Rupert Murdoch

Der freundliche Feind

Von Jordan Mejias, New York

Medialer Selbstbezug: Rupert Murdoch legt Dow Jones ein verlockendes Angebot vor

Medialer Selbstbezug: Rupert Murdoch legt Dow Jones ein verlockendes Angebot vor

07. Mai 2007 Jetzt heißt es also warten. Wochen oder gar Monate könnte es dauern. Oder aber alles könnte morgen schon entschieden sein. Rupert Murdoch, der gern den amerikanischen Medienkonzern Dow Jones & Company seiner News Corporation, dem eigenen Medienimperium, einverleiben möchte, scheint auf beides vorbereitet. Am liebsten wäre es ihm freilich, wenn die weitverzweigte Familie Bancroft, die seit mehr als einem Jahrhundert die Geschicke des „Wall Street Journal“ und des Finanznachrichtendiensts Dow Jones bestimmt, möglichst bald sein Gebot von fünf Milliarden Dollar annähme und ihm das Unternehmen überließe. Murdoch fehlt es jedoch auch nicht an Geduld. Drei Jahre lang hatte er sich um DirecTV bemüht, bis General Motors ihm endlich den Satellitensender verkaufte, und die Öffnung des chinesischen Marktes verfolgte er mit nicht weniger Ausdauer.

Wie er nun taktisch vorzugehen gedenkt, deutet sich allmählich an. Statt auf Kollisionskurs zu gehen, sucht Murdoch erst einmal mit Liebenswürdigkeit und Charme sein Ziel zu erreichen. Das feindliche Übernahmeangebot könnte freundlicher nicht daherkommen. So schlug er vor, dass sich die Familien Murdoch und Bancroft, die einander nicht kennen, zu einem unverbindlichen Plausch zusammentun. Dabei könnte doch, wie er in seinem Brief schrieb, vieles besser erklärt und manch mögliches Missverständnis ausgeräumt werden. Voraussetzung für das Familienidyll im Doppelpack wäre freilich eine zumindest zeitweilige Beilegung der jeweils innerfamiliären Differenzen. Gerade der Zwist im Hause Bancroft bietet Murdoch aber auch die Chance, den Deal mit nur einigen wenigen Familienmitgliedern perfekt zu machen.

Von Kopf bis Fuß auf Boulevardisierung eingestellt

Zu seinem Glück braucht er gar nicht die Zustimmung des ganzen Clans. Denn die übrigen Aktionäre, unter ihnen Hedge-Fonds und sonstige Großinvestoren, sind über das Angebot von sechzig Dollar pro Aktie entzückt. Aber nicht nur mit dem üppigen Übernahmepreis will Murdoch die Bancrofts für sich gewinnen. Er weist auch darauf hin, dass da, nostalgisch betrachtet, ein Familienunternehmen von einem anderen weitergeführt würde. Die Bancrofts hat er gleichwohl in einen delikaten Zwiespalt befördert. Sie können sich einerseits sicher sein, dass ihnen so schnell niemand mehr einen solch verlockenden Betrag für ihre Firma bietet. Andererseits wissen sie, dass allein das Unternehmen ihnen Prestige verleiht: „Ohne das ,Wall Street Journal' wären wir nur irgendeine andere reiche Familie“, gestand einer von ihnen.

Während die Bancrofts sich um ihre gesellschaftliche Stellung Sorgen machen, denkt Murdoch an Medienmacht. Wie er die einsetzen würde, ist indes alles andere als sicher. Die Redaktion des „Journal“ befürchtet angeblich eine Boulevardisierung und hat sich von „Kopf bis Fuß“, wie es heißt, gegen eine Zukunft unter dem Dach der News Corporation ausgesprochen.

Politische Neutralität oder private Meinungsplattform?

Das ist umso bemerkenswerter, als es zwischen Murdoch und der notorisch konservativen Leitartikelseite der Zeitung kaum Meinungsverschiedenheiten geben dürfte. Dennoch wird schon eifrig spekuliert, wie sich vor allem das „Wall Street Journal“ verändern würde. Mit der „New York Post“ und dem TV- Nachrichtensender „Fox News“ scheut Murdoch sich nicht, seine politischen Vorlieben deftig zum Ausdruck zu bringen, auch wenn er das Boulevardblatt jährlich mit doppelstelligen Millionenzuschüssen am Leben erhalten muss. Aber in den edleren Abteilungen seines Nachrichtenkaufhauses, zum Beispiel bei der Londoner „Times“, soll er sich weitgehend jeder Einflussnahme enthalten. Es wäre deshalb nicht auszuschließen, dass er sich beim Kauf von Dow Jones & Company weniger von seinen politischen als ökonomischen Überzeugungen leiten ließe.

Will er aber das „Wall Street Journal“ nicht, wie er es mit der „Post“ hält, als ein teuer bezahltes Sprachrohr benutzen, muss er an der Digitalausgabe der Zeitung weit mehr Gefallen finden als an ihrer papierenen Version. Immerhin hat Amerikas zweitgrößte Tageszeitung bereits 70.0000 zahlende Internet-Abonnenten. Für internationale Ambitionen wäre das eine wunderbare Startposition. Printmedien dürften überhaupt in Murdochs Imperium, das zuletzt von jährlichen Einnahmen in Höhe von sechsundzwanzig Milliarden Dollar nur vierzehn Prozent aus dem Verkauf von Zeitungen bezog, eine immer kleinere Rolle spielen. Solange aber Satellitennetz und Unterhaltungsmedien, wie die Film- und Fernsehgesellschaft 20th Century Fox, die Profite sprudeln lassen, kann Murdoch sich auch ein Zuschussunternehmen wie die „Post“ als private Meinungsplattform leisten.

Der Dow Jones Nachrichtendienst soll die digitale Infrastruktur verbessern

Der Dow Jones Nachrichtendienst käme ihm jedoch weniger ideologisch als praktisch für ein Finanzportal gelegen, das dann weltweit keine Konkurrenz zu fürchten hätte. Als Fachmann für Expansionen begann Murdoch in Australien mit einer geerbten Zeitung und will mit einem Weltkonzern, der jetzt siebzig Milliarden Dollar wert ist, noch lange nicht enden. Er hat vielmehr ein Nachrichtenformat im Blick, das in seinem Kern nicht anders als elektronisch sein kann und damit global verfügbar wird. Von Dow Jones & Company erwartet er sich den „content“, den Inhalt für seine digitale Infrastruktur.

Er ist da längst nicht mehr allein auf weiter Flur. Als hätte Murdoch sie dazu inspiriert, hat soeben die kanadische Thomson Corporation ihr Interesse an der Nachrichtenagentur Reuters angemeldet, um so, ganz ähnlich wie Murdoch, überall präsent zu sein, im Internet wie im Fernsehen, in den Printmedien wie auf den Monitoren der Trading Rooms. Und auf diesem Weg ins multimediale Nachrichten- und Profitparadies ist Murdoch auch bereit, für ein Unternehmen mehr zu zahlen, als es heute vielen Beobachtern wert zu sein scheint.

Text: F.A.Z., 08.05.2007, Nr. 106 / Seite 38
Bildmaterial: REUTERS

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