Drehbuchstreik

Was Komiker wert sind, zeigt sich jetzt

Von Nina Rehfeld, Phoenix

Solidarisch mit den Streikenden: Ben Stiller

Solidarisch mit den Streikenden: Ben Stiller

21. November 2007 Die Show geht also weiter - möglicherweise. Der amerikanische Produzentenverband AMPTP und die streikende Autorenvereinigung WGA haben für den kommenden Montag angekündigt, die Verhandlungen wiederaufzunehmen. Die Initiative ging offenbar von den Produzenten aus, die ihre Vorbedingung, der Streik müsse ausgesetzt werden, fallenließen.

Amerikas Fernsehzuschauer dürfen nun hoffen, über die Weihnachtsfeiertage nicht mit Wiederholungen und improvisierten Witzen zu Tode gelangweilt zu werden. Die Streikenden verlangen, an der Nutzung ihrer Werke über neue, digitale Plattformen beteiligt zu werden, die Unterhaltungskonzerne lehnen dies mit Hinweis auf einen noch unkartierten Markt ab. Beobachter hatten angesichts der festgefahrenen Lage einen Streik bis zum Sommer befürchtet. Der rasch wachsende Druck auf beiden Seiten hat aber offenbar das Bedürfnis nach einem Kompromiss verstärkt.

Erstaunlich geschlossene Front

Die Autoren streiken seit dem 5. November in erstaunlich geschlossener Front. Zahlreiche Fernsehsendungen mussten die Produktion unterbrechen. Amerikas Late-Night-Talker wie Jay Leno, David Letterman oder Jon Stewart sind seit zwei Wochen nur noch in Wiederholungen zu sehen, nach und nach haben auch die beliebtesten Fernsehserien die Dreharbeiten eingestellt. Publikumsrenner wie „Desperate Housewives“, „Grey's Anatomy“ oder „Ugly Betty“ haben nur noch drei oder vier Episoden auf Lager, bevor auch sie in die Wiederholungsschleife rutschen.

Mittlerweile melden auch erste Kinoproduktionen Streikschäden: Sony hat angekündigt, dass die Produktion der „Da Vinci Code“- Fortsetzung „Angels and Demons“ mit Tom Hanks verschoben wird, der Spionagethriller „Edwin A. Salt“ mit Tom Cruise liegt auf Eis, nachdem der Regisseur Michael Mann eine Überarbeitung des Drehbuchs verlangt hat, und Oliver Stone hat den Drehbeginn seiner Verfilmung des My-Lai-Massakers Anfang Dezember in Thailand abgesagt.

Ein weiterer Schlag

Kinoproduktionen waren bisher von dem Autorenstreik am wenigsten betroffen. In der Unterhaltungsindustrie hatte man den jetzigen Ausstand, den ersten der Drehbuchautoren seit zwanzig Jahren, kommen sehen. Viele Filmstudios haben daher schon früh ihre Produktionspläne gestrafft. Das Fernsehen aber ist weniger flexibel - Talkshow-Monologe werden tagesaktuell geschrieben, Seriendrehbücher reichen stets nur einige Wochen.

Für die Fernseh-Networks, die in vergangenen Frühjahr einen massiven Zuschauerschwund verzeichneten, ist der Streik ein weiterer Schlag - mit der Ironie freilich, dass gerade die zunehmende und allgegenwärtige Verfügbarkeit digitaler Plattformen die Bindung ans Programmfernsehen entscheidend geschwächt hat. Und wo sich die Zuschauer schon mit hochklassigen Produktionen immer schwerer vor die Mattscheibe locken lassen, was die Werbepreise empfindlich drückt, sind zwei Wochen nach Streikbeginn nur noch Wiederholungen und schwächelnde, beim Publikum bereits durchgefallene Serien im Angebot - ein unerwartetes Comeback für die Flops der Saison.

Nukleare Lösung des Konflikts

Hinzu kommt, dass Umfragen zufolge die meisten Amerikaner auf Seiten der Streikenden stehen, was nicht zuletzt daran liegen mag, dass die Autoren das Internet mit viel Sinn für Ironie zu ihrem PR-Vorteil nutzen. So veröffentlichte der Comedy-Autor Ken Levine online das Skript einer „Simpsons“-Parodie auf den Autorenstreik, in der Homers Boss Mr. Burns eine nukleare Lösung des Konflikts fordert. Autoren von Jon Stewarts „Daily Show“ veröffentlichten auf Youtube ihre eigene Guerrilla-Show aus den Streik-Reihen, in der sie die Argumentation des Produzentenverbands satirisch demontieren. Und Blogger wie Nikki Finke bei DeadlineHollywoodDaily.com sowie verschiedene Hollywood-Insider bei HuffingtonPost.com verbreiten stündlich pikante Infos, zum Beispiel die „Force Majeure“- Schreiben, mit denen die Studios ihren Mitarbeitern mitteilen, dass ihre Verträge ausgesetzt sind.

Und schließlich verbessern Meldungen wie jene, der zufolge NBC die Internet-Serie „Quarterlife“ gekauft hat, die Glaubwürdigkeit der Studios ebenso wenig wie die Äußerung des ehemaligen Disney-Chefs Michael Eisner, der Streik sei „unsinnig“, weil die Online-Vermarktung von Unterhaltung momentan keinen Profit bringe - Eisner selbst hat im März ein Online-Videoportal namens „Vuguru“ ins Leben gerufen.

Die Nerven liegen blank

Nach drei Wochen Streik liegen langsam aber auch die Nerven der Autoren blank. Denn ihr Ausstand nimmt auch allen anderen Mitarbeitern der Fernsehshows Lohn und Brot. Um dies abzumildern, inszeniert die Crew von „Saturday Night Live“ inzwischen Live-Shows in einem New Yorker Theater, um Geld für die unschuldig betroffenen Angestellten zu sammeln. David Lettermans Produktionsfirma „Worldwide Pants“ garantierte ihren Mitarbeitern Lohnfortzahlung bis zum Jahresende. Andere machen auf eigene Faust weiter: Der Schauspieler Jim Belushi schreibt für seine Sitcom „According to Jim“ als Produzent inzwischen selbst. Und auch Ellen de Generes entschloss sich, sehr zum Ärger der Streikenden, ihre Sendung „Ellen“ fortzusetzen, auch wenn sie als Autorin, die ihre Texte selbst vorträgt, von den Streikregeln der WGA ausgenommen ist. Mutig ist das auf jeden Fall, nicht zuletzt, weil sich die Entertainer dem Lackmustest stellen: Tragen sie auch ohne die Kohorten geistreicher Witzeschreiber eine ganze Show?

Aufschluss könnte, wenn sich Autoren und Produzenten nicht einigen, die Gala-Saison geben, die am 13. Januar mit der Verleihung der Golden Globes ihren Auftakt nimmt, es folgen am 10. Februar die Emmys, am 24. Februar werden die Oscars vergeben. Wenn Jimmy Kimmels Auftritt bei den American Music Awards am Sonntag ein Indikator war, könnte ein reichlich uninspirierter Preisverleihungsreigen das Fernsehen weitere Zuschauer kosten. Kimmel, der ohne Gagschreiber auskommen musste, zog prominente Gäste zu einer peinlichen Tanznummer auf die Bühne und glänzte während der Show vor allem durch lange Abwesenheit. Ein Leser der „New York Times“ schrieb, so zeige sich „nun die wahre Qualität der Komiker“.

Text: F.A.Z., 21.11.2007, Nr. 271 / Seite 42
Bildmaterial: AFP

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