Von Oliver Jungen
12. Februar 2008 Spricht es nun für oder gegen diese Zeit, dass sich kaum vorstellen lässt, in vierzig Jahren säßen sich in Reinhold Beckmanns Sendung Menschen gegenüber, deren heutige Lebensentwürfe einander so fremd sind wie Kulturrevolution und selbstgebackener Streuselkuchen? Am gestrigen Abend geschah eben das: Der ehemalige Kinderschnulzensänger Heintje, Hein Simons, traf auf den Erfinder der esoterisch überhöhten Wohngemeinschaft, Rainer Langhans, der in Begleitung seiner vier Frauen Jutta Winkelmann, Gisela Getty, Christa Ritter und Brigitte Streubel erschienen war.
Um es gleich zu sagen: Revolutionäre Energien wurden bei diesem Zusammentreffen nicht freigesetzt. Hein Simons gestand gerne ein, immer ein bisschen neidisch gewesen zu sein auf die sexuell enthemmte Atmosphäre der Kommune 1, und Langhans hat seit seiner Entdeckung, dass das Private die Politik ist, ohnehin nur Augen für den engsten Freundeszirkel: Freund und Feind wohnen nur in uns selbst.
Sind Sie ein guter Bierzeltredner?
Vor dem Auftritt der beiden Veteranen, die noch heute von ihrem 1968 errungenen Renommee zehren, saß Beckmann die halbe Sendung hindurch freilich einem anderen Gast gegenüber, der den Höhepunkt seiner Karriere gerade erst erreicht hat: dem bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein. Was fragt man einen amtierenden Ministerpräsidenten? Zum Einstieg vielleicht dies: Sind Sie ein guter Bierzeltredner? Er glaube schon, eröffnet der Gast freimütig, ein- bis zweitausend Zuhörer in einem Zelt faszinieren zu können. Damit wäre das also geklärt.
Man wird Beckmann unterstellen dürfen, angesichts der kostbaren Zeit des Spitzenpolitikers genau überlegt haben, welche Themen wirklich relevant sind. Für so wichtig, dass er gleich dreimal nachhakte, hielt der Moderator die Frage, was denn am Politischen Aschermittwoch in Beckstein vorgegangen sei, als er seinen Vorgänger Edmund Stoiber die Halle durch den Haupteingang betreten sah statt heimlich durch einen Seiteneingang. Leicht gereizt winkte der Gast ab.
Lediglich spannungssteigernde Verzögerungsfunktion
Nachdem dann auch geklärt war, dass die CSU in Bayern vermutlich nicht unter die Fünfzigprozentmarke fallen wird, dass Beckstein die auch berufliche Eigenständigkeit seiner Frau Marga gutheißt und dass Roland Kochs Wahlkampf nichts mit dem Wohnhausbrand in Ludwigshafen zu tun hat, wendete sich Beckmann überraschend doch noch einem interessanten Gebiet zu: der Vereinbarkeit von christlicher Ethik - Beckstein ist bekennender Protestant - mit politischen Aufgaben. Sein Amt als Innenminister habe Barmherzigkeit oft nicht zugelassen, räumte Beckstein ein. Ein eher prälutheranisches Religionsverständnis offenbarte die Erklärung des Ministerpräsidenten dazu, was für ihn die wichtigste Botschaft Gottes sei: Dass Jesus für mich gestorben ist, dass ich damit Vergebung der Sünden von Schuld habe, ein Blankoablass für alle Fehler, die unterlaufen können. Anderen zu vergeben, wurde dabei mit keiner Silbe erwähnt.
Bevor aber eine Diskussion über antithetische Momente von Politik und Moral nur entstehen konnte, bekam Beckmann die Kurve zum Karneval, weil er unbedingt noch lustige Kostümfotos zeigen wollte: Beckstein als Löwe, als bemooste Bavaria und als - immerhin eine Mätresse - Madame de Pompadour. Das letzte Foto scheine ihm direkt preisverdächtig für jeden Tuntenball, legte Beckmann nach. Spätestens jetzt dürfte dem Politiker aufgegangen sein, dass ihm lediglich spannungssteigernde Verzögerungs-Funktion zukam. Schließlich hatte die Sendung schon mit der Ankündigung des Duells der Achtundsechziger - braver Junge gegen wilde Aufbegehrer - begonnen.
Eine schmierige Frage nach der nächsten
Rainer Langhans, wieder im weißem Guru-Dress erschienen, verkündete sofort, man habe nicht nur die Kleinfamilie aufbrechen, sondern den neuen Menschen erschaffen wollen. Dabei schien er nicht einmal zu merken, welchem unter Faschisten wie Kommunisten gleichermaßen beliebten und im Kern menschenverachtenden Ideologem er hier huldigte. Dieses Ansinnen respektiere er ja, ließ ein plötzlich zu Hochform auflaufender Beckstein wissen, habe das seinerzeit aber doch eher als absoluten Klamauk verstanden. Langhans, der das weise Zurkenntnisnehmen aller Dinge zum Markenzeichen entwickelt hat, nahm auch dies zur Kenntnis. Seine einzige Frage an Beckstein - Was ist denn mit Frau Pauli? Warum wurde die so schlecht behandelt? - zeigte schnell, in welch ferner Umlaufbahn um die Tagespolitik sich der Altkommunarde befindet.
Lustig wurde es dann doch noch, und zwar dank der vier miterschienenen Frauen: das idiotischerweise immer wieder (und natürlich auch hier) so genannte Harem. Es sind einfach gute Freundinnen, die ihren androgynen, asexuellen Struwwelpeter ins Herz geschlossen haben: Langhans, so heißt das offiziell, stehe nicht mehr unter der Macht der Hüfte. Beckmann allerdings hatte sich, wie erwartbar, von der Idee der freien Liebe mehr versprochen und warf eine schmierige Frage nach der nächsten in die Runde. Doch es kam nichts Anrüchiges dabei heraus, im Gegenteil: Man sei so verklemmt gewesen, erzählen die Zwillingsschwestern Jutta Winkelmann und Gisela Getty. Liebe habe mit Sex doch nur peripher zu tun, fügt Langhans hinzu. Hier hätte vielleicht sogar Beckstein zugestimmt, der aber bereits zum nächsten Termin eilte.
Haben Sie eigentlich Berufe?
Gestritten immerhin wurde im Kommunenzirkel fleißig, wie zu erfahren war: Die Stutenbissigkeit unter den Frauen musste abgebaut werden. Beckmann hielt mit inquisitorischem Geschick das Eifersuchts-Thema aufrecht, bis schließlich das Zusammentreffen mit Hein Simons anstand, dem alles Konfrontative fehlte. Das Frauenlager machte Ähnlichkeiten des jungen Heintje mit Knut aus, während der Guru sich zu der lächelnd vorgetragenen Bemerkung hinreißen ließ, Heintje-Lieder hätten genervt ohne Ende. Simons dagegen, sichtlich angetan von den gut gelaunten Damen, stellte aus reinem Interesse die fatale Frage: Haben Sie eigentlich Berufe? Langhans preschte vor, aber auch seine Antwort klang eher nach Rechtfertigung als nach Angriff auf die Verhältnisse: Sie seien so etwas wie Kreative. Man könne auch sagen: Prekäre. Er aber brauche auch nur sehr wenig Geld.
Langhans war vor einem Jahr schon einmal zu Gast bei Beckmann, damals gemeinsam mit Uschi Obermaier. Gefragt, was denn an diesem Mann so interessant sei, antwortete die ehemalige Hauptgeliebte: Er habe einfach ausgesehen wie ein Engel. Da könnte man das, was Heintje im Jahre 1968 (sehr lukrativ) unters Volk brachte, schon fast als Verkündigung deuten: Aber heidschi bumbeidschi, wirst sehen, wie schnell alle Sorgen vergehen. Und bist du auch einsam und bist so allein, bald schau'n ja die Engel zum Fenster herein. Singen heidschi bumbeidschi bum bum.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: CINETEXT
