02. Oktober 2006 In diesen Tagen vor der Buchmesse ist Jens Redmer in Deutschland unterwegs. Für ein Hintergrundgespräch in Frankfurt nimmt er sich viel Zeit. Die Dinge sind eben komplizierter als es seine Mission vermuten läßt. Diese lautet: Die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Es ist die Mission, die sein Arbeitgeber Google ausgegeben hat und der er sich in großen Schritten nähert. Redmers offizieller Titel ist Direktor Google Buchsuche Europa, Naher Osten und Afrika. Sein Firmensitz ist Hamburg, die meiste Zeit verbringt er aber in London und auf Reisen.
Die Internetsuchmaschine ist für viele, speziell in der Buchbranche, eine Krake, vor deren Umarmung man sich nicht zu schützen weiß. Google löst bei manchen deutschen Verlegern nachgerade einen schizophrenen Schub aus: Einerseits bewundert man die Findigkeit der Suchmaschinenpäpste aus dem kalifornischen Mountain View - Google-Manager gelten als brillante Köpfe -, andererseits sorgt die unbeirrbare Haltung der Firma, keine Grenzen zu akzeptieren, für Verunsicherung. Google hält sich für gottähnlich, sagt ein deutscher Verlagsmanager.
Pro-Kopf-Umsatz von einer Million
Die Firma rüttelt rasant an den Grundfesten der Gutenberg-Galaxis. Gegründet von Sergey Brin und Larry Page, ging Google erst 1998 ans Netz. Vor acht Jahren gab es bereits andere Suchmaschinen, aber keine hat so gut funktioniert wie Google - und keine ist bis heute so schlicht im Auftritt und so raffiniert unter der weißen Oberfläche. Im letzten Geschäftsjahr setzte Google weltweit mit sechstausend Mitarbeitern sechs Milliarden Dollar um; ein Pro-Kopf-Umsatz von einer Million - ein Traumergebnis. Mehr als neunzig Prozent der Erlöse sind werbefinanziert. Für das laufende Jahr rechnet man mit einem Umsatzsprung auf zehn Milliarden Dollar. Der Börsenwert des Unternehmens erreichte Anfang des Jahres 120 Milliarden Dollar, dreimal soviel wie Daimler-Chrysler.
Das Erfolgsrezept: Experimentierfreude. In der sogenannten Beta-Phase werden Produkte auf den Markt geworfen, die noch gar nicht marktreif sind: Abermillionen von Clicks verraten sofort, ob die Angebote angenommen werden - von Google Toolbar über Mail, Talk, Maps, Earth, Desktop Search und News bis Froogle. Der Magen von Google ist unverwüstlich. Die Firma sammelt möglichst viele Daten, und nicht alle dieser Daten bleiben auch unter Verschluß. Vor allem mit den Produkten Desktop und Toolbar hat die Firma einen Fuß in der Tür zur privaten Festplatte. Das Programm Desktop ermöglicht es Google, private Textindizes auf seine Server zu kopieren. Offiziell erlaubt die hauseigene Datenschutzrichtlinie die gezielte Zuspielung von Werbung. Nicht wenige Nutzer werden sich gewundert haben, als an ihrem Geburtstag plötzlich eine Torte mit brennenden Kerzen das Google-Logo zierte. Etappensiege auf dem Weg zur totalen Ökonomisierung und zur Kundendurchleuchtung. Orwells Big Brother nimmt sich dagegen wie ein Waisenknabe aus.
Kein Stein wird auf dem andern bleiben
Im Licht dieser Entwicklungen kann man die Querelen auf dem Buchmarkt nur als Nebenkriegsschauplatz betrachten. Aber auch hier greift Googles religiös grundiertes Plädoyer der einen Welt für alle Bücher. Jens Redmer bringt seine als Charmeoffensive getarnte Mission nüchtern an den Mann. Der sportliche Manager ist Jahrgang 1967. Auf Sylt geboren, hat er eine Karriere in Zeitungsverlagen, bei Fernsehproduktionsfirmen und bei einem Internetauktionshaus hinter sich. Er argumentiert ohne jenen missionarischen Eifer, den das totale commitment normalerweise verlangt. Marketingbonbons wie kontextrelevante Optimierung spult er trotzdem flüssig ab.
Googles Vorwurf an die Verleger: Diese operierten mit glacial speed, mit dem Tempo eines Gletschers. Und das, obwohl im Verlagswesen und im Buchhandel in den nächsten Jahren kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Redmer läßt durchblicken, daß in seinen Augen hier viel Zukunft verschlafen wird. Schon bald wird sich der Internetverkehr auf mobile Geräte konzentrieren, die den schon heute gebräuchlichen Angeboten eines Handys noch Satellitenortung und Internetbrowser hinzufügen. Kann ein Nutzer erst einmal geortet werden, kann man ihn überall und jederzeit mit Werbung und Nachrichten versorgen.
Zugang zu allen Büchern der Welt
Aber Redmer verfolgt auch hehre Ziele - den Zugang zu allen Büchern der Welt, den Menschheitstraum der Universalbibliothek zu ermöglichen. Dazu hat man bei Google 2004 das Bibliotheksprojekt ins Leben gerufen. Wissenschaftliche Bibliotheken stellen ihren Bestand zur Digitalisierung zur Verfügung. Nach sechs amerikanischen Spitzenuniversitäten und der Oxford University hat vergangene Woche mit der Complutense-Universität in Madrid die zweite europäische Wissensbastion für Google die Tore geöffnet. Eine Investition von strategischer Reichweite, sagt Redmer. Werbung wird auf diesen Seiten nicht gemacht - wohl aber die Basis für künftige Geschäfte gelegt.
Darüber hinaus digitalisiert Google Bücher, deren Urheberrechte erloschen sind. Deutsche Verlage schickten, so Redmer, ihre Neuerscheinungen gern als fertiges Buch. Google verschifft sie containerweise nach Kalifornien, wo sie in Scanning-Fabriken von Scan-Jockeys digitalisiert werden. Und dann ist da noch jene Dark Web genannte Wissensschatztruhe von Inhalten, die im Netz stehen, die aber mangels Verlinkung oder wegen störender Schutzwälle nicht gehoben werden können. Von den Zillionen Offline-InhalteN ganz zu schweigen - eben jenen Büchern, Bildern und Zeitungen, die nicht digitalisiert sind.
Google gegen das Urheberrecht
Jens Redmers Ansage, daß alles, was Google unternehme, letztlich allen Autoren und Verlagen nutzt, kommt nicht überall gut an. Der Unmut, der sich hierzulande gegen die Suchmaschinisten richtet, hat handfeste juristische Gründe. Das Urheberrecht - derzeit auch von der Politik unter Beschuß - ist nichts, wovon sich Google bremsen ließe. Im Juli wurde deswegen in Deutschland ein Testballönchen gestartet: Gestützt vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, unternahm es die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, am Hamburger Landgericht einen Antrag auf einstweilige Verfügung zu stellen.
Hintergrund: Google hatte unter anderem Bücher der WBG ins Netz gestellt, ohne vorab die Urheberrechte zu klären. Wem diese Selbstbedienungsmentalität nicht paßt, der kann in einem Opt-out-Verfahren verlangen, daß die Inhalte aus dem Netz genommen werden: eine spitzbubenhafte Umkehrung des gängigen Rechtsprinzips. Möglich wurde das mit einem Trick. Weil die Bücher in Amerika eingescannt werden und - angeblich - auch von dort aus über einen Server ins Netz gelangten, verwies das deutsche Gericht den Fall an die amerikanische Justiz.
Die Gegenwehr kommt spät
Das Opt-out-Verfahren beschreibt ein deutscher Verleger so: Man stellt sein Auto auf die Straße, und Google fährt damit weg. Erst nach einem Aufschrei des Besitzers gibt der Dieb das Auto zurück. In den Vereinigten Staaten versucht die Authors' Guild zusammen mit dem Verlegerverband und Großverlagen vor Gericht gegen Google zu siegen - während genau die gleichen Verlage immer mehr Geschäfte mit der Suchmaschine abschließen. Dem Vernehmen nach will der Börsenverein gerichtlich nachlegen; zunächst springt die Ständevertretung auf einen Zug auf, den die Verlagsgruppe Holtzbrinck unter dem Arbeitstitel bookstore entwickelt und den sie am Mittwoch bei der Buchmesse vorstellen wird.
Die Gegenwehr kommt spät. Mit knapp neunzig Prozent Marktanteil ist Google uneinholbar enteilt. Die Frage wird deshalb immer lauter, ob das Urheberrecht überhaupt noch zeitgemäß sei. Wird es für Verlage künftig ein hinreichendes Geschäftsmodell sein, gute Bücher zu machen? Jens Redmer gibt darauf noch brav die Antwort: Wir wären töricht, wenn wir das Urheberrecht mit Füßen treten würden. Ein Geschäftsmodell, das rechtlich auf wackligen Füßen stünde, habe keine Aussicht auf Erfolg. Das sagt sich leicht, wenn man in der Lage ist, die Regeln des Erfolgs selbst definieren zu können.
Text: F.A.Z., 02.10.2006, Nr. 229 / Seite 35
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