26. Oktober 2006 Daß man während der knapp neunzehn Stunden, die ein Fernsehtag im Ersten vom Morgen- bis zum Nachtmagazin - also von 5.30 Uhr bis kurz nach Mitternacht - zu bieten hat, guten alten Bekannten begegnen würde, war zu erwarten. Heiner Geißler, der graue Rebell der CDU, ließ denn auch nicht lange auf sich warten. Vorgestern, am Dienstag, stellte er sich bereits um 8.10 Uhr dem Topthema des Morgenmagazins. Was wird aus unserer Gesellschaft? lautet es während der ganzen Woche, aktuell ging es um soziale Mobilität. Geißler polemisierte, wie ebenfalls zu erwarten, gegen die Reduzierung der Pendlerpauschale, weil sie Heimat gefährde.
Senta Berger kam etwas später, dann aber wie gewohnt gewaltig. Um 13.40 Uhr stellte sie ihre Memoiren vor - Ich habe ja gewußt, daß ich fliegen kann sind sie betitelt -, holte sich dafür von der Moderatorin Susanne Conrad (ein sehr gelungenes Buch) ein dickes Lob ab und blieb uns dann als Werbeikone für einen Pharmakonzern bis zur Tagesschau erhalten. Eher unerwartet, dafür unüberhörbar drang eine neue Melodie des mittlerweile 79 Jahren alten Komponisten Martin Böttcher, dem Vertonungshelden der Karl-May-Filme aus den Sechzigern, an unser Ohr: Böttcher liefert nun die Musik zu Pfarrer Braun, der neuen Reihe für und mit Ottfried Fischer, deren neunte Folge, Ende September erstausgestrahlt, am späteren Vormittag bereits wiederholt wurde. Das Erste ist seinen Stars treu.
Wundersame Vermehrung eines Mittagsmahls
Gut acht der neunzehn Fernsehstunden wurden mit zehn durchweg deutschen Serien gefüllt, die für den einmaligen Dauerseher allerdings oft ganz unverständlich bleiben müssen. Sturm der Liebe etwa, eine sogenannte Telenovela aus dem Hotel Fürstenhof irgendwo im schönen Bayern, ist bei der 247. Folge angelangt, Verbotene Liebe, eine Beziehungs- und Intrigenendlosschleife, hatte vorgestern bereits 2787 Folgen hinter sich, Marienhof, ein sehr ähnlicher Fall, 2960 und Das Geheimnis meines Vaters, ein Familienbetriebsdrama, immerhin 38. Solche Serien haben sich längst zu Parallelgesellschaften entwickelt, die ihren eigenen Code pflegen, auf die eigene Klientel bezogen sind und mit denen in einen verstehenden Dialog zu treten sehr viel mühsamer Nachholarbeit bedürfte, die sich überdies kaum lohnte.
Sechs aktuelle Magazine vom Boulevardformat Brisant bis zum Wirtschaftsreport Plusminus waren über den Tag verteilt, unter denen sich das ARD-Buffet, der tägliche Ratgeber zur Mittagszeit, durch ebenso bemerkenswerte wie merkwürdige Qualitäten auszeichnete. An sich völlig, ja grotesk Unvereinbares mußte die mütterliche Moderatorin Jacqueline Stühler da unter einen Hut bringen: Ein Gespräch mit einer Kreditexpertin von der KfW Bankengruppe, das Herstellen eines Kranzes aus Kiefernzapfen für den herbstlichen Grabschmuck, einen Teledoktor, der die Fettleber erklärte, den Hundepsychologen der Queen, ein Europarätsel, ein Kaminfeuer am hellichten Tag und schließlich die wundersame Vermehrung eines Mittagsmahls - eine Portion Spaghetti carbonara hatte uns die Studioköchin vorgekocht, vier Personen aber wurden damit später üppig beköstigt, wobei Frau Stühler während des Mahls auch noch mit einem Zuschauer telefonieren mußte.
Starke Frauen preisen wir!
Die Nachrichtenlage des Dienstags blieb bescheiden. Und so fanden sich im Nachtmagazin noch dieselben, inzwischen freilich mit neuen Bildern unterlegten Meldungen wieder, die bereits frühmorgens auf der Agenda gestanden hatten: die Gesundheitsreform, die Unruhen in Ungarn, die Verurteilung des ehemaligen Enron-Chefs in Houston/Texas, Horst Köhlers Veto gegen die Privatisierung der Flugsicherung und die Kampagne der EU gegen den Alkoholmißbrauch - letztere vorgestellt vom Sprecher des Brüsseler Gesundheitskommissars mit dem ganz unvermeidlich sprechenden Namen Philip Tod. Was auffiel: Bis auf Enron kaum Nachrichten aus dem Ausland, im Ersten nahm sich die Welt einen Ruhetag.
Eine klare Botschaft gab es gleichwohl. Frei nach Goethe lautete sie: Den neuen Osten loben und seine starken Frauen preisen wir! In Dresden feierte der Chiphersteller AMD sein zehnjähriges Jubiläum, Frau Merkel und mit ihr sehr viele Kameras und Mikrophone kamen eigens aus Berlin, 20 000 neu geschaffene Arbeitsplätze verdienten es, hervorgehoben zu werden.
Robbe Olli unterm Messer
Die beste Sendezeit des Abends stand dann ganz im Zeichen Leipzigs. Nach der Tagesschau gab die Schauspielerin Elisabeth Lanz als promovierte Tierärztin Susanne Mertens im städtischen Zoo ihr Allerbestes, indem sie die Robbe Olli spektakulär operierte, ohne darüber ihre häuslichen Mutterpflichten zu vernachlässigen. Gleich danach, um 21.05 Uhr, trat die ebenfalls promovierte Chirurgin Kathrin Doblisch (Andrea Loewig) in der Sachsenklinik auf den Plan, um in der Serie In aller Freundschaft zu beweisen, daß trotz eines anspruchsvollen Jobs das Privatleben keineswegs zu kurz kommen muß.
Kultur im engeren Sinn kam während der neunzehn Stunden nur minutenweise vor - und das bereits vor Sonnenaufgang. Das Medienzentrum der Technischen Universität Cottbus wurde zur Bibliothek des Jahres gekürt und deshalb im Morgenmagazin porträtiert. Und die große Granitschale, die Friedrich Wilhelm III. 1834 im Berliner Lustgarten vor der Alten Nationalgalerie aufstellen ließ, fand in der Reihe Schatztruhe Erwähnung. Übrigens: zweiundzwanzig Mal gab es den Wetterbericht, 66 Werbespots wurden zwischen sechzehn und zwanzig Uhr gesendet.
Text: F.A.Z., 26.10.2006, Nr. 249 / Seite 44
Bildmaterial: Screenshot