Erfolgsmodell Public Radio

Für dieses Programm lohnt das Betteln

Von Jürgen Kalwa, New York

Spende für die journalistische Unabhängigkeit

Spende für die journalistische Unabhängigkeit

24. Oktober 2009 Zweimal im Jahr trägt die amerikanische Firma „Arbitron“ landesweit die Einschaltquoten für ein Medium zusammen, das in weiten Teilen des öffentlichen Bewusstseins weit hinter dem Fernsehen, dem Internet und den Printprodukten das Renommee einer altvertrauten, aber vergleichsweise unbedeutenden Institution genießt. Für die Betroffenen - Tausende kommerzielle Radiosender - ist das Datenmaterial allerdings pures Geld wert. Es beeinflusst mit seinen Erkenntnissen über Marktanteile und die demographische Zusammensetzung des Publikums Entscheidungen über Programmformate und über den Verkauf von Werbespots.

Die mehr als fünfhundert Angestellten von National Public Radio (NPR) kümmern sich gemeinhin nicht um solche Details. Denn die Einrichtung lebt nicht vom guten Willen der Werbeindustrie, sondern von rund achthundert gemeinnützig arbeitenden Sendern, verteilt über die gesamten Vereinigten Staaten, die allesamt ein demütiges Modell zur Finanzierung journalistischer Arbeit pflegen: Sie gehen dreimal im Jahr jeweils eine Woche lang im Rahmen sogenannter „Pledge Drives“ beim Publikum betteln.

Alte politische Grundhaltung

Mehr als 150 Millionen Dollar im Jahr kommen auf diese etwas mühevolle Weise in der Zentrale in Washington an und sorgen seit Jahrzehnten dafür, dass hörenswerte Sendungen auf der Basis einer öffentlich-rechtlichen Programmphilosophie nach dem Muster der BBC und von Programmangeboten wie beim Deutschlandradio oder beim Deutschlandfunk entstehen.

Das Modell, das keinen Zuhörer dazu zwingt, sich mit festen Gebühren an den Kosten des Betriebs zu beteiligen, und die Sendungen über den Äther sowie über eine bestens zusammengestellte Website (npr.org) frei Haus liefert, existiert aufgrund einer alten politischen Grundhaltung, die man in Amerika an jeder Ecke findet: Der Staat möge sich aus den Medien heraushalten. Das hat den Machern bei NPR, einer Garde von sturmfesten, erfahrenen Journalisten, ein wichtiges Qualitätsmerkmal erhalten. Sie gelten tatsächlich als unabhängig - von der Werbeindustrie, von der Regierung, von den Lobbyisten und von den Marktforschungsdaten.

Die „Arbitron“-Messdaten allerdings belegen zumindest eines: Die Programme erreichen jede Menge Zuhörer. Anders als bei den meisten Tageszeitungen, denen seit Jahren die Abonnenten davonlaufen, und den Fernsehnachrichten der großen Networks CBS, NBC, ABC und Fox, die abends zum Sendebeginn immer weniger Zuschauer begrüßen können, hat NPR Zulauf.

Distanziert wirkenden Nachdenklichkeit

Als die Stiftung in den siebziger Jahren mit bescheidenen technischen Mitteln und einer kargen finanziellen Ausstattung aufgebaut wurde, kam man jede Woche bestenfalls auf zwei Millionen Zuhörer. Die jüngste Auswertung vom Herbst 2008 ergab, dass mittlerweile pro Woche knapp dreißig Millionen Amerikaner einschalten. Die beiden Aushängeschilder „Morning Edition“ und „All Things Considered“ werden von mehr Medienkonsumenten verfolgt als das Nachrichtenprogramm des Fernsehsenders CNN. Umrahmt wird das Ganze mit Sendungen, die eine anspruchsvollere Form des Entertainments pflegen und die laut dem Online-Magazin Slate „mit den diskursiven Geschichten von ,This American Life', dem selbstironischen Gemecker von ,Car Talk' und den vertrauten Insider-Witzen von ,A Prairie Home Companion'“ ein Hörpaket bieten, das kaum mehr aus dem amerikanischen Medienalltag wegzudenken ist.

Der stille Erfolg im Schatten der Dauerberieselung mit zappeligen Bildern, aufgescheuchten Live-Moderationen und pseudoernsthaften politischen Links-rechts-Debatten auf den Bildschirmen hat viele Gründe. Wozu unter anderem gehört, dass die Rundfunkjournalisten eine alte Tugend der Branche pflegen: Sie präsentieren mit einer distanziert wirkenden Nachdenklichkeit und bisweilen höchst eigenwilligem Timbre und Modulation in der Stimme vor allem eines - und das ausführlich: Nachrichten und Hintergrundinformationen aus aller Welt. Besonders stark ist NPR, das pro Woche rund hundert Stunden reines Informationsprogramm produziert, in seiner Auslandsberichterstattung - einem Sektor, der von anderen Medien zunehmend vernachlässigt wird.

Korrespondenten berichten aus mehr als dreißig Ländern. Kaum einer riskiert dabei so viel wie Anne Garrels. Die 58 Jahre als Journalistin aus Connecticut, die an vielen Brennpunkten gearbeitet hat - in Peking während der Studentenunruhen 1989, in Tschetschenien, im Kosovo und in Afghanistan -, blieb während der Invasion des Irak in ihrem Hotel in Bagdad. Das Kontrastprogramm, das sie bot, war typisch für NPR: Statt die Ereignisse aus der Perspektive von ins amerikanische Militär eingebetteten Journalisten zu schildern, dokumentierte sie die Folgen des Bombardements und Krieg live - mit einer emotionslosen, von vielen Zigaretten aufgerauhten Stimme.

Der Dialog übers Geld bringt die Leute zusammen

Der Arbeitsstil hat jenen Ruf begründet, der in einer Meinungsumfrage im Jahr 2005 noch einmal bestätigt wurde: NPR gilt als die vertrauenswürdigste Informationsquelle des Landes. Eine Reputation, die 2003 durch ein außergewöhnliches Legat unterstrichen wurde. Da vererbte Joan Kroc, die Witwe des McDonalds-Begründers, der Einrichtung 225 Millionen Dollar, mit denen NPR das Stiftungskapital aufstocken und zum ersten Mal ausgiebig in den Ausbau des Programms investieren konnte.

Vermutlich hätte bis vor kurzem kein amerikanischer Investor darauf gewettet, dass die Wiederbelebung des guten alten Radios in einem Markt der aufgesplitterten Interessen und Neigungen ein Massenpublikum anlocken würde. Und womöglich hätten ihnen die Pioniere der NPR-Gründerjahre in den siebziger Jahren darin sogar zugestimmt. Denn ein Medienangebot, das zum nackten Überleben alle paar Monate wie ein Losbudenverkäufer auf der Kirmes laut und vernehmlich die Argumente für seine Existenzberechtigung an den Mann und an die Frau bringen muss, wirkt auf den ersten Höreindruck vergleichsweise unsouverän. Tatsächlich bringt der Dialog übers Geld Macher und Publikum näher zusammen. Immer häufiger wird das Modell sogar als Beispiel für die Finanzierung einer Informationskultur genannt, die durch die Flut an kostenlosen Angeboten im Internet in ihren betriebswirtschaftlichen Grundfesten erschüttert wird. Denn keine der bisher in den Verlagen diskutierten Lösungen - sei es eine als Kultur-Flatrate getarnte staatliche Steuer, seien es Mikro-Payments an den Eingangstüren der Online-Portale namhafter Medienhäuser - erscheint durchsetzbar.

Die Kreativität der Macher

Das Spendenkonzept hingegen zeigt für die amerikanische Kultur zumindest einen gangbaren Weg auf. Auf diese Weise überleben Museen und Theater, die ohne staatliche Subventionen auskommen müssen. Und es zeigt im Fall von National Public Radio, dass man sich als Medienanbieter in einer Nische nicht einengen lassen muss. So bietet NPR im Internet inzwischen mehr als bloße Live- Streams und abgespeicherte Beiträge. Zum Standard gehören informative Blogs und Bildstrecken zu ausgewählten Themen und illustrative Musikbeispiele, die Interviews etwa mit Musikern abrunden.

Die Kreativität der Macher ist noch nicht erschöpft. So wertet etwa eine eigene Software im Zentralcomputer jeden Tag die populärsten Suchthemen bei Google und die besonders häufig aufkommenden Stichwörter bei Twitter aus und stellt dazu Tonkonserven und Transkripte aus dem voll digitalisierten Archiv ins Online-Fenster. „NPRbackstory“, so sagt ihr Entwickler Keith Hopper, der sich dazu eine Software ausdachte, die ohne den Einsatz von Personal auskommt, „liefert Kontext und gibt aktuellen Ereignissen eine tiefere Bedeutung.“

Bezahlen müssen die Hörer diesen Service nicht. Nur nutzen. Und sich beim nächsten „Pledge Drive“ erinnern, dass sie NPR eigentlich noch eine Gegenleistung schulden - eine kleine Spende. Sie darf auch größer sein.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: NPR

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
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