Von Matthias Hannemann
03. April 2008 So muss man es sich also vorstellen, das jüngste Gericht in Sachen Rente, inszeniert als volkspädagogischer Schauprozess. Links ein Politiker mit Fönfrisur, rechts der braungebrannte Moderator, in der Mitte eine Buchhändlerin von einst, Jahrgang 1931, und beide Herren signalisieren freundlich, als die gute Frau von 650 Euro Rente spricht, von ungeheizten Räumen, kaputten Knochen und semi-romantischer Kerzenbeleuchtung: Mehr ist leider nicht drin nach diesem Leben.
Denn die Buchhändlerin, die nun bei Hart aber Fair sitzt und unablässig Das ist unwürdig! skandiert, als sei sie nicht Buchhändlerin gewesen, sondern Vorsitzende des örtlichen Loriot-Freundschaftsvereines, hat nicht lange genug eingezahlt für eine höhere Rente, als Selbstständige auf Altersvorsorge teils sogar ganz verzichtet. Also lässt sich nichts machen - nicht nach Jahrzehnten, wie Rentenberater Ronald Pofalla zugab, in denen eine Regierung nach der anderen die Illusion der sicheren Rente nährte, und erst recht nicht angesichts der Millionen von Jüngeren, die man womöglich vor solchen Enttäuschungen noch bewahren könnte.
Auch die haben es freilich schwer, vorausschauend zu planen, wo doch Staat und Wirtschaft, wie der um populistische Phrasen auch diesmal nicht verlegene Talkshow-Betrieb formulierte, mit erhöhten Abgaben, überzogenen Preisen und sinkenden Reallöhnen die Bürger plündern: Arm durch Arbeit?
Nach Abzug der Fixkosten und Abgaben nur 263 Euro
Die Angst vor dem Absturz jedenfalls ist da. Die fünfköpfige Familie von Constanze Kastenhuber zum Beispiel, des interessantesten Gastes dieser weitgehend ruhigen Hart aber fair-Ausgabe, meinte vor Jahren noch von 3500 Euro leben zu können; heute bleiben nach Abzug der Fixkosten und Abgaben nur 263 Euro übrig. Für die Zahnspange eines Kindes, sagte Frau Kastenhuber, eine ganz normale Frau der Mittelschicht, die ihre Rentenbeiträge zahlt, Rentenzahler in die Welt setzt und von einer Grundsicherung für alle träumt, müssen wir jetzt unser Erbstück verkaufen, ein Klavier. Vor Jahren, als wir noch eine Zusatzversicherung hätten abschließen können, wurden diese Dinge noch von der Kasse übernommen. Wir hätten gar keine Chance gehabt, uns darauf vorzubereiten. Und nicht nur die Strom und Energiepreise steigen und steigen.
Warum erwischt es gerade auch die Mittelschicht? Weil politische Talkshows sich lieber mit Managern und Hartz-Vier-Empfängern als mit jenen beschäftigen, die den Karren ziehen, meinte der liberale Bundestagsabgeordnete Daniel Bahr. Weil die Mittelschicht nicht auf ihre Nöte aufmerksam zu machen verstand wie andere, überlegte Plasberg. Weil man die Not der Anderen ja durchaus verstand und meinte, das eigene Geld müsse da doch ausreichen, meinte Frau Kastenhuber. Und weil man auf den DGB partout nicht gehört habe, behauptete die Gewerkschaftlerin Ursula Engelen-Kefer, sichtlich darum bemüht, vor allem Bahr nicht zu Wort kommen zu lassen.
Pofalla versuchte Entwarnung zu geben
Nur der anfangs noch so selbstkritisch aufgelegte Ronald Pofalla versuchte Entwarnung zu geben. Die Politik habe viele Fehler gemacht, meinte er: Jetzt sei sie endlich dabei, dem Elend ein Ende zu bereiten, die Frage der Altersvorsorge für die Jüngeren und kleine Rentenerhöhungen für die Älteren inklusive.
Womit wir wieder bei der Buchhändlerin von einst wären. Denn die von der Koalition gefeierte Erhöhung macht - Plasberg hatte auch hier wieder die entscheidende Zahl als Trumpf im Ärmel - für den Durchschnittsrenter gerade einmal 43 Cent pro Tag aus. Da versteht man zwar noch immer nicht die Klagen derjenigen Rentner, die ein Filmteam am Flughafen von Düsseldorf auffing: den von einem halben Jahr Fuerteventura und vier Monaten Weltumrundung Zurückkehrenden. Aber immerhin die Buchhändlerin von einst, wenn sie ruft: Das ist unwürdig! Der Bürgerkrieg, den ein Anrufer bei der Hart aber Fair-Redaktion prognostizierte, sollten sich die Zustände nicht ändern, mag abzuwenden sein. Der Frust aber ist weiter programmiert.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: WDR/Herby Sachs