22. August 2008 Jan Ullrich hat nicht gedopt. Er ist unschuldig. Der einstige Radrennfahrer, Tour-de-France-Sieger und Volksheld, der im Jahr 2002 angeblich wegen der Einnahme einer Ecstasy-Pille für ein halbes Jahr gesperrt worden war; der am Tag vor dem Tourstart 2006 von seinem Rennstall aus dem Verkehr gezogen wurde, weil sein Name auf der Liste des Doping-Arztes Fuentes stand; der im April 2008 einen sechsstelligen Betrag zahlte, worauf das Verfahren gegen ihn wegen Täuschung und Betrugs eingestellt wurde, obgleich der Staatsanwalt anschließend erklärte, dass Ullrich gewiss gedopt habe; der sich gegenüber der Öffentlichkeit, anders als etliche geständige ehemalige Mitradler, stets nebulös äußerte; dieser Jan Ullrich ist zweifelsfrei rehabilitiert.
Den Scoop, diesen Fall, an dem sich Legionen von Sportjournalisten die Zähne ausbissen, endlich geklärt zu haben, darf sich einer auf seine Fahne schreiben, dessen journalistische Ambitionen meist verlacht worden waren: Boris Becker. In seiner Pro-Sieben-Reihe Boris Becker meets befragte der dreifache Wimbledon-Sieger gestern abend Jan Ullrich, der sich nach achtzehn Monaten des Schweigens - worauf in der Sendung gefühlte fünfzig Mal hingewiesen wurde - erstmals vor der Kamera äußerte. Und Becker gelang es, eine ganze Reihe von Entlastungszeugen aufzuspüren: Marianne Kaatz zum Beispiel oder Waltraud Lemke. Frau Kaatz beteuerte, Ullrich sei ein Guter, und Frau Lemke ließ ihn wissen: Ich habe immer geglaubt, dass du im Recht mit allem bist. Waltraud Lemke, das sollte man vielleicht erwähnen, ist Ullrichs frühere Klassenlehrerin in Rostock. Marianne Kaatz ist seine Mutter.
Mittlerweile bist du rehabilitiert
Doch noch einen Dritten gibt es, der eindeutig Position bezieht für den Geächteten: Boris Becker. Ein langjähriger Freund Ullrichs, wie Pro Sieben mitteilt, der dennoch im Gespräch kein Blatt vor den Mund nehme. Du wurdest wegen Doping suspendiert, sagt Becker tatsächlich, ein Satz, mit dem Pro Sieben zweimal in die Werbepause geht. Drei Minuten vor dem Ende der Sendung hören wir ihn noch einmal und dann erstmals, wie es weitergeht: Mittlerweile bist du rehabilitiert, versichert der Interviewer dem Interviewten und zeigt sich entsetzt über eine Schlammschlacht gegen Ullrich, wie er sie zuvor nie erlebt habe. Worauf Ullrich sich selbst als immer fairen Sportler preist und darüber sinniert, dass Deutschland seine guten deutschen Leute immer kaputt macht.
Mitunter besorgen sie das durchaus selbst. Unfassbar scheint es, welche Wendung es mit Boris Becker genommen hat. Vom jugendlichen Helden gereift zum Sportidol und Medienliebling, scheint er nun in einer lang anhaltenden Regressionsphase, für die seine gescheiterten Versuche, sich im Fernsehen zu etablieren, nur ein Symptom sind. Nach den vergeblichen Mühen des DSF, aus Becker einen investigativen Journalisten zu machen (Becker 1:1), versucht er nun bei Pro Sieben nicht mehr durch kritische Fragen, sondern allein durch seine Persönlichkeit zu überzeugen. Also erleben wir ihn nur kurz beim Plaudern und deutlich länger als Beifahrer im Rennauto von Mika Häkkinen, noch so einem befreundeten Veteranen. Von ihrer knapp fünfzehnminütigen Begegnung ist uns nur ein Dialog in Erinnerung geblieben: Man, it's fast. - It is, it is, it is.
Jawoll. Und jetzt?
Noch denkwürdiger ist Beckers Gespräch mit Ullrichs erstem Trainer: Habe ich mir immer schon mal gewünscht: Boris Becker kennenlernen. Top. - Haben Sie jetzt gemacht. - Jawoll. Und jetzt? In einer gerafften Das war ihr Leben-Variante bestaunt Becker Ullrichs Trophäensammlung in dessen Schweizer Villa sowie den dort eingerichteten Höhenraum, in dem sich die Luft verdünnen und ein Rennen in 5000 Metern Höhe simulieren lässt. Er besucht mit Ullrich dessen Rostocker Schule, fährt mit ihm Speedboat und drei Runden auf der Radrennbahn. Und er erklärt nach der Besichtigung des Jan-Ullrich-Altars im Kaatzschen Keller, dass es bei Mama Becker in Leimen ganz ähnlich aussehe: So sind sie, die Mütter von so berühmten Söhnen.
Am Ende stellt auch Jan Ullrich fest, dass wir ganz viele Parallelen haben. Entspannt sitzen die beiden Freunde an der Rennbahn. Du bist ein ehrlicher feiner Kerl, du bist so wie ich. Du sagst, was du denkst. Und das ist immer richtig, sagt Ullrich über Becker. Oder Becker über Ullrich? Der Zuschauer, ermattet von so viel Harmonie, fühlt sich wie nach drei Stunden Höhenraum. Was mag Pro Sieben wohl als nächstes planen? Gregor Gysi meets Oskar Lafontaine? Verona meets Franjo Pooth? Boris Becker meets Boris Becker? Nur den Schlusskommentar durchweht ein Hauch von Ironie, als der Sprecher angesichts der überbordenden Männerfreundschaft erklärt, dass Adrenalin und Rührung hier einen explosiven Cocktail ergäben. Im Zusammenhang mit Jan Ullrich von einem Cocktail zu sprechen, das klingt fast ein wenig subversiv.
Text: FAZ.NET
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