Von Matthias Rüb, Washington
16. Juli 2008 Wir gehen ins große Unbekannte. Ziemlich unheimlich, nicht? Ich kann es kaum erwarten!“ So spricht Feldwebel Brad Colbert, in einem Erdloch an der kuweitisch-irakischen Grenze liegend. Und es sollte bald losgehen. Wenige Stunden später, in der Morgendämmerung des 20. März 2003, stehen die Männer des Ersten Aufklärungsbataillons der amerikanischen Marineinfanterie schon im Irak. Besser gesagt, sie fahren, denn ihre Aufgabe ist es, als eine Art Speerspitze möglichst rasch nach Norden vorzustoßen, weit hinter die feindlichen Linien einzusickern, um den nachrückenden Hauptkampftruppen Informationen über mögliche Hinterhalte und Stellungen des Feindes zu geben.
Was die kaum dreihundertachtzig Mann der First Recon“, wie das First Reconnaissance Batallion“ in der abkürzungsverliebten Sprache der Militärs heißt, in den ersten vierzig Tagen der Invasion des Iraks bei ihrem Sturmlauf nach Bagdad und Baquba erleben, hat als eingebetteter“ Reporter auch der Journalist Evan Wright erlebt. Im Auftrag des Musik- und Lifestyle-Magazins Rolling Stone“ begleitete er die Kompanie Alpha unter Feldwebel Brad Colberts Kommando. Wright saß Tag um Tag mit Kevlar-Helm und Schutzweste im selben Humvee-Jeep, immer auf dem rechten hinteren Sitz, während Feldwebel Colbert auf dem Beifahrersitz neben Fahrer Josh Person saß, links hinten war der Platz des neunzehn Jahre alten Gefreiten Harold Trombley, im Geschützturm bediente Mike Gunny“ Wynn – mit fünfunddreißig Jahren der Älteste der Kompanie – das aufgepflanzte Maschinengewehr.
Schnell wurde die Teilstreitkraft Selbstmord-Bataillon genannt
Evan Wright schlief unter freiem Himmel oder unter Tarnplanen. Er aß die gleichen Meals Ready-to-Eat“ (MRE), jene in Plastik eingeschweißten Fertig-Mahlzeiten, die zumal in den ersten Tagen einer Schlacht neben Wasser das Einzige sind, was die Soldaten und Marines“ zu sich nehmen. Er sah während der ersten dreißig Tage des Krieges keine Dusche, beschränkte also wie die Marines“ der Kompanie Alpha und der anderen Kompanien seine Körperhygiene im Wesentlichen aufs Putzen der Zähne und aufs Rasieren.
Seine ersten Artikel veröffentlichte Wright im Juni 2003, nachdem das Erste Aufklärungsbataillon, eine Eliteeinheit der ihrerseits schon als besonders hart geltenden Teilstreitkraft der Marineinfanterie, seine Mission erfüllt hatte und über Kuweit nach Camp Pendleton in Südkalifornien zurückgekehrt war. Zu der Zeit hatte die First Recon“ schon den ehrenwerten Spitznamen First Suicide Batallion“ (Erstes Selbstmord-Bataillon) erhalten.
Als Buch erschien Wrights Erfahrungsbericht unter dem Titel Generation Kill“ im Juni 2004. Es hat seither mehrere Auflagen erlebt, die letzte erschien vor wenigen Tagen – mit einem Vermerk auf dem Titel, dass das Buch nun zu einer siebenteiligen Fernsehserie gleichen Titels verarbeitet wurde und beim amerikanischen Bezahlsender HBO zu sehen ist. Die erste Folge lief in der Nacht zum Montag, die restlichen sechs Folgen, jeweils eine gute Stunde lang, werden jeweils im Abstand von einer Woche ausgestrahlt.
Das Erstaunliche: Die meisten Männer bleiben
Zur neuen Taschenbuchausgabe, pünktlich zum Auftakt der Miniserie“ erschienen, hat Wright ein Nachwort verfasst, das in mancher Hinsicht erstaunlich ist. Darin berichtet er, dass die meisten Männer, die er während seines Einsatzes als eingebetteter“ Reporter zwischen Mitte März und Anfang Mai 2003 kennengelernt hatte, sich für weitere Jahre bei den Marines“ verpflichtet haben. Die meisten Leute, die ich kennengelernt habe, verlängern ihre Dienstzeit aus einem Gefühl der Pflicht heraus“, schreibt Wright. Für einige sei es das Pflichtgefühl ihrer Nation, für andere ihrer Teilstreitkraft, wieder für andere einfach ihren Kameraden gegenüber. Für viele ist es ein Gefühl der Pflicht dem irakischen Volk gegenüber“, fügt Wright hinzu.
Um es gleich zu sagen: Das Nachwort von Evan Wright wurde nicht verfilmt. Das ist schade und unverständlich, denn Wright war an der ehrgeizigen und knapp sechzig Millionen Dollar teuren Fernsehproduktion, die während sieben Monaten in Moçambique, Namibia und Südafrika gedreht wurde, als Mitverfasser des Drehbuchs sowie als Berater beteiligt. Die verantwortlichen Produzenten für die Fernsehfilmversion von Generation Kill“ waren David Simon und Ed Burns, die mit ihrer zwischen 2002 und 2008 ausgestrahlten Serie The Wire“ amerikanische Fernsehgeschichte geschrieben haben.
Klischeehaftigkeit bis ins Absurde überhöht
Zwar hatte die Polizeiserie aus Baltimore, die in sechzig Episoden ausgestrahlt wurde, bei den Zuschauern keinen richtigen Erfolg. Die Episodenfilme in sechs Staffeln über die Drogenszene, die schwarze Jugend, die Hafenarbeiter und die korrupten Politiker in der Metropole von Maryland gelten wegen ihres gleichsam schroffen Realismus jedoch als thematisch wie ästhetisch beispielgebend: weder Cop-Romantik noch Bullen-Zynismus, sondern unaufdringliche Gegenwartsanalyse mit den Mitteln gehobener Fernsehunterhaltung.
Dieses Niveau kann Generation Kill“ nicht halten. Das liegt zum Teil an der Vorlage, an welche sich die Serie recht genau zu halten versucht, mehr noch aber am Drehbuch, das die im Erfahrungsbericht Wrights angelegte Neigung zur Klischeehaftigkeit bis ins Absurde überhöht. Übrigens auch filmästhetisch mittels fortgesetzt leicht über- oder unterbelichteter, künstlich kontraststarker Aufnahmen – was sehr geschmäcklerisch wirkt und rasch auf die Nerven geht.
Bis das Schießen zum Muskelgedächtnis wird
Der Grundfehler in Wrights Darstellung, der in der Fernsehserie bis ins Groteske verstärkt wird, ist ein Missverständnis über die Ausbildung der Marines“. Anders als Wright glaubt, ist nicht erst die jetzt im Irak und in Afghanistan eingesetzte Generation Kill“ von ihren knochenharten Vorgesetzten dazu herangezogen worden, so effizient und präzise wie möglich zu töten. Schon nach der Abkehr von der Wehrpflicht nach dem verlorenen Vietnamkrieg Ende 1972 und im Zuge der Umstrukturierung der amerikanischen Streitkräfte zur reinen Berufsarmee wurde die Ausbildung zum effizienten Töten – und nichts anderes ist das Soldatenhandwerk – bei den Landstreitkräften Heer und zumal bei der Marineinfanterie perfektioniert.
Jeder Marine“ ist zuerst und zuvörderst ein Rifle Man“, ein Gewehrschütze, und er lernt im Boot Camp“ das Schießen mit seinem M-16-Sturmgewehr so extensiv und intensiv, dass es zum Muskelgedächtnis“ wird: Die vielleicht allzumenschliche Hemmung, den Abzug zu ziehen, wird systematisch ausgetrieben.
Das macht einen Marine“ oder auch einen Heeressoldaten nicht zur homunkulushaften Tötungsmaschine, sondern zum effektiven Berufssoldaten, der seinen Job als Angehöriger der schlagkräftigsten Streitkräfte auf dem Globus professionell erledigt. Anders als etwa bei der Landung in der Normandie von 1944, als Tausende wehrpflichtige GIs trotz feindlichen Dauerbeschusses ihre Schießhemmung nicht überwinden konnten, drücken die heutigen amerikanischen Berufssoldaten ab. Und zwar immer, wenn es sein muss, und sehr selten auch, wenn es nicht hätte sein müssen.
Kautabak kauende Karikatur-Killer
So verhielten sich auch die Marines“ von First Recon“, und so hat es Wright im Buch beschrieben – freilich mit Überzeichnungen. Im Fernsehfilm aber nehmen die Klischees überhand, die Männer werden zu Kautabak kauenden Karikatur-Killern, die fortgesetzt fluchen, reinen Zynismus zelebrieren und denen das Töten so viel Spaß macht und so wenig Überwindung bereitet wie ein Videospiel. So sind aber weder Soldaten noch Offiziere in der Wirklichkeit – was jeder erleben kann, der selbst als eingebetteter“ Reporter gearbeitet hat.
Wie noch in jedem bisherigen Film über den Irakkrieg kippt die kriegskritische Einstellung der Autoren und Regisseure in eine absurd verzerrte Darstellung der Soldaten und Offiziere um. Und deshalb sind sämtliche Film- und Fernsehproduktionen zum Irak in den Vereinigten Staaten bisher ein Kassen- und Quotenflop gewesen: von Over There“ und Jarhead“ über Lions for Lambs“ bis zu Valley of Elah“. Alles spricht dafür, dass es bei Generation Kill“ nicht anders sein wird.
Im amerikanischen Sender HBO hatte jetzt die siebenteilige Serie Generation Kill“ Premiere: Der Fernseh-film über den Krieg im Irak nach dem Buch von Evan Wright leidet an zu vielen Klischees.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS
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