt in Skimontur, dahinter spielt die Liveband für Tony Marshall, der seinen Auftritt mit My Way probt. Die Geschwister Hofmann sind auch da. Und der Kölner Stimmungsband De Höhner sieht man noch ein bisschen den Stress vom gerade zu Ende gegangenen Karneval an. Jede Kamerabewegung wird vorher sekundengenau festgelegt.
Nachts kann man sich konzentrieren
Als Jürgens am Abend des letzten Probentages noch mal runter in die Halle geht, hat er schlechte Nachrichten. Der Florian hat sich bei den Proben zu dem Stunt, bei dem er mit einem Motorrad durch einen Feuerreifen springen wollte, in der Halle nebenan das Bein gebrochen. Die ganze Sendung muss umgeplant werden. Aber 24 Stunden später steht Silbereisen mit einem geschienten Bein doch noch auf der Bühne. Bloß nicht das Publikum enttäuschen. Das kann man professionell nennen oder zwanghaft, zum Beispiel wenn Jürgens erzählt, wie er nachts die Sendungen schreibt, weil sonst so viel zu tun ist, und sein 26-jähriger Star die Texte auswendig lernt: Nachts kann man sich konzentrieren. Zwischen den Sendungen geht das Fest der Volksmusik als Bühnenprogramm auf Tour durch den Osten. Natürlich mit Silbereisen als Moderator. Pausen? Gibt es keine.
Hat Jürgens keine Bedenken, dass ihm irgendwann die Zuschauer abhandenkommen, wenn die Jungen nicht einschalten? Nein, sagt er: Mir macht das keine Sorgen. Die jungen Leute von heute sind unser Publikum von morgen, hat mir der MDR-Unterhaltungschef Udo Foht mal gesagt. Ich hab' das auch erst nicht geglaubt. Aber inzwischen sehe ich das ja an meinem Bekanntenkreis: Es ist ein Entwicklungsprozess.
Bleiben Sie uns treu
In der Werner-Aßmann-Halle in Eisenach stehen Nicole und Juliane Werding bereit, und Harpo ist aus Schweden eingeflogen worden, um noch mal die Lippen zu Movie Star zu bewegen, seinem Hit aus dem Jahr 1976, der beim Eisenacher Publikum immer noch einer ist. Musik für Sie heißt die Show, für die der MDR viermal im Jahr Mehrzweckhallen im Sendegebiet bereist - keine reine Volksmusiksendung, Platz ist auch für Schlager und Oldies. Wer eingeladen wird, dürfen die Bewohner der jeweiligen Stadt bestimmen. Es ist natürlich das meiste abgesprochen, wenn Moderatorin Uta Bresan fragt: Darf ich Ihnen vielleicht einen Musikwunsch erfüllen? - und Herr Pape vom Forstamt oder der Oldtimer-Besitzer Herr Peter dann so tun sollen, als würde ihnen spontan der Künstler einfallen, der auf der Bühne dahinter schon auf seinen Auftritt wartet. Aber das stört die Zuschauer nicht.
Die Stars sind seit Jahren immer dieselben. Nachwuchs gibt es nur selten - es sei denn, man zählt Stefanie Hertel noch dazu, die mal Kinderstar war und jetzt Stärker als die Freiheit kann die Liebe sein singt oder Über jedes Bacherl führt a Brückerl. Am besten verkaufen sich eben die bekannten Gesichter, sagt auch Achim Mentzel: Sonst gucken die Leute doch lieber den Jauch bei RTL.
In Eisenach wird die 55. Sendung Musik für Sie aufgezeichnet. Zwischen den Playback-Auftritten laufen Einspieler, in denen Bresan die Region vorstellt: die Drachenschlucht im Thüringer Wald, das neue Aquaplex-Schwimmbad (der ganze Stolz der Eisenacher), das Johann-Sebastian-Bach-Haus und natürlich die Wartburg - eine bessere Touristikwerbung kann sich kein Bürgermeister wünschen. Eisenach ist immer eine Reise wert, sagt Bresan zum Schluss, und zum Publikum: Bleiben Sie uns treu! Wir machen Fernsehen für Sie! Nächstes Jahr geht auch Musik für Sie auf Tour durch den Osten, und auf den Plakaten werden wieder die bekannten Namen stehen. Draußen im Regen warten wahrscheinlich wieder ein paar freundliche Autogrammjäger, die sich nicht trauen, reinzukommen. Es will ja keiner stören.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, dpa
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