
Immerhin, es war ein Jubiläum, und die bayerische Fahne im Hintergrund deutete auch an, dass die Sendung einen Inhalt haben sollte.
24. September 2008 Damit eines schon mal klar ist: Die CSU wird die bayerische Landtagswahl am kommenden Sonntag verlieren. Die Zeit ihrer absoluten Mehrheit und Macht ist vorbei. Wobei man sagen muss, dass sie verlieren wird im bayerischen Sinne, also die Fünfzig-Prozent-Hürde verfehlen. Nicht fünfzig plus, sondern minus werde es am Wahlabend für Günter Beckstein und die Seinen heißen.
Darin waren sich die Gäste der Jubiläumssendung von Sandra Maischberger einig, als da waren: Katja Ebstein, die Sängerin, die aus Berlin kommt, aber in Bayern lebt; Fritz Wepper, der urbayerische Schauspieler, der schon seit sechzig Jahren aufs Oktoberfest geht und vielleicht FDP wählt (oder etwa die Grünen?); Konstantin Wecker, der ebenso urbayrische, aber linke Liedermacher, der den CSU-Ministerpräsidenten Beckstein persönlich sehr sympathisch findet; Helmut Markwort, der aus Hessen stammt, und nicht nur in München lebt und für Burda arbeitet, sondern auch beim FC Bayern im Aufsichtsrat sitzt und schließlich Werner Schneyder, der Kabarettist aus Österreich, der auf den Münchner und anderen bayerischen Bühnen spielte und am Sonntag in seiner Heimat auch die Qual der Wahl hat, und tatsächlich noch nicht weiß, welcher Partei er seine Stimme geben soll.
Libertas Bavariae und Oktoberfest
Um die CSU ging es in dieser Talkshow zwar immer wieder einmal, aber gottlob nicht die ganze Zeit über. Um Becksteins zwei Maß Bier ging es natürlich, um das Dirndl, das Frau Beckstein auch auf dem Oktoberfest nicht trägt, um Franz Josef Strauß, um Edmund Stoiber, um Wackersdorf, um Arbeitslose, um das schöne Oberbayern, um die Franken, um die Linkspartei, um Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder, um Kurt Beck und Frank-Walter Steinmeier, um die Libertas Bavariae, um die Kulturförderung, um den Zusammenbruch des Finanzmarkts, um den Kapitalismus, um die Bayerische Landesbank, um die schönen Künste und um Krieg und Frieden, Hunger und Not und Ausbeutung.
Falls jemanden diese Synopsis verwirren sollte, darf man zur Beruhigung sagen: Das ist bei Sandra Maischberger immer so. Man kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen und ein Kleinholz reiht sich an das nächste. Da Maischbergers Gäste dies an diesem Dienstag in freundlichem Ton, Verbundenheit auch über weltanschauliche Gräben hinweg und mit netten privaten Rückblicksanekdoten taten, war es sogar ganz unterhaltsam. Niemand provozierte, niemand schrie, niemand wollte recht behalten. Dafür fasste beinahe jeder beim Sprechen den Nebenmann an, mit einem brüderlichen Griff an den Unterarm (Schneyder bei Markwort) oder einem leichten Streicheln (Ebstein bei Markwort, der saß in einer zentralen Position) zum Beispiel.
Weisheit des Alters
Aus den Fünfen sprach eben ganz die Weisheit des Alters, die in dieser Talkshow ein Argument an und für sich ist. Die Menschen bei Maischberger dürfen nämlich - das würden wir für 196 der nun 200 Sendungen in fünf Jahren einmal frei geschätzt einfach behaupten - nicht jünger als Ende fünfzig sein, sonst werden sie nicht eingeladen. Helmut Schmidt mit seinen bald neunzig fällt hier nicht weiter auf, Jopi Heesters würde den Schnitt ein bisschen heben, Angela Merkel wäre vielleicht so gerade noch denkbar.
Mit deren Wahlsieg bei den Bundestagwahlen rechnet die Sängerin Katja Ebstein offenbar recht fest, auch wenn sie selbst sich im roten Lager verortet und ihre Sympathie für Oskar Lafontaine sogar so weit geht zu meinen, dass bei der einen oder anderen Berichterstattung (zum Beispiel bei der über den armen Kurt Beck) ein strenges Pressegesetz, wie Oskar Lafontaine es als Ministerpräsident des Saarlandes einst sogleich erließ, gar nicht schaden könne. Was auf Helmut Markwort gemünzt, aber nicht ihm und seiner Publikation gewidmet und auch nicht wirklich ernst gemeint war. (Da kam gleich das Armfassen zum Einsatz.)
Sieht Markwort heute besser aus als 1970?
Nicht wirklich ernst gemeint war an dieser Sendung eigentlich alles, die fünfundsiebzig Minuten bis Mitternacht waren schnell verplaudert, zwischendurch hielt Sandra Maischberger ein paar auf Karton gezogene Fotos hoch, die Werner Schneyder bei einem Gast-Auftritt bei der Linkspartei, Katja Ebstein mit Willy Brandt, Konstantin Wecker mit Petra Kelly und Helmut Markwort als Landtagskandidat der FDP im Jahr 1970 zeigten. Da sehen Sie heute besser aus, sagte Konstantin Wecker mit Blick auf das kleine Bildchen eines Helmut Markwort mit angedeuteten Kotletten. Und damit hatte Wecker recht. Tja, so schön, schön war die Zeit.
Das Politische war an diesem Abend sehr privat. Fritz Wepper ist Franz Josef Strauß begegnet, Katja Ebstein sah in Willy Brandt ihren politischen Lehrer, Werner Schneyder hat Brandt auf der Beerdigung von Bruno Kreisky die Hand geschüttelt - ein kleiner Moment für die Menschheit, ein großer für den Kabarettisten. Und Helmut Markwort (Es wird keinen Linksruck geben in Bayern) kennt die Großen ohnehin alle, nur scheint er sich nicht so leicht wie die Künstler um ihn herum von Äußerlichkeiten leiten zu lassen, hörten wir doch aus deren Mündern ein um das andere Mal, wie sympathisch und irgendwie glaubwürdig dieser oder jener Politiker sei.
Ein großes Nichts
Es war also alles wie immer bei Maischberger: ein großes Nichts, aber doch unterhaltsam. Im Ersten führt montags Reinhold Beckmann Gespräche, Frank Plasberg organisiert mittwochs eine Debatte, Anne Will dirigiert sonntags die Kakophonie und dienstags bei Sandra Maischberger - wird geplaudert. Ob das am Ende typisch bayerisch ist, wonach in der Sendung schließlich gefragt werden sollte? Schließlich hat Sandra Maischberger einmal beim Bayerischen Rundfunk angefangen und ihr Talktalent live aus dem Schlachthof entwickelt. Auch die befragten Passanten, deren Sätze Maischberger zwischendurch einspielte, wussten es nicht so recht: Was können die Bayern denn besonders gut und besser als andere? Bayerisch, zum Beispiel. Und Selbstbewusstsein, wenn nicht Selbstzufriedenheit ausstrahlen. (Fußballspielen ja nicht, wie wir seit dem 2 zu 5 gegen die Bremer wissen.)
Wie sagte Fritz Wepper zum Schluss, Karl Valentin zitierend: Die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie einmal war. Um die Zukunft Bayerns und der Bayern müssen wir uns wohl keine Sorgen machen. Und um die von Sandra Maischberger im Ersten wahrscheinlich auch nicht.
Bildmaterial: dpa