Polit-Talk

Wäre das nichts für „Christiansen“ gewesen?

Von Michael Hanfeld und Kerstin Holm, Moskau

14. Dezember 2006 Garri Kasparow, der ehemalige Schachweltmeister und Putin-Kritiker, wurde zu der Talkshow „Sabine Christiansen“ am vergangenen Sonntag zuerst ein- und dann wieder ausgeladen. Mit Druck der russischen Botschaft in Berlin habe das jedoch nichts zu tun, sagt Christiansens Redaktion. Der WDR-Journalist Klaus Bednarz, ebenfalls ein- und dann ausgeladen, sagte gegenüber der F.A.Z. etwas anderes: Ein Christiansen-Mitarbeiter habe ihm berichtet, daß Kasparow sehr wohl auf Druck der russischen Botschaft hin ausgeladen worden sei. Genau diese Lesart bekam auch der Fernsehjournalist und Mafia-Experte Jürgen Roth, der am Sonntag bei „Christiansen“ zu Gast war, zu hören.

Zwei Mitarbeiter der „Christiansen“-Redaktion hätten ihm nach der Sendung gesagt, warum man Kasparow nicht aus Moskau zugeschaltet habe - auf Druck der russischen Botschaft. Der Botschaftssprecher hatte der F.A.Z. mitgeteilt, er habe keine Kenntnis davon, ob der Botschafter Kotenew etwas gegen ein Zusammentreffen mit Kasparow bei „Christiansen“ gehabt habe. Es sei eine redaktionelle Entscheidung gewesen. Wir haben Garri Kasparow nun gefragt, was er bei „Christiansen“ denn gesagt hätte, hätte man ihn angehört.

Die russische Wirklichkeit

Für unklug und kurzsichtig hält der frühere Schachweltmeister und Bürgerrechtler Garri Kasparow die Entscheidung der ARD-Sendung „Christiansen“, am vergangenen Sonntag durch die Auswahl der Gäste - etwa seine Ausladung, deren wahrer Grund umstritten ist - Kritik an Putins Politik zu reduzieren. Er hätte bei „Christiansen“ schildern wollen, wie es um den beschworene wirtschaftlichen Aufschwung, die politische Stabilität und die vermeintliche Mittelklasse in Rußland stehe. Nur fünfzehn Prozent der Bevölkerung profitierten, „die restlichen 85 Prozent sind entrechtet, fühlen sich überflüssig, ihr Lebensstandard sinkt stetig“, sagte Kasparow. Dies sei die russische Wirklichkeit, von welcher er dem deutschen Fernsehpublikum gerne berichtet hätte.

Was sich in Rußland stabilisiert habe, sei ein „vollkommen durchkorrumpiertes System“, sagte Kasparow dieser Zeitung: Rechtsbrüche gehören zum Alltag. Der Staat verfolgt Oppositionsgruppen wie die „Vereinigte zivile Front“ systematisch. Bezeichnenderweise kommen dabei nicht reguläre Polizisten zum Einsatz, sondern die Antiterror-Einheiten des Geheimdienstes FSB oder die Sondermiliz für den Kampf gegen das Organisierte Verbrechen. Regimekritiker werden strafrechtlich als politische Extremisten belangt, die die verfassungsmäßige Ordnung bedrohen. Ein angeblicher Verdacht auf extremistische Umtriebe diente auch als Vorwand für die Razzia im Büro der „Vereinten zivilen Front“ am Dienstag.

Natürlich hat er manchmal Angst

Er sei bisher nicht persönlich bedroht worden, sagt Kasparow. Freilich gebe man ihm über diverse Kanäle zu verstehen, daß sein regimekritisches Engagement zu nichts Gutem führe. „Ich habe ständig zwei Leibwächter bei mir“, sagt Kasparow. „Bei wichtigen Anlässen auch mehr. Ich weiß aber auch, daß es gegen staatlichen Terror kein wirksames Mittel gibt.“ Natürlich habe er manchmal Angst, gibt Kasparow zu, aber er verspüre die moralische Verpflichtung, diese Angst zu überwinden: „Denn Regimekritiker in der Provinz, unsere Gesinnungsgenossen in Jekaterinburg, in Juschno-Sachalinsk, in Kaliningrad und Tschita, sind viel gefährdeter. Sie haben weder Personenschutz noch Kontakt zur internationalen Presse“, sagt Kasparow.

Deswegen sei der „Marsch der Dissidenten“ am kommenden Samstag, die Kundgebung, zu der die vereinte russische Opposition „Drugaja Rossija“ trotz Verbots durch die Moskauer Behörden aufgerufen hat, wichtig als Signal an den Rest des Landes. Um den Menschen in den Regionen zu zeigen, daß die als bessergestellt verschrieenen Moskauer auch einmal etwas riskieren.

Bei „Christiansen“ gibt man sich empört

Wäre das nicht etwas für „Sabine Christiansen“ gewesen? Wie wenig die Redaktion der Sendung mit der Kritik an ihrem Verhalten - der Ausladung Kasparows und des WDR-Korrespondenten Klaus Bednarz - umgehen kann, das bekam der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung im Auswärtigen Amt, Günter Nooke (CDU), zu spüren. Nooke hat die Gästeauswahl mit Blick auf den vermuteten Druck des russischen Botschafters in Berlin, Wladimir Kotenew, kritisiert, woraufhin ihm der „Christiansen“-Redaktions chef Michael Cramer in einem Brief vorhält, er habe sich offenbar nicht kundig gemacht, will heißen: sich nicht an Christiansens Firma gewendet.

Denn dann hätte er erfahren, so Kramer, daß weder Bednarz noch Kasparow „auf Wunsch des Botschafters“ ausgeladen worden seien. Auch sei die Sendung ausgewogen besetzt gewesen. Wie komme Nooke zu seiner Kritik? „Wir wären Ihnen - als direkt Beschuldigte - für eine rasche Stellungnahme dankbar“, endet der mit Furor verfaßte Brief.

Nooke sieht Sorgfaltspflicht verletzt

Nooke könnte bei seiner Kritik auf den WDR-Mann Bednarz verweisen, der der F.A.Z. (siehe auch: „Christiansen“: Bürgerrechtler Kasparow ausgeladen) berichtete, ein Mitarbeiter von „Christiansen“ habe ihm bestätigt, daß Kasparow auf Druck der russischen Botschaft hin ausgeladen worden sei. Und genau dasselbe sagt und hat gehört der Journalist und Mafia-Experte Jürgen Roth, der am Sonntag zu Gast bei „Christiansen“ war. Ihm hätten, so Roth gegenüber dieser Zeitung, nach der Sendung sogar zwei Redaktionsleute gesagt, Kasparow sei ausgeladen worden - auf Druck der russischen Botschaft.

Man darf nun gespannt sein, wie lange die „Christiansen“-Leute ihre Sprachregelung, man habe Kasparow aus rein redaktionellen Erwägungen wider ausgeladen, aufrecht erhält. Und ob das bei der ARD jemand wirklich wissen will. Der Menschenrechtsbeauftragte Nooke hat gestern dem Vorsitzenden der ARD-Gremienkonferenz, Bernd Lenze, geschrieben. Nooke sieht „elementare Grundsätze journalistischer Sorgfaltspflicht“ verletzt.



Text: F.A.Z., 14.12.2006, Nr. 291 / Seite 39
Bildmaterial: dpa

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