Gerd Ruge wird achtzig

Unterwegs sein ist alles

Von Heike Hupertz

Bewundernswert jugendlich: Gerd Ruge wusste und weiß, dass die Medienwelt nicht die Welt sein kann

Bewundernswert jugendlich: Gerd Ruge wusste und weiß, dass die Medienwelt nicht die Welt sein kann

08. August 2008 Es dürfte hierzulande wohl kaum einen Fernsehjournalisten und Auslandskorrespondenten, ob aktiv oder im Ruhestand, geben, der gleichzeitig so bekannt ist und so uneitel wirkt wie Gerd Ruge. An diesem Samstag wird er achtzig und aus diesem Anlass von seinem Haussender WDR mit einer langen Themennacht geehrt. Dabei lässt sich am Werdegang von Gerd Ruge entlang nicht nur westdeutsche Mediengeschichte schreiben, sondern bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte überhaupt. Wie in der Geschichte vom Hasen und vom Igel scheint Ruge nach 1950 nahezu überall zu den kommentierenden Männern der ersten Stunde gehört zu haben. Einen „Reporter des Augenblicks“ hat ihn die F.A.Z. einmal genannt.

Ruge berichtete vom Korea-Krieg, von der Ermordung Martin Luther Kings und vom Attentat auf Robert Kennedy, viel später dann auch von Glasnost und Perestroika und vom Militärputsch in Moskau. Am liebsten aber machte und macht er die kleinen Leute groß, indem er sie in den Mittelpunkt seines Interesses stellt, das er auf unnachahmliche Weise zum allgemeinen Interesse des Publikums zu machen imstande ist.

Kontext und Perspektive zugleich

Die F.A.Z. nannte ihn einmal den “Reporter des Augenblicks“

Die F.A.Z. nannte ihn einmal den "Reporter des Augenblicks"

Wie nur wenige andere Korrespondenten vor und nach ihm pflegt er die pragmatische Kunst und journalistische Tugend, dem Einzelfall anschaulich und analysierend zugleich Kontext und Perspektive zu geben, ohne dass es zu diesem Zweck der Dramatisierungen oder Emotionalisierungen bedürfte. Seit 1993 tut er das als Pensionär vor allem mit seiner äußerst beliebten Reihe „Gerd Ruge unterwegs“ und seit Anfang der Neunziger in zahlreichen Büchern.

Zum achtzigsten Geburtstag nun schenken die Herausgeber der Reihe „Die Deutschen und ihre Nachbarn“, Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker, ihm und uns eine Art Summe seiner Beschäftigung mit dem Land, das ihn seit Jahrzehnten immer wieder neu bewegt. Für alle, die sich um Verständnis für unseren osteuropäischen Nachbarn bemühen, wird „Russland“ nicht von ungefähr in Zukunft zur Pflichtlektüre gehören.

Viele Formate gehen auf sein Konto

Immer unterwegs: Gerd Ruge

Immer unterwegs: Gerd Ruge

Nach der Rundfunkschule durch die Vermittlung von Hanns Hartmann 1948 zum NWDR gestoßen, war Ruge 1950 der erste westliche Journalist, der aus Titos Jugoslawien berichtete. Im Pressegefolge Adenauers reiste er 1955 in die Sowjetunion, als es um die Rückführung der letzten deutschen Kriegsgefangenen ging. Für die ARD war er von 1956 bis 1959 deren erster Korrespondent und Radioreporter in Moskau, 1964 bis 1969 Korrespondent in den Vereinigten Staaten.

Er hat zusammen mit Klaus Bölling den „Weltspiegel“ erfunden, andere Formate gehen zumindest mit auf sein Konto. Anfang der Siebziger arbeitete er für die „Welt“ in Peking. Mehrfach kehrte er in unterschiedlichen Funktionen nach Moskau zurück. „Ich bin Journalist geworden, weil ich gerne reisen wollte“, hat Gerd Ruge einmal gesagt. Als reisenden Reporter schätzen ihn, dem sowohl der Harvard-Dozentensessel als auch gewisse Chefstühle in der ARD auf Dauer zu unbeweglich waren, die Zuschauer nach wie vor.

In Gerd Ruges Reportage „Sommer am Colorado“ sieht man den Pensionär bei einer Wildwasserfahrt. „Wir waren der Ballast“, erläuterte er anschließend, auf seine körperliche Fitness angesprochen, einem anscheinend besorgten Interviewer. „Wir hatten eine Rettungsweste um, da konnte nicht viel passieren.“ Es ist genau diese, im Fernsehen bisweilen leicht schleppend, gelegentlich nuschelnd vorgetragene Unaufgeregtheit, die zu Gerd Ruges Markenzeichen als Journalist geworden ist. Gerade deswegen glaubt ihm das Publikum nach wie vor, dass nicht die Medienwelt seine Sache ist, sondern die Welt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Glück im Unglück: Schützen Sie sich vor den finanziellen Folgen eines Unfalls. Jetzt Unfallversicherungen vergleichen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche