Journalist Walter Cronkite gestorben

Der Mann, dem Amerika vertraute

Von Jordan Mejias, New York

Walter Cronkite 1916 - 2009

Walter Cronkite 1916 - 2009

18. Juli 2009 Bei Walter Cronkite gab es noch keinen Zweifel, keine Ungewissheit, kein Misstrauen. Jede Sendung beschloss er mit dem Satz: „And that's the way it is.“ Und Amerika war sich sicher, dass die Welt genauso aussah, wie sie der Anchorman der „CBS Evening News“ gerade eine halbe Stunde lang geschildert hatte. Neunzehn Jahre, von 1962 bis 1981, verlas Cronkite nicht nur die Nachrichten, er beglaubigte sie. Was er verkündete, kam mit seiner ganz besonderen Wahrheitsgarantie. Als er im Alter von vierundsechzig Jahren in den Ruhestand ging, stand er in dem Ruf, der vertrauenswürdigste Mann des Landes zu sein.

Cronkite erwarb sich seinen Legendenstatus zu Lebzeiten nicht durch Kommentare und pointierte Beobachtungen. Nachdem er die Nation informiert hatte, dass Präsident Kennedy einem Attentat zum Opfer gefallen war, nahm er die schwarze dickberandete Brille ab und schien mit den Tränen zu kämpfen. Es war ein Augenblick, in dem jedem Fernsehzuschauer der Atem stockte, auch weil der sonst unerschütterliche Berichterstatter nicht mehr in der Lage war, seine gewohnte Rolle zu spielen. Fünf Jahre später streifte er durch Vietnam und schockierte die Regierung Johnson mit der Nachricht, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei. Auch das schlug hohe Wellen, eben weil Cronkite vom vertrauten Weg abgewichen war und seine sachliche Distanz aufgegeben hatte.

Vertrauensmann der Nation

Statt Nachrichten aufzubereiten, trat er gewöhnlich hinter sie zurück. Die selbstverständliche Autorität, die er dabei ausstrahlte, und der beruhigende Klang seines Baritons, der so wunderbar mit seinem gediegenen, grundsoliden Aussehen übereinstimmte, erhoben ihn über eine immer bunter auftrumpfende Konkurrenz. Amerika vertraute ihm, und er bot Amerika die unausgesprochene Versicherung an, dass, gleichgültig, wie düster die Lage aussehen mag, am Ende alles wieder gut werde. Solange „Onkel Walter“, wie seine fernsehende amerikanische Großfamilie ihn schnell nannte, am Abend vorbeischaute, war alles im Lot oder konnte wieder ins Lot kommen.

Unaufgeregt, aber nicht kühl, jovial und verbindlich, aber nie in Gefahr, sich anzubiedern, schmiedete Cronkite ein einzigartiges Band zwischen sich und der Nation. Das konnte nur in einer Zeit gelingen, in der die abendlichen Fernsehnachrichten ein wesentlicher Bestandteil des Lebens der Nation waren und weder von Internet noch Nachrichtensendern rund um die Uhr bedrängt wurden. Für das Vertrauen, auf das Cronkite bauen durfte, hatte er jedoch auch eine solide Grundlage gelegt.

Amerikas freundlicher Chronist

Als Teenager trug er in Houston, Texas, die Zeitung aus, für die er schon Artikel schrieb, und nach Versuchen im Radio arbeitete er bald für eine Nachrichtenagentur, die heutige United Press International. Als Kriegskorrespondent flog er in Bombern über Deutschland, danach berichtete er von den Nürnberger Prozessen. Moskau und Washington waren weitere Karrierestationen, bevor er 1950 bei der Fernsehgesellschaft CBS landete und schließlich zum Anchorman aufstieg, der allerdings darauf bestand, offiziell als managing editor, als leitender Redakteur, geführt zu werden. Jedes Stargehabe war ihm fremd.

Durch Freud und Leid stand er der Nation zur Seite, von der Ermordung Martin Luther Kings bis zur Mondlandung, die ihm ein euphorisches „Oh, boy!“ entlockte, von den Wirren um die Bürgerrechtsbewegung bis zu Watergate. Unfähig, sich im Ruhestand auf seinen Lorbeeren auszuruhen, belieferte er CNN und National Public Radio mit unzähligen Dokumentarfilmen, die thematisch so vielfältig waren wie die Nachrichten, für die er früher zuständig war. Im Alter von zweiundneunzig Jahren ist Walter Cronkite jetzt in New York gestorben. Auch Präsident Obama ließ es sich nicht nehmen, den legendären Nachrichtenmann zu würdigen: „Er gehörte zur Familie. Er lud uns ein, ihm zu glauben, und er enttäuschte uns nie.“

Text: AP
Bildmaterial: AFP

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