Von Nina Rehfeld, Phoenix

Ratlosigkeit bei Tom Hanks: Die Fortsetzung von "Da Vinci Code" geht zur Zeit wegen der Streiks nicht weiter
02. Dezember 2007 Die Autoren haben das Angebot der Produzentenvereinigung abgelehnt, oder?, fragte Tom Hanks am vergangenen Donnerstag auf einer Pressekonferenz zu seinem neuen Film Charlie Wilson's War und warf einen Seitenblick auf seine Public-Relations-Leute. Die zuckten bloß mit den Schultern, woraufhin Hanks nachzog: Niemand weiß etwas. Hanks ist als einer der ersten Schauspieler von den Auswirkungen des Autorenstreiks in Hollywood direkt betroffen: Seine Da Vinci Code-Fortsetzung Angels and Demons wurde wegen halbfertiger Drehbücher in der vergangenen Woche auf Eis gelegt. In der Fernsehlandschaft sind seit dem Beginn des Ausstandes am 5. November bereits zahlreiche Produktionen zum Erliegen gekommen.
Die Ratlosigkeit sogar vermeintlicher Insider wie Tom Hanks geht auf eine Informationssperre zurück, welche die Parteien über die Verhandlungen zum Autorenstreik verhängt hatten, nachdem wütende Autoren in Internet-Blogs pikante Dokumente veröffentlicht und in frechen Video-Persiflagen den Produzentenverband AMTPT der Lächerlichkeit preisgegeben hatten. Das eiserne Schweigen gebar erwartungsgemäß haltlose Spekulationen, die eine knapp bevorstehende Einigung ebenso heraufbeschworen wie eine unabsehbare Dauer des Ausstandes. Doch am Freitag wurde deutlich, dass aus der von den Parteien liebevoll so genannten neuen wirtschaftlichen Partnerschaft erst einmal nichts wird: Die Autorengewerkschaft hat abgelehnt.
Erster Riss im Damm
Das Angebot hätte den Autoren Mehreinnahmen von rund 130 Millionen Dollar pro Jahr gebracht. Was nicht wenig sei, auch wenn das Wiederholunghonorar einer einstündigen Sendung im Internet gerade mal 250 Dollar sind - im Fernsehen selbst könne das bis zu 20.000 Dollar sein. Eine neue Verhandlungsrunde ist für Dienstag anberaumt.
Während Stars wie Tom Hanks die Sache in Ruhe abwarten können, steht für viele, die hinter den Kulissen wirken, die Existenz auf dem Spiel. Am Freitag schickte NBC die Mitarbeiter von Jay Lenos Tonight Show und Conan O'Briens Late Night nach Hause - ohne Aussicht auf Wiedereinstellung nach dem Ende des Streiks. Wie hoch der Druck inzwischen ist, zeigt auch die heftig kritisierte Entscheidung des Late-Night-Talkers Carson Daly aus der vergangenen Woche, die Produktion seiner Show Last Call wiederaufzunehmen. Zwar ist der Mann kein Mitglied der Autorengewerkschaft und bestreitet seine Show im Augenblick ohne Hilfe von Autoren, doch wird sein Schritt von einigen als erster Riss im Damm betrachtet.
Internet füllt die Lücken
Dass ausgerechnet NBC nun erste Mitarbeiter entlässt, gibt der Entrüstung über eine andere Meldung aus der vergangenen Woche erneut Feuer. Während die Produzenten die Forderungen der Autoren ablehnten, weil das Internetgeschäft noch viel zu wenig profitabel sei, sickerte durch, dass NBC sich die Rechte an einer Internetserie namens Quarterlife gesichert hat. Die Entwicklung ist vor dem Hintergrund des Streiks nicht ohne Ironie: Vor drei Jahren waren die renommierten Filmemacher Marshall Herskowitz und Ed Zwick (Thirtysomethings, Blood Diamond) mit einem Pilotfilm über das Leben von sechs jungen Leuten aus der digitalen Generation beim Sender ABC abgeblitzt. Dort hatte man mit Lost und Desperate Housewives soeben auf zwei andere Formate gesetzt. Herskowitz und Zwick konfektionierten die Serie daraufhin mit acht Minuten langen Episoden für eine eigene Internet-Plattform namens Quarterlife.com. Und nun kommt die Serie doch noch ins Fernsehen: Während die Autoren um ihre Rechte im Internet kämpfen, besetzt das Internet ihre Plätze im Fernsehen - was für eine Ironie.
Quarterlife ist ein kluges Identifikationsstück für die Myspace-Generation, wenn auch um einiges erwachsener und intelligenter als die verspielten Selbstdarsteller-Projekte der Social-Network-Webseiten. Dylan (Bitsie Tulloch), eine angehende Autorin, setzt ihrem frustrierenden Job als Redaktionsassistentin einen Videoblog über das Berufs- und Beziehungsleben ihrer fünf Freunde entgegen, die als angehende Digitalfilmer, Schauspieler und Fotografen ihre Zukunft ausloten. Jed verzweifelt an seiner heimlichen Liebe zu Debra, der Freundin seines Kumpels Danny, mit dem er Werbeclips für einen Autokonzern zu drehen hofft. Lisa schläft mit Männern vor allem um der Selbstbestätigung Willen und kommt auch in der Schauspielerei nicht weiter, und Andy steht als Computerfreak lieber am Rand.
Gelegenheit zur Befreiung
Die Web-Serie wurde im Internet zum Hit, und die Ankündigung von NBC, die Serie von Februar an zunächst als Sechsteiler auszustrahlen, beschert uns eine Premiere in der komplizierten Beziehung zwischen Fernsehen und Internet. Die Autorengemeinde schnappt nach Luft und schießt sich auf Herskowitz und Zwick ein. Denn mit ihnen treten immerhin zwei arrivierte Filmemacher, beide Mitglieder der Autorengwerkschaft, auf den Plan, die den Networks über den Umweg Internet Qualitätsfernsehen verkaufen, während die Autoren ihre Unersetzbarkeit zu demonstrieren suchen. In einer scharfen Replik auf die Vorwürfe seiner Kritiker zeichnete Herskowitz auf DeadlineHollywood.com ein etwas weiter gefasstes Bild. Darin ist das Internet nicht umstrittenes Tantiemen-Territorium, sondern biete im Gegenteil den Autoren Gelegenheit zur Befreiung aus der Knechtschaft der Unterhaltungskonzerne.
Wir sind eine unabhängige Produktionsfirma im Fernsehen - eine ausgestorbene Spezies, wiederbelebt, schreibt Herskowitz. Die Bedeutung der Tatsache, dass wir unabhängige Verträge mit der WGA verhandeln können, ist nicht zu unterschätzen. Wenn genügend Firmen das tun, verliert die AMPTP ihren Einfluss. Wir fungieren als Gegenentwurf geheuerter Streikbrecher. Tatsächlich begreift sich Quarterlife.com als Informations-Plattform für junge Kreative. Zuletzt diskutierte ein Blog mit dem Titel The Value of Content den Wert von im Internet publizierten Werken und Strategien zu ihrer Steigerung.
Internet ist mehr als ein PR-Werkzeug für Autoren
Solche Strategien sind freilich auf eine längere Strecke ausgelegt. Obwohl Quarterlife mit schätzungsweise fünftausend Dollar Produktionskosten pro Folge die wohl bisher teuerste Serie fürs Web ist, haben sich die Investitionen auch nach dem Verkauf der Serie ans Fernsehen noch nicht amortisiert. Für die Macher ist dies vor allem ein Experiment, mit dem sie die unabhängige Produktion von Qualitätsinhalten im Internet ausloten wollen.
Doch es geht immerhin darum, die Strukturen für die künftige Herstellung und Verbreitung von Information und Unterhaltung mitzugestalten. Dass das Fernsehen im Web hausieren geht, ist nichts Neues. Lonelygirl15 Jessica Rose hat inzwischen eine Rolle in einem Stück des Senders ABC, Amanda Congdon von der satirischen Internet-Nachrichtenshow Rocketboom entwickelt ein Format für den Abosender HBO.
Womöglich beschäftigen sich also die derzeitigen Streik-Verhandlungen mit einem Modell der Fernsehproduktion, das schnell veraltet. Und die Autoren haben, wenn sie es wagen, mit dem Internet weit mehr als ein PR-Werkzeug an der Hand.
Text: F.A.Z., 03.12.2007, Nr. 281 / Seite 42
Bildmaterial: AP, Sony Pictures/Cinetext